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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 152-158

 

 

 DAS PHÄNOMEN DER KRANKHEIT IN THOMAS MANNS ZAUBERBERG UND THOMAS BERNHARDS DIE KÄLTE


Predoiu Grazziella





Krankheiten sind gewiß ein höchst wichtiger Gegenstand der Menschheit.

Wahrscheinlich sind sie der interessanteste Reiz und Stoff

unseres Nachdenkens und unserer Tätigkeit.

 (Novalis)

Das Phänomen der Krankheit und Medizin nimmt im 20. Jahrhundert einen breiten Raum in der Literatur ein. Die literarische Verarbeitung dieser Schattenseite der menschlichen Existenz spiegelt in hohem Maße die jeweilige gesellschaftliche Bewußtseinslage wider. Beispiel hierfür liefert die Tuberkulose im Zauberberg von Thomas Mann, die, wie keine andere Krankheit am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Literatur als Metapher für eine bestimmte Geisteshaltung diente.

In Thomas Manns Werk nimmt das Problem der Krankheit einen zentralen Platz ein. Sie erscheint in Form der Degenarationserscheinungen des Patriziergeschlechtes - Die Buddenbrooks - oder als Vergeistigung, als Ästhetizierung - Doktor Faustus, Der Zauberberg, Tristan, Der Tod in Venedig.

Der Zauberberg ist, wie der Autor selbst seinen Roman nannte, ein “Zeit-Roman”, ein “Erziehungsroman” und ein hermetischer Roman. Angesiedelt ist der Roman in dem Lungensanatorium Davos - eine hermetisch abgeschlossene Provinz -, dessen Bewohner alle reiche, an Tuberkulose leidende Gestalten sind. Thomas Mann hatte in Davis seine Frau besucht und hatte dort ein halbes Jahr geweilt. Diese Episode legte den Gedanken nahe, ein “Satyrspiel” zu der eben beendeten Tragödie des Gustav Aschenbach im Tod in Venedig zu schreiben. Der Tod sollte nun zu einem “Demokraten” der hochgebirgischen Unterwelt gemacht werden. Dabei ist von Anfang an der Gegensatz zwischen dem Gebirge “hier oben”, das eine Steigerung der Lebensintensität durch die Krankheit bewirkt, und dem Flachland “da unten”, das die Ordnung der Gesunden bedeutet, zu bemerken.

Als Hans Castorp, der Protagonist des Romans, in Davos eintrifft, ist er fest davon überzeugt, daß er nach drei Wochen zurückreisen und den Arbeitsplatz in Hamburg einnehmen wird. Er schlägt sogar seinem Vetter Joachim Ziemsen vor, mit ihm nach Hause zu kommen. Im folgenden bekundet er aber ein auffälliges Interesse für die Welt der Krankheit und des Todes. Der Besucher erweist sich als äußerst empfänglich für die gefährlichen Reize, was kaum möglich wäre, wenn nicht längst etwas Krankhaftes in ihm schlummerte.

Überraschend schnell vollzieht er eine Umwertung der Werte, eine Aufwertung des Krankheitsprinzips, eine Entwertung der Feierlichkeit des Sterbens, eine Abwertung des bürgerlichen Lebens im ‘Flachland’ (1).

Hans Castorps “feuchte Stelle“, die in der dritten Woche bemerkt wird, besteht in seiner wachsenden Todessympathie. Sympathie mit dem Tod deutete Thomas Mann als “Formel und Grundbestimmung aller Romantik” (2).

Das Milieu, in dem der Roman spielt, ist von großer Bedeutung. Isoliert von der Welt “unten”, beinahe in einem verschiedenen Zeitsystem existierend, ist das Sanatorium ein Reich, in dem der Monat die kleinste Zeiteinheit ist. Es ist eine Welt mit ihren eigenen Gesetzen, eine Welt, in der - wie Thomas Mann bemerkt – „die Temperatur und der Flirt die Hauptsorgen sind.” (3) Der Berg ist ein “Zauber-Berg” weil er von den Gesetzen des alltäglichen Lebens unabhängig ist, unabhängig von der Realität. Die realistische Oberfläche enthüllt sich aber als Schein; hinter ihr wird eine zweite Ebene sichtbar. Dabei ist die große Kunst des Autors, daß die einzelnen Motive auf der realistischen Ebene glaubhaft bleiben. So wird das Sanatorium realistisch beschrieben, ist aber dennoch durch Anspielungen, Verweise, Zitate der verzauberte Berg, der Venusberg, der Hades, die Welt der Zeitlosigkeit (4).

