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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

PETER MOTZAN ZUM 6O. GEBURTSTAG


„DENN BLEIBEN IST NIRGENDS“

Der Lyriker Werner Söllner im Kontext seiner Generation


Peter Motzan

 

   I.

   Als Werner Söllner im Oktober 1970 das Studium der Physik im siebenbürgischen Klausenburg aufnahm, war im kleinen rumäniendeutschen Literaturbetrieb vieles in Bewegung geraten. Geboren am 10. November 1951 in Neupanat als Sohn eines Banater Schwaben und einer Siebenbürger Sächsin, wuchs Söllner in den real existierenden Sozialismus made in Romania hinein, besuchte das deutsche Gymnasium in Arad und veröffentlichte schon als Schüler unter dem Pseudonym Claus Hermann einige Gedichte. Doch der 19-jährige Abiturient wollte sich der nahrhafteren Prosa einer exakten Wissenschaft zuwenden. Glücklicherweise sollte es anders kommen.

   1965 war aus der Riege der kommunistischen Spitzenfunktionäre ein geradezu unorthodox junger, 47-jähriger Mann namens Nicolae Ceauºescu zum Ersten Parteisekretär aufgestiegen, der die Rolle des Hoffnungsträgers für sich reklamierte, sich als kühner Verteidiger nationaler Interessen gegen sowjetische Hegemonieansprüche profilierte und mit verlockenden Zugeständnissen Schriftsteller und Künstler für seine Politik zu gewinnen trachtete. Ein reformwilliger Sozialismus schien mit seinen selbstkritischen Ansätzen, innenpolitischen Lockerungen und außenpolitischen Öffnungstendenzen neue Lebensperspektiven zu eröffnen.

   Nach dem Sturz der Diktatur des Marschalls Ion Antonescu im August 1944 waren die Siebenbürger Sachsen, die schon seit dem 12. Jahrhundert in Transsilvanien lebten, und die Schwaben, die im 18. Jahrhundert ins Banat einwanderten, in ihrer Gesamtheit zu Kollaborateuren des nationalsozialistischen Deutschland deklariert worden – eine undifferenzierte Kollektivschuldzuweisung mit folgenschweren Auswirkungen: Deportationen von rund 70.000 Männern und Frauen zu Reparationsarbeiten in die Sowjetunion hatten sie auseinander gerissen, Enteignungen und Entrechtungen ihre Existenzgrundlagen zerstört; die Eingliederung – als gleichberechtigte Bürger – in ein totalitäres Gesellschaftssystem, das nach der Ausrufung der Rumänischen Volksrepublik am 30. Dezember 1947 aufgebaut wurde, hatte den Rumäniendeutschen den Unterricht in der Muttersprache an Staatsschulen zwar gesichert, sie jedoch auch von der deutschen Bezugsgesellschaft isoliert und ihnen die gruppenrechtliche Eigenständigkeit entzogen. Kollektivierung der Landwirtschaft, forcierte Industrialisierung und Urbanisierung, gezielte Bevölkerungsumverteilung, gewachsene gesellschaftliche Mobilität führten zwangsläufig zu einer Aushöhlung siebenbürgisch-sächsischer und banat-schwäbischer Siedlungsstrukturen.

   Das kommunistische Regime trachtete nun danach, durch Ausweitung des kulturellen Entfaltungsspielraums der Staatsverdrossenheit und dem schwelenden Wunsch der Auswanderung in ein idealisiertes Sehnsuchtsland, die prosperierende Bundesrepublik Deutschland, entgegenzuwirken und sich dadurch auch einen Prestigegewinn im westlichen Ausland einzuhandeln. Der von Kontrollinstanzen überwachte deutschsprachige Literaturbetrieb – laut der Volkszählung des Jahres 1966 lebten noch rund 383.000 Deutsche (2 % der Gesamtbevölkerung) in Rumänien – wurde schrittweise zu einem funktionierenden Subsystem ausgebaut, das alle Elemente enthielt, aus denen sich eine literarische Kultur zusammensetzt: Verlage in Bukarest, Klausenburg und Temeswar mit einem breit aufgefächerten Angebot, Zeitschriften und Zeitungen mit Kulturbeilagen, Rundfunk- und Fernsehsendungen, zwei professionelle Theater, in Temeswar und Hermannstadt, zahlreiche Literaturzirkel in Universitätszentren und den größeren Städten mit deutschem Bevölkerungsanteil. In rascher Folge wurden im kulturellen Feld einige Verbotstafeln beseitigt, die ästhetisch-normativen und weltanschaulich-restriktiven Schreibkonzepte des „Sozialistischen Realismus“ als wirklichkeitsblind verworfen. Die langjährig vergitterten Traditionen der Zwischenkriegszeit befreite man zu neuem Leben, marginalisierte und verfemte Autoren konnten wieder in Erscheinung treten, zahlreiche junge Autoren drängten an die Öffentlichkeit. 31 neue Namen meldeten sich 1970 auf den Schüler- und Studentenbeilagen der Temeswarer Neuen Banater Zeitung zu Wort, 1972 erschienen in der Bukarester Zeitschrift Neue Literatur Gedichte von 27 Lyrikern, die allesamt jünger als 22 Jahre waren. Der Eiserne Vorhang öffnete sich einen Spalt breit, die auf Hochtouren laufende Rezeption moderner westeuropäischer Literatur bescherte Überraschungen, rief Minderwertigkeitskomplexe hervor, weckte Nachholbedürfnisse, verführte zur Imitation, setzte aber auch Lernprozesse, Reflexionen über die eigenen Möglichkeiten und Grenzen in Gang.

   Was diese Zeitspanne verwirrender Bildungserlebnisse und beschleunigter Wandlungen auszeichnet, ist ein Potpourri der Stile, die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen auf kleinem Raum. Auffällig war dabei die Dominanz der Lyrik. Die rumäniendeutschen Autoren bewegten sich in plurikulturellen und mehrsprachigen Kommunikationsräumen, ihr Alltag verlief im Zeichen eines konkurrierenden Neben- und verschlungenen Ineinander der Idiome: deutsche Insel- und rumänische Landessprache, regional unterschiedliche Mundarten, Umgangssprachen von eigenartigem Lokalkolorit, Mischsprachen. Im Gedicht konnte die erklärliche Unsicherheit im Umgang mit dem verfügbaren Sprachmaterial eher überwunden oder dank der leichteren Nachahmbarkeit lyrischer Muster zumindest kaschiert werden. Entscheidend kam noch hinzu, dass dessen gattungsspezifische Konstitution sich dazu eignete, unter Zensurdruck kumulative Aussagefunktionen zu übernehmen, nicht-konforme Botschaften in poetischer Camouflage zu übermitteln und dem lange gedrosselten Drang nach subjektzentrierter Aussage stattzugeben. Denn noch immer blieben große Bereiche historischer und gegenwärtiger Erfahrungen tabuisiert, unbeschönigte Darstellungen der Gegebenheiten und Zustände wurden durch Zensureingriffe geglättet und entschärft.