Am ersten Tag erfährt Castorp von Joachim, daß die Leute im Sanatorium frei sind:

Ich meine, es sind ja junge Leute und die Zeit spielt keine Rolle für sie und dann sterben sie womöglich. Warum sollen sie da ernste Gesichter schneiden? Ich denke manchmal: Krankheit und Sterben sind eigentlich nicht ernst, sie sind mehr so eine Art Bummelei. Ernst gibt es genaugenommen nur im Leben da unten (5).
Nur in einer solchen Atmosphäre kann Hans Castorp befreit werden; denn im Leben “da unten” nehmen die Sorgen des alltäglichen Lebens die Zeit des Menschen in Anspruch.

Im Zauberberg ist das Krankheits- bzw. Todesmotiv mit dem der Liebe verknüpft. Die Entsprechung und Zugehörigkeit von Geschlecht und Tod ist dem Sagenmotiv des Venusberges entnommen, der die Verschränkung von Tod und Lebensfülle gestaltet hatte (6). Zwischen Castorp und der Madame Chauchat entwickelt sich eine Liebesbeziehung. In der Atmosphäre eines Faschingvergnügens, bei dem er nach sieben Monaten erstmals ein Wort an sie richtet, ergibt sich ein Zwiegespräch, in dessen Verlauf er ihr seine Liebe gesteht. Seine Neigung offenbart ein geheimes Beziehungsnetz. Ihm selbst fällt die Ähnlichkeit zwischen seiner Geliebten und einem ehemaligen Schulkameraden, namens Hippe auf. Hippe bezeichnet aber die Sense des Todes. Indem Castorp jenen Schüler Hippe und später dessen weibliches Ebenbild Clawdia liebt, drückt er auch seine Sympatie mit dem Tod aus. Durch Madame Chauchat erfährt er die Verführung zu Krankheit und Verfall:

Sie verkörpert ihm alle enthemmenden Mächte, zeigt sich ungebunden, unberechenbar, lässig-liderlich, unbekümmert um Moral und Ordnung, mondän und höchst verlockend (7).

Des häufigen wird das Sanatorium als Unterwelt bezeichnet; deshalb trifft man im Roman mythisch-legendäre Anspielungen, Unterweltsgleichnisse. Die beiden Ärzte Dr. Behrens und Dr. Krokowski werden mit den antiken Höllenrichtern Rhadamanthys und Minos identifiziert, die nach Sokrates Reden den Verdammten ein Strafmaß zudiktierten, sie in den Tartaros schickten und sie “heilbar oder unheilbar” bezeichneten. Die Beschreibung des labyrinthischen Sanatoriums folgt der des kretischen Minos-Palastes. Unter den Musikstücken wählt Hofrat Behrens die Ouvertüre zu Offenbachs Orpheus in der Unterwelt. Von Castorp heißt es an einer Stelle, er sei wie Odysseus zu den Schatten gereist. Er durchwandere, meint Ion Ianoºi (8), wie Dante in der Göttlichen Komödie die Höllenkreise an der Seite des Vergil-Settembrini und schaue zu Beatrice-Clawdia hinüber.

Zwei Grunderlebnisse, die mit der Krankheit direkt in Verbindung stehen, bestimmen Castorps Weg zur Humanität. In erster Reihe lernt er den Tod als allgegenwärtige Begebenheit kennen. Es muß angeführt werden, daß der Tod Castorp im Alter von acht Jahren zum Waisen gemacht hat. Andererseits begegnet er in dem Sanatorium dem Tod auf Schritt und Tritt.

Im Zauberberg verliert der Tod alle würdige Streifheit und sakrale Vornehmheit … Jetzt präsentiert sich der Tod als ein ganz alltäglicher Naturvorgang (9).