   Auf der tastenden Suche nach neuen Ausdrucks-Wegen begann sich die rumäniendeutsche Lyrik aus der Sackgasse des Sozialistischen Realismus und dem Korsett regionaler Traditionen hinauszuschreiben in eine zeitverschobene Ausprägung der literarischen Moderne. Vorerst machte das Gesetz der Kompensation seine Rechte geltend. Der Diskurs wird dunkel, der Ton raunend, die Aussage verrätselt. Als Reaktion auf eine sozialistische Affirmationshymnik blühte nun eine Poesie der Verweigerung, die sich nicht in den Dienst einer Ideologie nehmen ließ. Franz Hodjaks (geb. 1944) Debütband Brachland (1970), der elegisch getönte, an der Metaphorik Georg Trakls und Paul Celans geschulte Texte enthält, signalisiert beispielhaft die Abkehr von den Harmonieschablonen der Heimatlyrik und der plakativen Rhetorik verordneter Aufbauliteratur.

   Schon 1971 verabschiedete sich Werner Söllner von der Physik und wechselte zur Germanistik und Anglistik über, nachdem er ein Jahr lang immer mal wieder in philologische Studienfächer hineingeschnuppert hatte. Dazu dürfte u.a. auch Franz Hodjak, der seit Oktober 1970 als Lektor der deutschen Abteilung des neu gegründeten Dacia Verlags in Klausenburg tätig war, einiges beigetragen haben, der frühzeitig und hellsichtig die ungewöhnliche Begabung Söllners erkannt hatte.

 

   II.

   Doch just zu dem Zeitpunkt – im Juli 1971 –, als Söllner die Aufnahmeprüfung glänzend bestand, richtete Nicoale Ceauºescu seine 17 „Thesen zur Verbesserung der politisch-ideologischen Arbeit, der kulturellen und erzieherischen Tätigkeit“ gegen die literarische Vielstimmigkeit. Führungsanspruch und Weisungsberechtigung der kommunistischen Partei sowie die Unfehlbarkeit der staatsideologischen Doktrin, in der repressive Züge mit nationalistischen Tendenzen verschmolzen, wurden darin ausdrücklich bekräftigt. Auf dem Weg aus der Kommandozentrale in die Redaktionen und Verlage büßten die Thesen in den folgenden Jahren indessen einiges an Schärfe ein. Das literarische Leben ließ sich offensichtlich nicht mehr schlagartig umprogrammieren und durch einen Gewaltakt verstümmeln. Und die „Juli-Thesen“ hatten einen unbeabsichtigten Nebeneffekt: Sie lenkten Blick- und Denkrichtung auf den eigenen Lebens- und Kommunikationsraum, ließen die Grenzen der erhofften Freiheit deutlicher hervortreten.

   Überdies war die kleine rumäniendeutsche Literaturgesellschaft im Jahrfünft 1966–1971 um einige ihrer wichtigsten Repräsentanten ärmer geworden, die auch als „Multiplikatoren“, als Befürworter der Rückgewinnung ästhetischer Schreibweisen bzw. der Formerneuerung in Erscheinung getreten waren. 1966 starb Oscar Walter Cisek, 1967 Alfred Margul-Sperber, 1966 übersiedelte Andreas Birkner in die Bundesrepublik Deutschland, ihm folgten 1968 Hans Bergel und Oskar Pastior, 1969 Dieter Schlesak, 1970 Astrid Connerth, 1971 Paul Schuster. Junge Autoren preschten nun vor und drängten in die Leerstellen, eroberten selbstbewusst die literarische Szene.

„Einen besonderen Stellenwert“ erinnert sich Werner Söllner 1990,

hatte in jenen Jahren die Klausenburger Kulturzeitschrift Echinox. Sie wurde von Studenten und jungen Hochschullehrern in drei Sprachen (Rumänisch, Ungarisch, Deutsch) herausgegeben und nahm mit der Zeit eine zentrale Rolle in der zeitgenössischen rumänischen Literatur ein. [...] Das Zusammenwirken von jungen Intellektuellen unterschiedlicher Nationalitäten, verbunden mit dem – so gut es ging – an bürgerliche Traditionen anknüpfenden Hochschulbetrieb, (der auf das politische Tagesgeschehen – dem er doch auf Gedeih und Verderb ausgeliefert war – gelegentlich mit Herablassung blickte), ließ in Klausenburg eine Atmosphäre entstehen, die geistigen Auseinandersetzungen eine Zeitlang vergleichsweise mehr Spielraum bot als in anderen rumänischen Universitätsstädten.[1]

   1972 übernahm Werner Söllner die Redaktion der deutschen Seiten dieser Zeitschrift und ließ seine etwa gleichaltrigen Dichterfreunde des Öfteren mit vorwiegend nonkonformen, kritischen Texten zu Wort kommen. Im selben Jahr – April 1972 – hatten in der westrumänischen multiethnischen Universitätsstadt Temeswar mehrere junge Autoren – Werner Kremm (geb. 1951), Johann Lippet (geb. 1951), Gerhard Ortinau (geb. 1953), Anton Sterbling (geb. 1953), William Totok (geb. 1951), Richard Wagner (geb. 1952) und Ernest Wichner (geb. 1952) – die Aktionsgruppe Banat gegründet, eine Solidargemeinschaft von Schreibenden, die Gewicht auf Teamwork legten und sich als Marxisten bezeichneten. Wenige Monate später gesellte sich der Bukarester Germanistikstudent Rolf Bossert (1952–1986) – laut eigener Aussage als „korrespondierendes Mitglied“ – hinzu. Durch ihr Selbst- und Weltverständnis emanzipierten sie sich von dem ideologischen Drill der Institutionen und den national-konservativen Wertvorstellungen ihres Herkunftsmilieus, durch Entschlackung und Entpoetisierung der Aussage rehabilitierten sie den Mitteilungscharakter des Gedichts, mit ketzerischen Wortmeldungen schockierten sie das Leserpublikum, verulkten und provozierten die Ordnungshüter. Ein Sozialismus mit menschlichem Gesicht schwebte ihnen als Zielutopie vor, ihre weltanschaulichen und politischen Überzeugungen nährten sich von Projekten der westeuropäischen Linken. In Rundtischgesprächen, Statements und Interviews entwickelten die Literaturenthusiasten, die aus Banater Dörfern und Kleinstädten aufgebrochen waren, ihre Vorstellungen von einer gleichermaßen ästhetisch avancierten, realitätsverankerten und wirkungsorientierten Literatur, in der Kunst- und Gebrauchswert als Partner zusammenfinden müssten. Schon 1972 konstatierte Gerhardt Csejka in einem Aufsatz mit dem bezeichnenden Titel Als ob es mit Als Ob zu Ende ginge auch bei anderen jüngeren rumäniendeutschen Lyrikern eine Abwendung von hermetischen Verdunkelungsmanövern und eine Hinwendung zum „sozial verbindlichen Gedicht“[2]. Dabei versäumte er nicht, auf Anemone Latzinas (1942–1993) Debütband Was man heute so dichten kann (1971) hinzuweisen: Ihre Erkundungen des realsozialistischen Alltags, die das Recht auf Unzufriedenheit und Entscheidungsfreiheit einfordern, die widerspenstige Klarheit sowie der nüchtern-ironische Duktus ihrer Texte trugen wesentlich dazu bei, dass sie in eine Vorreiterrolle für die Autoren der Aktionsgruppe Banat aufrückte.

   Weniger scharfschnittig als diese vollzogen Frieder Schuller (geb. 1942), Rolf Frieder Marmont (1944), Franz Hodjak, Bernd Kolf (geb. 1944), Klaus Hensel (geb, 1954) und auch Werner Söllner den Bruch mit der Tradition; an der „Aura“ des Gedichts hielten sie fest, von größerer Bandbreite in der formalen Gestaltung sind ihre frühen Texte. Andererseits springen Gemeinsamkeiten mit den Gegenentwürfen und Innovationsbestrebungen der Aktionsgruppe Banat förmlich ins Auge. Aufgrund weitgehend übereinstimmender politischer Orientierungen und poetologischer Konzeptionen bilden die zwischen 1942 und 1954 Geborenen eine literarische Generation, eine Alterskohorte, deren wichtigste Repräsentanten im Laufe weniger Jahre einer kleinen Randliteratur, die sich auf einem zerklüfteten und abschüssigen Gelände entfaltete, einen unverwechselbaren Glanz verliehen. Ihre Denk- und Empfindungsweisen formten sich in einer Phase relativer Liberalisierung der Produktionsbedingungen und Publikationsmöglichkeiten aus, die meisten hatten sich für ein Studium der Germanistik entschieden, das Freiräume für Lesestunden und Schreibübungen bot, und danach im Literaturbetrieb Fuß gefasst – als Kulturredakteure und Verlagslektoren.

   Die Rezeption Bertolt Brechts und seiner mündigen Nachfahren in den beiden deutschen Staaten – von Hans Magnus Enzensberger bis Günter Kunert, von Erich Fried bis Volker Braun ‑ gehört zu den folgenreichsten Kapiteln der deutschsprachigen Literatur Rumäniens in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre. In Bertolt Brecht fanden die jungen Autoren einen listenreichen Pädagogen des Zweifels, einen Lehrmeister pathosfeindlicher Sachlichkeit und dialektischer Argumentation. Bei den Bestandsaufnahmen der Diskrepanzen zwischen erfahrener Realität und den bombastischen Erfolgsmeldungen des Propagandaapparats paart sich in vielen Texten skeptische Nüchternheit mit dem Vertrauen in die Macht der Vernunft und die Produktivkraft Poesie.

   Im Juni 1975 schloss Werner Söllner sein Germanistikstudium mit einer vorzüglichen Magisterarbeit über den frühen Paul Celan ab, wenige Wochen später erschien im Dacia Verlag Klausenburg sein erster Lyrikband wetterberichte, der mit einem Preis des Zentralkomitees des kommunistischen Jugendverbandes Rumäniens ausgezeichnet wurde – wie vor und nach diesem Bücher von Frieder Schuller, Franz Hodjak, Richard Wagner, Rolf Bossert und Herta Müller (geb. 1953). Söllner zieht darin die gleichen lyrischen Register wie die meisten Autoren seiner Generation in der ersten Hälfte der 1970er-Jahre. Es handelt sich überwiegend um Texte, die Realitätserkundung anstreben, innerhalb des gegebenen Kommunikationsrahmens den Dialog mit der Gesellschaft suchen, die, im Sinne Bertolt Brechts, als veränderbar eingeschätzt und als veränderungsbedürftig begriffen wird. Die vorgefundenen Zustände werden an der Utopie eines freiheitlich-demokratischen Sozialismus gemessen. Man begegnet epigrammatischen Kurzformen, parabelhaften Konstruktionen, gerafften Situationsprotokollen, Stadt- und Landschaftsgedichten, sprachspielerischen Anleihen bei der Konkreten Poesie. Sozusagen zum freiwilligen Pflichtpensum zählen engagierte Einwürfe zum Vietnam-Krieg und zu der chilenischen Militärdiktatur Pinochets. Es geht Söllner um die Mitteilung von Sachverhalten, die mal in aussparender Raffung, mal metaphorisch verbrämt, mal in punktuellen Anspielungen oder in allegorischer Kodifizierung ausgeleuchtet und ausgebreitet werden. Der Grundgestus ist meist der des Aufklärers, der warnt, abwägt, aufzeigt. Einen unverwechselbaren Klang haben nur zwei traumhaft versponnene Gedichte (el condor pasa; lied), die in ihrer Verknüpfung von einfallsreicher Bildkombinatorik und eingängigem Rhythmus auf die liedhaften Verse der 1990er-Jahre vorausweisen.

 

   III.

   Der Herbst 1975, als Werner Söllner nach Bukarest übersiedelte und – nach einem einjährigen Intermezzo als Deutsch- und Englischlehrer – 1976 Lektor der deutschsprachigen Abteilung im rumänischen Kinderbuchverlags Ion Creangã wurde, markiert eine Wende in der neueren rumäniendeutschen Literatur. Im Oktober werden die Aktivitäten der Aktionsgruppe Banat – ihre kollektiven Auftritte hatte der rumänische Geheimdienst Securitate schon gleich nach ihrer Gründung systematisch observiert – brutal und repressiv unterbunden. Die Schreckgespenster der 1950er-Jahre – Schriftstellerprozesse, willkürliche und langjährige Inhaftierungen, Publikationsverbote – düsterten plötzlich auf. Unter der Anschuldigung staatsfeindlicher Agitation kam William Totok für acht Monate in Untersuchungshaft, 1975 wanderten Ernest Wichner, im gleichen Jahr Anton Sterbling und 1980 Gerhard Ortinau in die Bundesrepublik aus, Werner Kremm verstummte als Autor.