Die Begegnung mit dem Tod, die ambivalent sind, bewirken einerseits eine Steigerung, eine Fülle, und andererseits eine Zersetzung und Auflösung. Der Roman entfaltet die Zweideutigkeit des Todes auf anschauliche Weise, wobei diese Erfahrung in dem visionären Erlebnis der Schneelandschaft zusammengefaßt wird.

In zweiter Linie gelangt der Held zur Vergeistigung und Humanisierung des Lebens auf dem Umweg über Krankheit und Todesfaszination. Er entreißt im Schneekapitel der Todesfaszination die Idee des Lebens. Die Vision - ein apollonisches Sonnenvolk geht seinen heiteren Tätigkeiten nach, während sich an seiner Seite das Gesetz blutigsten dionysischen Horrors erfüllt - führt ihn zur Einsicht, daß die gelehrten Unternehmungen von Settembrini und Naphta unfähig sind, etwas zu erreichen:

Ich will es mit ihnen halten - den Sonnenleuten - in meiner Seele und nicht mit Naphta - übrigens auch nicht mit Settembrini (10).

Castorp gelangt zur Schlußfolgerung, den Menschen als “Herrn der Gegensätze” anzusehen, der durch Freiheit und Ehrfurcht fähig ist, dem Tod und dem Leben Ergebenheit zu erweisen. Er folgert:

Die Liebe steht dem Tod entgegen, nur sie, nicht die Vernunft, ist stärker als er (11).

Der Mensch soll um der Güte und Liebe willen dem Tode keine Herrschaft einräumen über seine Gedanken (12),

lautet die Maxime, die Thomas Mann in Kursivschrift setzt. Damit hebt er sie als einzig möglichen Standpunkt im Roman hervor. Um dieser Vision willen bedurfte Castorp der Freiheit des Zauberbergs, benötigt er alle Auseinandersetzungen mit den Ideologien, die Erfahrungen mit Liebe und Tod.

Thomas Bernhard ist ein zeitgenössischer österreichischer Schriftsteller, der in seinem literarischenWerk das zerrüttete moderne Bewußtsein symbolisiert. Dies gelingt ihm durch eine repetierende Thematik, die sein gesamtes Werk durchzieht, sowie durch einen Schreibstil, der monoton, in sich kreisend ist. Die häufige Verwendung des Motivs Krankheit und der Pathologie gewinnt dabei den Charakter einer Obsession. Die Tatsache hängt wesentlich mit der frühen, über Jahre anhaltenden Krankheits- und Todeskonfrontation des jungen Autors zusammen (13).

In Thematik und Ausdrucksform ist Bernhards Erzählkunst eine Kunst der Variation. Diese Abwandlungstechnik wird ihm manchmal als platte Einfallslosigkeit verübelt… Richtiger ist es von seiner thematischen Monomanie zu sprechen, von seiner raffinierten motivischen Eintönigkeit, in der er in jedem neuen Buch einige Grundideen immer so verwandelt, daß etwas Neues entsteht (14).

Radikal negativ gezeichnet ist die Provinz im Werk von Thomas Bernhard, eingerückt in eine universelle Bedrohung durch Wahnsinn, Verfall und Tod. Eine Konstante seiner Texte ist die Verlagerung des Geschehens an Orte, die abseits des gesellschaftlichen Getriebes liegen und dennoch keine heile Welt bieten. Das zwischenmenschliche Miteinander ist zerstört, der einzelne isoliert, ausgeliefert einer feindlichen Natur. Das Individuum ist eingeschlossen, gefangen: die Isolation in entlegenen Tälern - Frost, Verstörung - in Bauwerken - Kalkwerk, Korrektur, Amras - oder im Krankenhaus - Die Kälte, Der Atem - ist Zeichen nicht nur für eine äußerliche Absonderung, sondern auch für eine innere (15).

Thematisch ist das bernhardische Erzählpanorama durchaus negativ: Krankheit, Isolation, die Unzulänglichkeit der Sprache als Kommunikationsmittel, Verzweiflung und Selbstmord - das ist eine ununterbrochen wiederkehrende Thematik (16).