   Angesichts einer sich verhärtenden nationalkommunistischen Diktatur verfliegen die Hoffnungen auf ein Mitspracherecht wie Rauch vor starken Winden. Von der sie umschnürenden Wirklichkeit, die sie vergebens zu überreden versucht hatten, werden die Autoren nun fortschreitend eines Schlechteren belehrt. Nicolae Ceauºescu ließ sich in seinem krebsartig wuchernden Größenwahn selbst von Poeten mit geringer Hörweite in seine Zielvorstellungen von der homogenen sozialistischen Nation und vom eigenschaftslosen Menschen nicht hineinfunken.

   Der Illusionsverlust ging Hand in Hand mit einem Verlust an Vertrauen in die Brechtsche Schreibweise und in deren Überzeugungsstrategien. Die begrenzte Variabilität der Bauformen und die Durchschaubarkeit der Konstruktionsregeln hatten überdies zu deutlichen Abnutzungserscheinungen geführt. Waren bisher Erkenntnisinteresse und Urteilskraft auf möglichst globale Zusammenhänge ausgerichtet, rückt nun das Ich als einzig verlässliche Instanz in den Mittelpunkt der Texte. An die Stelle eingreifender und unterweisender Haltungen tritt das beobachtende, meditative Verhältnis zur Realität, sozial eingebunden und situiert bleibt das auf sich selbst zurückgeworfene Subjekt allemal. Dabei orientierten sich die Autoren mit unverminderter Leseneugier auch weiterhin an kulturellen Veränderungsbewegungen und ästhetischen Innovationen des deutschen Zentrums, zu den Positionsverschiebungen haben sicherlich auch unterschiedliche literarische Einflüsse beigetragen – u.a. Peter Handkes sprachbezogene Poetik oder Rolf Dieter Brinkmanns extreme Erweiterung des lyrischen Gegenstandsbereichs, seine fotografisch inszenierte Wahrnehmung des Disparaten, die lockere Organisation der Parlandogedichte von Günter Herburger bis Wolf Wondratschek.

   Charakteristisch für diese Entwicklungsphase der rumäniendeutschen Lyrik – die der Kritiker Walter Fromm mit der allgemein akzeptierten Trendetikette engagierte Subjektivität[3] versehen hat – sind vor allem lange Texte, die dem Prinzip kalkulierter Lässigkeit gehorchen, jeden Strukturzwang von sich weisen und schon dadurch Widerstand leisten gegen den Kanon präskriptiver Normen.. Schreiben wird zu einem Medium der Selbstvergewisserung, zu einem Akt störrischer Selbstbehauptung, dessen Engagement durch das unbeschönigte Aufschreiben dessen, was den Autoren in der verwalteten Welt widerfährt, verbürgt ist.

   In den lyrischen Diskursen von Richard Wagner, Franz Hodjak, Werner Söllner, Rolf Bossert, Johann Lippet, William Totok, Hellmut Seiler (geb. 1953), Horst Samson (geb. 1954) sind die Szenerien die des Alltags: morgendliches Erwachen, der Weg zum Arbeitsplatz, ein Wochenende auf dem Lande, Busfahrten, Kino- und Kneipenbesuche, Spaziergänge und Schlangestehen, Büroplaudereien, Selbstgespräche und Gespräche mit Freunden, Wachträume in der Badewanne, Kopfreisen in nie betretene Länder, Liebesaffären. Wie eine Klammer umschließt der sozialistische Alltag das Ich, die Außenwelt drückt ihre Spuren in die verletzliche Innenwelt ein. Die Texte bilden Bewusstseinsbewegungen ab, erfassen das Fluktuierende der Stimmungen und das Chaotisch-Sprunghafte der Denkvorgänge. Der Verzicht auf das Ordnen und Bündeln der Apperzeptionen führt streckenweise zur Preisgabe der Stringenz und Formbestimmtheit, zum Verschwinden des Ich hinter den wuchernden Einzelheiten, doch gerade dieser antihierarchische Ansatz hat Methode, er verdeutlicht die Übermacht von Geboten und Verboten, von bürokratischen und ökonomischen Sachzwängen.

   Das Langgedicht der engagierten Subjektivität setzte sich durch, übte geradezu einen Nachahmungszwang auf jüngere Lyriker aus, dem sich nur wenige entziehen konnten – wie z.B. Klaus Hensel mit einem durchaus ausgereiften Debütband (Das letzte Frühstück mit Getrude, 1980).

   Der Wahl-Bukarester Werner Söllner war in das Literaturgeschehen der 1970er-Jahre, das trotz zahlreicher Gängelungsversuche durch eine aggressive, wieder erstarkte repressive Kulturpolitik eine gewisse Eigendynamik bewahren konnte, voll integriert und geriet damit in eine Position hinein, die der ungarische Essayist und Romancier György Dalos als kennzeichnend für viele beachtenswerte Autoren des Ostblocks in dessen beiden letzten Lebensjahrzehnten beschrieben hat: Die Ambivalenz der Situation der kritischen Literaten bestand darin, dass sie strukturell zwar der offiziellen Kultur angehörten, gleichzeitig aber Hoffnungsträger der entmündigten Gesellschaft waren.[4] Söllner veröffentlichte weiterhin regelmäßig Gedichte, Übersetzungen und Rezensionen in der deutschsprachigen Presse des Landes und knüpfte auch in der Hauptstadt ohne Berührungsängste Beziehungen zu rumänischen Autoren. Als kleines Zentrum der Gegenöffentlichkeit bildete sich ein Freundeskreis heraus, zu dem u.a. Rolf Bossert, Gerhardt Csejka, Klaus Hensel zählen, in dem intensiver Austausch gepflegt wird und während endloser Debatten Pläne geschmiedet, Schreib- und Überlebensstrategien entwickelt, erarbeitet und verworfen werden. Für seinen Band Mitteilungen eines Privatmannes (1978) erhielt Söllner den Lyrikpreis, für die deutschen Fassungen der Gedichte Mircea Dinescus unter der billig gemieteten sonne (1980) den Übersetzerpreis des rumänischen Schriftstellerverbandes. 1979 veröffentlichte er in der Bundesrepublik Deutschland das Langgedicht Sprachigkeit, 1980 im Bukarester Kriterion Verlag seinen dritten Lyrikband Eine Entwöhnung. 1981 erschien in eigener Nachdichtung ein Auswahlband seiner Gedichte in rumänischer Sprache (Piramida lupilor – Die Pyramide der Wölfe).

   Doch die deutsche Sprachgemeinschaft war einem unaufhaltsamen Erosionsprozess ausgesetzt, ab 1978 – infolge eines Abkommens zwischen Rumänien und der Bundesre-publik Deutschland – wuchs die Zahl der Aussiedler auf rund 12.000 jährlich, die kleine Lesergemeinde schrumpfte unaufhaltsam. Ehern wie die Gestirne ziehen die 1980er-Jahre herauf. 1982 wurden die Lebensmittel rationiert, zwecks Tilgung der hohen Auslandsschul-den ein harter Sparkurs eingeleitet, der die Wirtschaft völlig zerrüttete und breite Schich-ten der Bevölkerung in Armut stürzte. In einen vom Bewusstsein der Endzeit geprägten Abschnitt tritt nun die rumäniendeutsche Lyrik. Und berichtet über zerschellte Träume, amputierte Gegenwart und den Mangel an Zukunft in einem verfinsterten Staat. Das Motiv der verkehrten Welt wird mit der alles überschattenden Erfahrung des Abschieds vernetzt.

   Programmatisch kündigt der Titel von Werner Söllners zweitem Band die Verengung des Sichtfeldes an: Mitteilungen eines Privatmannes. In Rückzugsbewegungen auf die gefährdeten persönlichen Erfahrungsbereiche werden darin Sinn-, Legitimations- und Schreibkrisen zur Sprache gebracht. Abwechslungsreiche raffinierte Topik, intertextuelle Kombinatorik, perspektivische Verschiebungen, eine ausgeklügelte Mischung von diagnostisch-subjektiver Schärfe und bildhafter Rede zeugen von einem artistischen Arrangement des ‚Authentischen’:

[...]  Ja, gewiss, ich gebs

zu, für Augenblicke wich

die Beklemmung, beim Atemholen

vor offenem Fenster, bei Nacht.

Unten die vertraut zerbröckelnde Stadt,

die singend zerplatzenden Hügel

am Bosporus, die kühl zerfallenden Schwäne

auf den Seen der Märkischen Schweiz,

der brennende Feigenbaum vor meinem Fenster

zu Hause, wenn ich nicht irre, auf der Straße

der Freiheit.

                      Es ist nicht viel, wenn

ichs zähle, aber auch der Tod lässt sich

ein Leben lang bescheißen.

                      Leben also: wurzellos, man

weiß es, aber verbunden , mit allem,

was uns geschieht, auch

mit seinen Grenzen, auf Messers

Schneide [...] [5]

   Völlig verdorrt ist der Traum von einem unverstümmelten Leben in Eine Entwöhnung (1980), dem radikalsten deutschen Gedichtbuch, das im kommunistischen Rumänien erschienen ist. Durchzogen sind dessen Texte von abgrundtiefer Verzweiflung, wütenden Klagen, heftigen Zornausbrüchen, von Metonymien und Metaphern der Verdinglichung, Vereisung, Vernichtung. Zur Forstlandschaft erstarrt das Land, ausgebrochen ist ein eisiger Winter der Gefühle:

[...] Wie ein dunkle Vogelkralle hakt sich das lärmende

 

Nichts in mir fest, das lärmende Nichts aus den Läden,

der bleichgesichtige Schweiß aus den Bussen, die Wut

der Maschinen, die die Kindheit der Kinder schnell hinter

sich bringen. (Und die Erinnerung an das, was ich einst war

 

ist ein Eisfeld.) Ich laufe raus vor den Wohnblock

 

[...] Mit dem Tod

in der Tasche kehr ich zurück und würg ihn, Bissen für Bissen

hinunter. Ich esse gefrornen Zement. Ich wollte, ich hätte

 

die Macht, Jahreszeiten durcheinander zu bringen, Eis

Zeiten zu verhindern. Ach, unsere Zehnmeterfreiheit hinter

dem Gitter verschlossner Wohnungstüren, unsere Spielräume

im Kopf, dass alles klirrt, unsere Jobs, unser Hunger und unsere

 

Einwände gegen den Hunger, unsere Lebensweise, auf dem Stuhl

hockend, mit dem Rücken an der Wand. [...] [6]

   Das lange Titelgedicht ist ein zerfranster Bildungsroman in Versen, ein Rekonstruktionsversuch einer zersplitternden Identität, ein Bruchstück einer rabiaten Konfession und zugleich Wegsuche eines verunsicherten Ich, das unter Zensurzwang nach Haltepunkten, nach Worten, nach Sinn fahndet, der sich verweigert und entzieht. Als Motto ist diesem Erzählgedicht ein leicht abgewandeltes Hölderlin-Zitat – aus Hyperions Schicksalslied – vorangestellt: „Uns ist gegeben, an keiner Stätte zu ruhen.“

   Das Training des aufrechten Gangs, wo man doch von wachsenden unausweichlichen Kompromisszwängen umzingelt war, wurde nun von vielen Autoren als zunehmend mühsamer und kräftezehrender empfunden, obwohl der Entschluss zum erzwungenen Abschied bei den meisten nur zögernd reifte. 1981 wanderte Klaus Hensel in die Bundesrepublik Deutschland aus, ein Jahr später entschied sich Werner Söllner, von einer Lesereise nicht heimzukehren, im November 1985 wurde Rolf Bossert die Ausreisegenehmigung erteilt. 1987 verließen u.a. Richard Wagner, Johann Lippet, William Totok, 1988 Horst Samson, 1989 Hellmut Seiler Rumänien. Erst 1992, zwei Jahre nach der Wende, folgte ihnen Franz Hodjak, der als Lektor viele Bücher seiner Weggefährten betreut und veröffentlicht hatte.

 

   IV.

   Über Dezennien hinweg war die rumäniendeutsche Literaturszene in der Bundesrepublik Deutschland weggeschwiegen worden. Erst in den späten 1980er und frühen 1990er-Jahren wirkten im Zusammenspiel zahlreiche politische Ereignisse und Faktoren dahingehend, dass die Mauer der Ignoranz durchbrochen wurde: die menschenverachtende und bizarre rumänische Diktatur und der byzantinisch-stalinistische Führer-Kult als Schlagzeilen-Lieferanten, der gewaltsame Sturz des Regimes im Dezember 1989 und ein Land im Rausch der Befreiung als Medienereignisse, der Auswanderungswillen der rumäniendeutschen Minderheit, ihr massenfluchtartiger Exodus nach dem Wegfall der Reisebeschränkungen, der Zusammenbruch des Kommunismus, das Ende des Ost-Westkonflikts, das Näherrücken eines jahrzehntelang eingekerkerten Teils des Kontinents und seiner verdrängten Geschichte.