Bernhards individuelles Schicksal, die zerrissene Familie, die uneheliche Geburt, der Stiefvater haben ihm keine günstigen Voraussetzungen für eine optimistische Weltansicht geboten. Hinzu kommt noch die Tatsache, daß seine Kindheit in die Kriegs- und Nachkriegsjahre fällt, was eine frühe Konfrontation mit Elend, Zerstörung und Tod mit sich gebracht hat .

Der Autor selbst erkrankte an Tuberkulose beim Abladen von Kartoffeln. Es schlossen sich mehrmonatige Aufenthalte in der Lungenheilstätte Grafenhof an. Seine Krankheitsgeschichte erfährt man in dem fünfbändigen Werk mit den Titeln Die Ursache (1975), Der Keller (1976), Der Atem (1978), Die Kälte (1981) und Ein Kind (1982). Diese Bücher erhalten dadurch eher den Charaker einer Autobiographie als den eines Romanzyklus.

Die häufige Verwendung des Krankheits- und Todesmotivs berechtigt, von einer Obsession Bernhards für die Metapher Krankheit zu sprechen. Die Ursache dafür liegt in der jahrelangen Konfrontation mit der eigenen Erkrankung. Neben einer immer wieder aufgegriffenen Schilderung der Tuberkulose steht die Auseinandersetzung mit psychischen Erkrankungen.

Für Thomas Bernhard wird alles zur Metapher für Existenz, Leben, Sein, dieses Weltbild bietet sowohl den dominanten Themen Tod, Krankheit, Wahnsinn als auch der namentlichen Nennung von bloß lokalgeographisch relevanten Realien Platz (17).

Es gibt kaum eine Erzählung, in dem nicht eine Lungenerkrankung, die Angst vor “Verkühlung”, Atemnot oder einfach nur das Wort “Lunge” auftauchen (18). Die Krankheit gehört zu Bernhards Chiffrierungssystem, um seinen poetisch-philosophischen Negationsprozeß auszudrücken. Dieser Negationsprozeß taucht auch in der obsessiven Verwendung von Worten, die die menschliche Existenz negativ bezeichnen: Tod, Krankheit, Verkrüppelung, Selbstmord und Vernichtung. Der Mensch kann nirgends flüchten, selbst die Natur bietet keine Zuflucht. Der Pathologiebegriff wird auf die Umwelt, die Landschaft, die Familie, die Beziehungen und auf die gesamte Gesellschaft erweitert; das Weltempfinden des Subjets ist morbide, weil es nicht zu sich selbst findet.

Schauplatz der Erzählung Die Kälte ist das Sanatorium Grafenhof; im Unterschied zum Roman Der Zauberberg, wo die Handlung im Sanatorium Davos stattfindet, also auch in einem geschlossenen Raum, ist Grafenhof kein Sanatorium für reiche Patienten, sondern für untere Bevölkerungsschichten. Bei Bernhard wird die Lungenheilstätte zum Modell einer von engstirnigen Naturen verwalteten Welt und ihrer hierarchischen Strukturen. Die Lungenheilstätte Grafenhof, erscheint als eine dichte Welt des Todes, “als Schreckenskabinett muribunder Wesen”. Nicht ohne Grund ist die Spitze der Leidensstationen hoch oben (19) in den Bergen angesiedelt. Bewohnt wird sie von Sterbenskranken, vom zum Skelett abgemagerten Tuberkulosepatienten.

In Grafenhof ist der Autor mit den entsetzlichen Zuständen einer Lungenheilstätte konfrontiert worden. Allein schon die Umgebung hat in ihm eine depressive Stimmung ausgelöst. Der Autor ist in ein Zwölf-Betten-Zimmer eingewiesen worden. Dadurch ist er hier in eine Gemeinschaft geraten, deren Gemeinsamkeit aus Fiebertafel und Spuckflasche bestand. Es herrschen volkommen neue Gesetze unter den Kranken. Als Zeichen der Integration des Autors ist nicht nur die Unterwerfung unter der Reglementierung des täglichen Ablaufs “auch ich hatte schon die Spuckflasche in Händen, die Fiebertafel unter dem Arm, auch ich war schon auf dem Weg in die Liegehalle” (20) zu sehen, sondern auch der medizinische Beweis für die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft zu erbringen: der positive Sputumbefund. Angesichts der im Elternhaus herrschenden starken Belastungen durch den langsamen Tod der Mutter hat Bernhard seltsamerweise die Lungenheilstätte als Ort der Geborgenheit empfunden. Deshalb hat er seine Einlieferung in die Lungenheilstätte als einen Weg aus dem Chaos in die Ordnung verstanden.

Auch das strenge Reglement, das in den Heilstätten herrschte, wird dem Leser vermittelt.

Es herrschten hier die strengsten Regeln… Wer sich nicht an diese Regeln hielt, wurde bestraft, im schlimmsten Falle mit sofortiger Entlassung… um sechs Uhr wurde aufgestanden , um sieben Uhr war das Frühstück, um acht lagen schon alle auf der Liegehalle (21).

Die Patienten nehmen nach einiger Zeit das Sanatorium als Gefängnis wahr. Im Gegensatz zu Hans Castorp, der der Faszination des Berghofs erliegt und sich nicht mehr entschließen kann, in die reale Welt zurückzukehren, wird in der Erzählung Die Kälte die Gesundung und die schnellstmögliche Entlassung aus Grafenhof ersehnt.

Die Darstellung der Ärzte unterscheidet sich auch von denen im Zauberberg: bei Bernhard ist die Beschreibung negativ gezeichnet. Zwischen Ärzten und Patienten kommt es zu keinen Vertrauensverhältnissen, es fehlt an persönlicher Zuwendung. Wenn wir uns erinnern, daß die beiden Ärzte Manns, Dr. Behrens und Dr. Krokowski freundschaftliche Beziehungen zu den Patienten hegen, Vorträge über die Affinität der Liebe mit dem Tode halten, wird der Unterschied zu Bernhards Erzählung deutlich. Der Patient Bernhard fühlt sich als Teil einer strukturlosen Masse, als krankes Individuum mißachtet. Stets wird die Gefühlskälte und die mangelnde Aufklärung der Ärzte kritisiert; Beschrieben wird deren “streng militärisches Gehabe” mit dem sie die “Heilstätte als Strafanstalt betrachteten und auch als Strafanstalt führten” (22). An der Spitze der medizinischen Befehlspyramide thront ein diktatorischer Primarius. “Er war schon im Krieg hier Primar gewesen und, obwohl Nationalsozialist, bei Kriegsende nicht zum Teufel gejagt.” (23) Seine Assistenten, Pfleger und Schwestern, sind diesem ehemaligen Nationalsozialisten willenlos ergeben.

Der Genesende kann nicht, wie es im Zauberberg der Fall war, von den Mitpatienten Hilfe bekommen, noch wird er in Liebesabenteuer verwickelt. Es muß gesagt werden, daß ein deutlicher Unterschied zwischen den besprochenen Werken auf der Ebene der Protagonisten festzustellen ist. Ist Castorp zu sinnlichen Abenteuern geneigt, so ist der Patient Bernhards bloß ein Kind, der aus dieser hermetisch abgeschlossenen Welt nicht mehr entkommen kann.
In ähnlicher Weise wie im Zauberberg entscheidet sich auch Bernhards Protagonist für das Leben. Der Höhepunkt der Stilisierung des Sieges des Geistes über den Körper, über die Krankheit findet sich in der Interpretation der Überwindung der lebensbedrohlichsten Phase seiner Erkrankung; Diesem Willensakt folgen viele weitere, alle mit dem Ziel, gesund zu werden und vor allem, sich gegen die Umgebung zu emanzipieren. Die natürlichen Schwankungen im Krankheitsverlauf einer Tuberkulose werden als Auf und Ab des Willens künstlerisch aufgenommen. Am Ende der Grafenhofer Periode führt der Entschluß ins Leben. Mehrere Mittel sind es, die dem Chronisten im Laufe seiner Passionsgeschichte zur Verfügung stehen, um Krankheit und Tod abzuschütteln und sich selbst zu finden. Vor der Realität rettet sich der Held, wie sein Vorgänger Castorp es getan hatte, in musikalische Studien, in Selbstschreiben und in der Freundschaft zu einem jungen Kapellmeister. Bei allen vorübergehenden Rückfällen bleibt sein Existenzwille ungebrochen.