   Eingeleitet wurde die verspätete Rezeption mit der großen Resonanz von Herta Müllers Prosaband Niederungen (1984); der Freitod Rolf Bosserts – im Februar 1986 stürzte er sich aus dem Übergangsheim Frankfurt-Griesheim in den Tod – rief nicht nur in Literatenkreisen Erschütterung hervor, sein posthum erschienener Lyrikband Auf der Milchstraße wieder kein Licht (1986) machte das Ausmaß des Verlusts, den die gesamte deutsche Literatur erlitten hatte, deutlich und öffnete den Blick für die rumäniendeutsche Literatur und ihre Ausgangsorte, wobei sich das selektive Interesse allerdings vorrangig auf eine als Gruppe wahrgenommener jüngerer Autoren konzentrierte. Die Gedichtbände von Richard Wagner Rostregen (1986), Werner Söllner Kopfland. Passagen (1988), Klaus Hensel Oktober Lichtspiel (1988), Ernest Wichner Steinsuppe (1988), Franz Hodjak Siebenbürgische Sprechübung (1990) bildeten weitere Stationen eines Wahrnehmungswandels, einer Erfolgsgeschichte, die einsetzte, als die rumäniendeutsche Literatur unüberhörbare Signale ihrer Auflösung aussandte. Sicherlich spielte dabei auch der Überrumpelungseffekt eine Rolle: Zwar las man die Texte vorrangig als Zeugnisse existenzieller Bedrohung und abgewürgten Lebens, doch sprengten diese das Erwartungsstereotyp des Epigonalen und Provinziellen – die Lyriker hatten sich auf der fernen und zerbröckelnden Sprachinsel offensichtlich Schreibweisen von beachtlichem künstlerischen Niveau erarbeitet, die sich in einen Rezeptionsraster der Moderne einordnen ließen und dadurch vertraut wirkten, die aber andererseits eine Aura des faszinierend Unvertrauten, des Exotischen ausstrahlten. Und wohl auch angesichts der Schreckensnachrichten, die über die letzten Jahre des Ceauºescu-Regimes an die Öffentlichkeit drangen, versuchte der von wechselnden Konjunkturen und Zweckbündnissen dominierte Kulturbetrieb wieder gut zu machen, was er so lange versäumt hatte: Das Feuilleton der überregionalen Zeitungen erwies der rumäniendeutschen Literatur ausführlich Reverenz, ihre Autoren wurden mit zahlreichen Literaturpreisen und Stipendien ausgezeichnet, selbst die Universitätsgermanistik gab allmählich ihre vornehme Zurückhaltung auf.

   Inzwischen ist der Exotenbonus verblasst, mehrere Autoren, denen die Chance des Einstiegs großzügig geboten wurde, sind in literaturferne Brotberufe abgewandert, in die Anonymität zurückgefallen oder veröffentlichen ihre Bücher in kleinen Verlagen, doch haben immerhin Franz Hodjak, Werner Söllner, Richard Wagner und Klaus Hensel sich eigenständige Positionen in der deutschsprachigen Lyrik der Jahrtausendwende erschrieben. Die Attribuierung rumäniendeutsch, die neben anderen Identitätsabstempelungen wie „deutschstämmige Rumänen“, „deutsch-rumänische“ Autoren oder gar „deutsch schreibende Rumänen“ als Markenzeichen durch die Medien flimmerte, empfinden sie als restriktive Zuordnung, ihr Selbstbehauptungswille zielt auf ästhetische Bewertung ohne Rabatt.

   Was sie miteinander verbindet, ist nicht nur das Reisegepäck einer unverwechselbaren Erfahrungsgeschichte, sondern auch der dieser geschuldete „fremde“ Blick auf das neue Lebensumfeld sowie die gemeinsamen Themenfelder und Reflexionsbereiche nach dem Weltwechsel: der Erinnerungen Zwänge, verwirrende Ankunft und versuchte Landnahme, zersplitterte Identität und geteilte Existenz, Reflexionen des Schreibvorgangs, Fragen nach der Tragfähigkeit und Verwendbarkeit der mitgebrachten Minderheitensprache.

   Der Auszug aus einer überschaubaren Sphäre klar umrissener Freund- und Feindschaften in eine der verwirrenden Unübersichtlichkeit, aus einer Welt der Verbote und des Mangels in eine der unbekannten Freiheit, der Waren und der Werbung, aus der erstarrten Zeit in eine der hektischen Beschleunigung verlief für Söllner, der in Frankfurt am Main seinen Wohnsitz nahm und viele Jahre lang als freier Autor lebte, nicht ohne Anpassungsnöte und verstörende Krisenerfahrungen. Seit Anfang 2002 ist er hauptberuflich als Leiter des Hessischen Literaturforums im Mousonturm in Frankfurt tätig.

   Werner Söllers in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre veröffentlichten Bücher, der Lyrikband Das Land, das Leben (1984) und die Erzählung Es ist nicht alles in Ordnung, aber o. k. (1985), fanden kaum Beachtung. Als dann 1988 der Gedichtband Kopfland. Passagen in der edition suhrkamp erschien, der ältere und neuere Texte versammelt, erkannte man – mit einiger Verspätung – in seinem Verfasser „eines der größten Talente der deutschen Lyrik“[7]. Und in den folgenden Jahren wurde der Erfolg zum hartnäckigen Begleiter von Söllners Texten – sowohl der eigenen Verse als seiner kongenialen Nachdichtungen der Gedichte Mircea Dinescus[8], die gleichermaßen ein vielstimmiges Medienecho fanden. 1988 erhielt er den Friedrich-Hölderlin-Förderpreis, 1989 den Preis der Henning-Kaufmann-Stiftung (zusammen mit sieben anderen rumäniendeutschen Autoren), 1991 das Stadtschreiberamt der Stadt Zug, 1992 den Förderpreis des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie, 1994 einen Medienpreis der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat und 1996 eine Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung Weimar.

   Auswahl und Anordnung der Texte des Suhrkamp-Bandes beschreiben den Weg aus einer Fremde in die andere. In Gedichten, die nach Söllners Einreise entstanden sind, wird die Ankunft als Wiederentdeckung der Ortlosigkeit, als Abweisung einer Annäherung beschrieben. In einigen der neueren Verlautbarungen bändigt schon ein strengerer Formwille die miteingeführte bohrende Unrast. Doch verlockend und albtraumartig steigt in ausschwingenden Texten immer wieder eine Vergangenheit von oftmals obsessiver Präsenz hoch:

Manchmal im Traum, hinter dem Vorhang,

erscheint mir mein Land nackt, mich das Fürchten

zu lehren. Ohne diese Hure bin ich ein Fremder.

Ohne ihren Namen vergess ich den Namen der Liebsten.

Ohne dieses Leid vergesse ich mich. Ohne dieses Gefängnis

bin ich nicht frei. Ohne diese Freiheit bin ich nicht

mit mir verbunden. Das Abendland möge sie fressen.[9]

   In dem bislang letzten Lyrikband Werner Söllners – Der Schlaf des Trommlers (1992) – hat sich die bedrängende Heimat-Vergangenheit zur Erinnerungslandschaft verwandelt. Wie der Anatom entschwundener Zeiten, Marcel Proust, dem Söllner mehrfach Reverenz erweist, evoziert er nun in Texten von elegisch-magischem Zauber seine siebenbürgische Kindheit. Dabei verfremdet der Lyriker den ländlich-dörflichen Raum ins Phantastische – nach seiner Aussage handeln die Gedichte

nicht von Siebenbürgen, sie handeln auch nicht von meiner Kindheit, sondern sie handeln von einer Identität und dem Verlust einer Identität, vom Verlust von Wurzeln und den Folgen die dieser Konflikt für die Identität des Schreibenden hat. Es geht mir aber auch um Landschaftsbeschreibung, um Weltbeschreibung, aber in einer Hinsicht, die einfach nur Beschreibung, sondern auch eine Art Rückgewinnung ist. [...] Die Welt verschwindet dauernd, und Literatur kann diesen Erosionsprozess der Welt nicht aufhalten, vielleicht nicht aufheben, aber doch ein wenig bremsen.[10]

   Dunkler und rätselhafter klingen Söllners Verse als jene Franz Hodjaks, der seine Abschiedsetüden mit einem Schuss Galgenhumor würzt. Doch auch in des Jüngeren Gedichten wuchert der Zerfall, geht der Tod, ein südöstlicher Meister, in vielerlei Gestalten um:

Sandkuhle

 

Verlassene Gegend: im Stroh

Hühnerblut, Großmutters Kinder –

Puppen im Nirgendwo.

Schwalbenflug, Regenverkünder,

 

du treibst uns die Büffel ins Joch,

Herrgott, du treibst sie ins Eisen.

In Großvaters Brust ist ein Loch,

draus tönen die alten Weisen.

 

Er geht mit der Sense vorbei,

brennendes Mehl im Tornister,

die Asche getrennt von der Spreu.

Erntezeit, Stiefelgeflüster.[11]

   Blutspuren säumen die Wege, Greiskraut wächst, im Garten blühen die Knöchlein und eine Pilzfrau träufelt Gift in den Schlaf; ein knochiger Mann bereinigt mit der Peitsche den „Königsboden“, leer stehen die Häuser und hinweggestorben sind die Märchenerzähler. Orpheus ist verstummt und beißt auf das Eisen im Mund. Lebendig ist noch ein geheimnisumwitterter Trommler, ein Hüter im Niemandsland Nacht, doch sein Kleid ist hölzern und zerrissen, seine Nachricht gilt den taubstummen Schläfern, erhört wird er von den Wiedergängern.

   „Ich glaube“, erklärte Werner Söllner in dem bereits zitierten, aufschlussreichen Gespräch, das Urs Engeler 1992 mit ihm führte,

dass Literatur und insbesondere die Lyrik nicht ohne das leben kann, was ihre Ursprünge ausgemacht hat, nämlich: etwas wie Aura, etwas wie ritualisierte Bildlichkeit. Melodie ist sehr wichtig, Rhythmus.[12]

   Mit unaufdringlicher Eleganz werden in den Gedichten Klangbindungen geknüpft und die unterschiedlichsten Reimfolgen und Reimformen durchgespielt, der erarbeiteten Form haftet nichts Gewaltsames an, sie weist jeden Anflug von Schlampigkeit und Lässigkeit scharf von sich. Als Partner finden Anmut und Schwermut im Kleinen Emigrantenlied zueinander:

Die die Fremde ertragen,

lieben besser allein.

Man muss Zuhause sagen

und überall sein.

 

Schreib in offnem Gelände

uns beiden ein Stück

vom verstümmelten Ende

zum passenden Anfang zurück.[13]

   Die Sprache der Gedichte ist hindurchgegangen durch das Repertoire der Moderne, sie taucht in die von großer Poesie aufbewahrten Erfahrungen und verleiht tot erklärter Metaphorik neue Wirkung. Schon in seinen in Rumänien entstandenen Versen führte Söllner einen intensiven Dialog mit Dichtern, den Freunden von nah und von fern, er ließ ihre Worte, ihre Gestalten, ihre Schatten und Träume durch seine Gedichte wandern. Mit geradezu virtuoser Behutsamkeit handhabt er nun die Techniken der Intertextualität und stürzt beim Weiterdichten der Vorgänger niemals in postmoderne Beliebigkeit ab. Die „gestundete Zeit“, der Ingeborg Bachmann ist aufgebrochen, die Chance des „frühen Mittags“ zerstoben. (Beredt) Das „große Gelausche“ Paul Celans wird überdröhnt vom „Großen Gerede“. (Im großen Gerede) Der alte Zigeuner in Peter Huchels Caputher Heuweg, die mythische Verkörperung des Jungenfernwehs, ist zum Begleiter eines Weges geworden, der von Wunde zu Wunde führt (Siebenbürgischer Heuweg), Gottfried Benns emphatisch-sehnsuchtsvolles  „Ach, das ferne Land“ – gemeint war Italien – hat sich in dem Bilderbogen aus der Schweiz in ein artig-ironisches „Ach dieses besondere Land/ es offeriert mir Zeit und Zigarren“[14] gewandelt.

   Durch das westliche Europa streift der Flaneur als „Hausierer in eigener Sache“ [15], eine Rolle, die keine Gewissensnöte verursacht, aber auch nicht zu den Ufern des Sinns hinführt. Denn Bleiben ist nirgends. Der eigenen Biografie, den Augenblicksempfindungen und den unvergesslichen Leseerlebnissen spüren und horchen die Verse nach; sie führen „uralte Muster im Gepäck.“[16], und das erreichbare Glück ist immer nur ein „geschriebenes“[17]. Denn wo Welt und Ich in kurz aufleuchtendem Einklang zusammenfinden, düstert auch schon der Tod auf, er kommt als Doppelgänger des Ich, er steigt als schwarzer Engel zu Kopf, er umrahmt den Heimweg mit Knochenmusik. Des Da-seins Flüchtigkeit und Rätselhaftigkeit gerinnt zum gültigen, unvergesslichen Ausdruck in der nachdenklich-melancholischen Betrachtung von Landschaften:

September am See

 

Noch bevor der Sommer

sich neigt, werden die Abende

kühl. Streifiger Nebel steigt

aus dem Wasser. Viel

wird verschwunden sein.

 

Wenn es dunkel ist,

wird es hell. Hier ist die Nacht

noch gezähmt. Hundegebell,

künstliches Licht. Fast wie gelähmt

ess ich Brot, fast wie allein.

 

Schön waren Morgen

und Tag. Bisschen mühsam

das Aufstehn und Gehn. Ich lag

und hab ein Gesicht gesehn

aus Wasser und Stein.[18]

V.