Die Krankheit wird bei Thomas Bernhard zum Medium der Verstandesentwicklung des Jünglings, zum Milieu für die Entwicklung eines Selbstbewußtseins, zur Selbstbehauptung. Aus den erlittenen Erfahrungen geht er gestärkt hervor. Im Zauberberg hingegen ist der Leser einem romantischen Krankheitskonzept begegnet. ”Im Geiste also, in der Krankheit beruhe die Würde des Menschen und seine Vornehmheit”, äußerte sich Thomas Mann in einem Aufsatz (24). Der positive Charakter des Überlebenstrainings im Spital bestätigt, daß das Krankenhaus zum Purgatorium, zum kathartischen Denkbezirk stilisiert wird, den jeder Künstler aufzusuchen habe:

Krankenhaus und Krankheit geraten zu Allegorien einschneidender Bewußtseinsbewegung, zu produktiven Höllenstationen, die elementare Erfahrungsbildung ermöglichen. Der längst Aufgegebene verläßt die Einsamkeitszelle als neuer Mensch mit einem anderen Bewußtsein (25).

Er überlebt, ohne gerettet zu sein. Er bleibt den arroganten Ärzten ausgeliefert.

In Thomas Bernhards Erzählung Die Kälte sowie in den anderen Romanen, gibt es die Figur des Beobachters. Aus seiner Perspektive werden die “Begebenheiten” geschildert. Dieser Beobachter, das leidende Kind, ist ein Schutzschild gegen eine zudringliche, verstörende Lebenswelt, die eigentlich eine Welt des Todes ist:

Ich beherrsche das Einmaleins der Krankheit und des Sterbens. Nun besuche ich auch schon den Unterricht in der Höheren Mathematik der Krankheit und des Todes… Ich war in dieser Wissenschaft aufgegangen, so hatte ich mich selbst auf die natürlichste Weise vom wehrlosen Opfer zum Beobachter aller anderen gemacht. (26)

Genau wie Hans Castorp als Beobachter die ersten Todesvorstellungen mit dem Bilde des Großvaters verknüpft, so bedeutet für Bernhard die isolierte Welt des Sanatoriums eine Initiation mit ihren Prüfungen, ihrem stufenweisen Einweihungsprozeß.

Die Wirkungen dieser maladiven Erfahrungen auf den Chronisten sind verblüffend und bestätigen Nietzsches Verdacht, daß die Krankheit auch ein Stimulanz des Lebens sei, der Abstieg in der Hölle ein verwandeltes Leben bedeuten kann. Lebensmut, der Wille, aus dieser Hölle herauszukommen, sich von den Sterbenden nicht einschüchtern zu lassen sind die Folgen (27).

Wenn sich hier für den Lungenkranken die Welt auf Grafenhof reduziert, so weitet sich Grafenhof für den Beobachter zur Welt aus. Hier gibt es das Kollektiv und die Außenseiter und die gemeinsame Krankheit.
Unter dem entindividualisierten Blick Bernhards wird hier aus dieser Lungenheilstätte eine negative Utopie von größter Radikalität entwickelt.

Zwei Werke der deutschen Literatur, eines in der Zwischenkriegszeit verfaßt, das andere in der Nachkriegszeit, beinhalten das Krankheitsmotiv, die Tuberkulose. Bei Thomas Mann erfährt der Held durch die Krankheit eine Steigerung der Lebenssensibilität, entwickelt sich durch sinnliche, geistige und moralische Abenteuer und entscheidet sich auf dem Umweg über Krankheits- und Todesfaszination für das Leben. Mit dem Verlust ganzheitlicher Erlebnismöglichkeiten, der Bewußtwerdung der Absenz des Metaphysischen gelangt man in der Literatur zu einer Bewußtseinskrise. Ein literarisches Sprachrohr dieser Tendenz ist Thomas Bernhard. Um dem zerrütteten modernen Bewußtsein Ausdruck zu verleihen, die Entfremdung des Subjekts zu verdeutlichen und die „Heimatlosigkeit“ des Menschen zu unterstreichen, bedient er sich der Krankheit als Motiv und als Metapher. Pathologisches dient dabei als Mittel zur Darstellung krankheitsunabhängiger Zusammenhänge und kristallisiert sich als inhaltliches Hauptstilmittel heraus. Bernhards Krankengeschichte wirkt wie ein Gegenentwurf zum motivisch verwandten Zauberberg.
 