   „Man erwartet noch etwas von mir“, stellte Werner Söllner in den 1970er-Jahren in einem Text[19] fest, der an das frühe, um 1925 entstandene Gedicht Was erwartet man noch von mir von Bertolt Brecht anknüpft und in dem trotz aller Behinderungen beim Schreiben der Wahrheit das Prinzip des Weitermachens, des Weitersuchens vertreten und verkündet wird. Obwohl er bereits anno 1992 als einer der „souveränsten Lyriker deutscher Sprache“[20] gerühmt wurde, sind auch heute die Erwartungen nicht verebbt.

 

* * * * *

 

Bibliografie

 

I. Werner Söllner

 

1.     wetterberichte. Gedichte. cluj-napoca: dacia 1975.

2.     Mitteilungen eines Privatmannes. Gedichte. Cluj-Napoca: Dacia 1978.

3.     Sprachigkeit. Ein Gedicht. Dreieich: Pawel Pan Presse 1979.

4.     Eine Entwöhnung. Gedichte, Bukarest: Kriterion 1980.

5.     Das Land, das Leben. Gedichte. Büdingen: Pawel Pan Presse 1984.

6.     Kopfland. Passagen. Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1988.

7.     Der Schlaf des Trommlers. Gedichte. Zürich: Ammann 1992.

 

II. Forschungsliteratur

8.     Peter Motzan: Die rumäniendeutsche Lyrik nach 1944. Problemaufriss und historischer Überblick. Cluj-Napoca: Dacia 1980.

9.     Dieter Schlesak: Sprachwaage, Wortwaage, Heimatwaage Exil. Chancen des Verlusts auf rumäniendeutsch. In: die horen  32 (1987), H. 3, S. 183–195.

10.  Wilhelm Solms (Hrsg.): Nachruf auf die rumäniendeutsche Literatur. Marburg: Hitzeroth 1990.

11.  Norbert Otto Eke: „Niemand ist des anderen Sprache“. Zur deutschsprachigen Literatur Rumäniens. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter 39 (1990), H. 2, S. 103–118.

12.  Gerhardt Csejka: Der Weg zu den Rändern, der Weg der Minderheitenliteratur zu sich selbst. Siebenbürgisch-sächsische Vergangenheit und rumäniendeutsche Gegenwartsliteratur. In. Anton Schwob, Brigitte Tontsch (Hrsg): Die siebenbürgisch-deutsche Literatur als Beispiel einer Regionalliteratur. Köln, Weimar, Wien: Böhlau 1993 (Siebenbürgisches Archiv 26), S. 51–70.

13.  Heinrich Detering: Werner Söllner. In: Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur (KGL) Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München: edition text + kritik. 47. Nlg. Stand 1.04.1994.

14.  René Kegelmann: „An den Grenzen des Nichts, dieser Sprache ...“ Zur Situation rumäniendeutscher Literatur der achtziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland Bielefeld: Aisthesis 1995.

15.  Cristina Tudoricã: Rumäniendeutsche Literatur (1970–1990). Die letzte Epoche einer Minderheitenliteratur, Tübingen, Basel: Francke 1997.

16.  Kurt Arne Markel: Werner Söllners Weg als Lyriker. Oktober 1998. Otto-Friedrich-Universität Bamberg. Fachbereich Neuere Deutsche Literaturwissenschaft.

17.  Astrid Schau: Leben ohne Grund. Konstruktion kultureller Identität bei Werner Söllner, Rolf Bossert und Herta Müller Bielefeld: Aisthesis 2003.

18.  Diana Schuster: Die Banater Autorengruppe: Selbstdarstellung und Rezeption in Rumänien und Deutschland, Konstanz: Hartung-Gorre 2004.


[1] Werner Söllner: Nachwort. In: Franz Hodjak: Siebenbürgische Sprechübung. Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp (es 1622) 1990, S. 130.

[2] Gerhardt Csejka: Als ob es mit Als Ob zu Ende ginge. Neues in der rumäniendeutschen Lyrik 1972. In: Neue Literatur 23(1972), H. 12, S. 66.

[3] Walter Fromm: Vom Gebrauchswert zur Besinnlichkeit. Pro & Contra. In: Die Woche, 26. Januar 1979.

[4] György Dalos: Vom Propheten zum Produzenten. Zum Rollenwandel der Literaten in Ungarn und Osteuropa. Wien: Wespennest 1992, S. 95.

[5] Werner Söllner: Gemischte Gefühle. In: W. S.: Mitteilungen eines Privatmannes. Gedichte. Cluj-Napoca: Dacia 1978, S. 37–38.

[6] Werner Söllner: Winter der Gefühle. In: W. S.: Eine Entwöhnung. Gedichte. Bukarest 1980, S. 18–19.

[7] Wolfgang Minaty: Von der Liebe und der Lüge. Die Gedichte des Rumäniendeutschen Werner Söllner. In: Die Welt, 5. November 1988.

[8] Mircea Dinescu: Exil im Pfefferkorn. Gedichte. Auswahl, Nachdichtung und mit einem Nachwort versehen von Werner Söllner. Frankfurt a. Main: Suhrkamp 1989.; Mircea Dinescu: Ein Maulkorb fürs Gras. Gedichte. Rumänisch und Deutsch. Ausgewählt und übersetzt von Werner Söllner. Zürich: Ammann 1990.

[9] Werner Söllner: Passagen. In: W. S.: Kopfland. Passagen. Gedichte. Frankfurt am Main: Suhrkamp (es 1504), S. 114–115.

[10] Urs Engeler: Die Welt verschwindet dauernd. Ein Gespräch mit Werner Söllner. In: Zwischen den Zeilen. Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik, Heft 1/September 1992, S. 87–88.

[11] Werner Söllner: Sandkuhle. In: W. S.: Der Schlaf des Trommlers. Gedichte. Zürich: Ammann 1992, S. 20.

[12] Engeler, Gespräch mit Werner Söllner (Anm. 10), S. 92.

[13] Werner Söllner: Kleines Emigrantenlied. In: Söllner, Schlaf (Anm. 11), S. 63.

[14] Bilderbogen aus der Schweiz. In: Ebenda, S, 48.

[15] Paris, im November. In: Ebenda, S. 58.

[16] Ebenda.

[17] Swanns Reise. In: Ebenda, S. 83.

[18] September am See. In: Ebenda, S. 68.

[19] Söllner: Was erwartet man noch von mir? In: Söllner, Mitteilungen (Anm. 5). S. 7.

[20] Beatrice von Matt: Zwischen Schädel und Mund. Neue Gedichte von Werner Söllner. In: Neue Zürcher Zeitung, 15. Mai 1992

 

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