ANMERKUNGEN:

 

(1) Hilscher, Eberhard, Thomas Mann. Leben und Werk, Volk und Wissen Verlag, Berlin 1989, 69.

(2) Mann, Thomas, Betrachtungen eines Unpolitischen, Volk und Wissen Verlag, Berlin 1958, 32.

(3) Hilscher, Eberhardt: Anm. 1, 73.

(4) Zmegaè, Viktor (Hrsg.), Geschichte der deutschen Literatur vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Band III/1, Athenäum Verlag, 1984, 184: Es wurde des öfteren in der Sekundärliteratur betont, daß Castorps “Ent-wicklungsweg” einer aus der Zeit in die Zeitlosigkeit ist.

(5) Mann, Thomas, Gesammelte Werke, Band 2, Der Zauberberg, Aufbau-Verlag, 1956, 75.

(6) Mann, Otto; Rothe, Wofgang (Hrsg.), Die deutsche Literatur im 20. Jahrhundert. Strukturen und Gestalten, Band 2, Wolfgang Rothe Verlag, Heidelberg, 1954.

(7) Hilscher, Eberhard: Anm. 1, 70.

(8) Ianoºi, Ion: Thomas Mann, Editura Pentru Literaturã Universalã, Bucureºti, 1963, 56.

(9) Ziolkowski, Theodore, Strukturen des modernen Romans. Deutsche Beispiele und europäische Zusammenhänge, Paul List Verlag, München, 1972, 77.

(10) Mann, Thomas: Anm. 5, 70.

(11) Mann, Thomas: Anm. 5, 71.

(12) Mann, Thomas: Anm. 5, 71.

(13) Siehe dazu Reich-Ranicki, Marcel: Thomas Bernhard, Amman Verlag, Zürich, 1990.

(14) Meyerhofer, J. Nicolas: Thomas Bernhard, Colloquium Verlag Berlin, 1985, 25.

(15) Siehe dazu Petersen, Jürgen: Beschreibung einer sinnentleerten Welt. In: Jürgensen, Manfred (Hrg.), Thomas Bernhard. Annäherungen, Francke Verlag Bern und München, 1981, 143-177.

(16) Petersen, Jürgen: Anm. 15, 154.

(17) Petersen, Jürgen: Anm. 15, 155.

(18) Siehe dazu: Struck, Volker: “Menschenlos”. Die Notwendigkeit der Katastophe. Der utopische Schein im Werk Thomas Bernhards, Peter Lang Verlag, Frankfurt, 1986; Seydel, Bernd: Die Vernunft der Winterkälte. Gleichgültigkeit als Equilibrismus im Werk Thomas Bernhards, Könighausen Neumann, 1986; Sorg, Bernhard: Thomas Bernhard, Verlag C.H. Beck, 1977.

(19) August Obermayer unterstreicht in seinem Beitrag die Bedeutung des locus als Schauplatz bei Bernhard und spricht von einem “locus terribilis”, der den Protagonisten aus Bernhards Ouvre zum Todesort wird. So wird also das Sanatorium Grafenhof als Topos einer universalen Krankheitsgeschichte. Vgl. dazu: Obermayer, August: Der locus terribilis in Thomas Bernhards Prosa. In: Jürgensen, Manfred: Anm. 15, 215-231.

(20) Bernhard, Thomas, Die Kälte. Eine Isolation, Deutscher Taschenbuch Verlag, 1991, 23.

(21) Bernhard, Thomas: Anm. 20, 32.

(22) Bernhard, Thomas: Anm. 20, 20.

(23) Bernhard, Thomas: Anm. 20, 21.

(24) Vgl. dazu Zmegaè, Viktor: Anm. 4, 186.

(25) Tschapke, Reinhard: Hölle und zurück. Das Initiationsthema in den Jugenderinnerungen Thomas Bernhards, Georg Olms Verlag, Hildesheim, 1984, 64.

(26) Bernhard, Thomas: Anm. 20, 57.

(27) Siehe Anm. 25, 64.
 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 152-158

 

 

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