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„AUF WEITEN WEGEN“:

Über die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur[1]

Eszter Propszt

Die Entstehungsbedingungen der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur als institutionalisierter Literatur liegen im Politischen. Sie erfuhr eine Institutionalisierung zum Zweck, den neuen Kurs der ungarischen Nationalitätenpolitik zu demonstrieren: Diese gibt 1968 die These des Automatismus auf – demnach sich die Nationalitätenfrage unter den Bedingungen des Sozialismus und dessen Durchsetzung in allen Lebensbereichen von selbst lösen sollte – und propagiert die Integration der Nationalitätenangehörigen in die sozialistische Gesellschaft und Wirtschaft.[2] An dieses Erfordernis der Politik wird die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur rückgebunden und dadurch funktionalisiert: Im Sinne des „Aufbau[s] des Sozialismus“ will die Literarische Sektion des Demokratischen Verbandes der Ungarndeutschen mit dem Preisausschreiben „Greift zur Feder!“ 1973 ungarndeutsche Schriftsteller auf den Plan rufen; und in diesem Sinne werden die Denk- und Argumentationsstrukturen des literarischen Diskurses festgelegt: Alle Veränderungen der soziokommunikativen Kontexte seit dem Zweiten Weltkrieg müssen auf das Ideal des „Aufbau[s] des Sozialismus“ hin interpretiert bzw. bewertet werden[3] – das bedeutet vor allem die Ausblendung der Aussiedlung der Ungarndeutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, der Zwangsarbeit in der Sowjetunion und der Unterdrückung bzw. Zerstörung des ethnischen Selbstverständnisses in der stalinistischen Ära.

Mein Beitrag setzt sich zum Ziel, zu untersuchen, inwiefern die politischen Entstehungsbedingungen, die sich langfristig auch als Existenzbedingungen erweisen, die inhaltlichen und ästhetischen Strukturen der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur bestimmen. Als Untersuchungsmethode wird die Literaturanalyse als Interdiskursanalyse gewählt, die einen systematischen Einblick in soziologische und ideologische Produktionsgesetzlichkeiten sowie soziologische und ideologische Produktstrukturen der Literatur zu vermitteln, und inhaltliche und ästhetische Strukturen in ihrer sozialen und ideologischen Bedingtheit zu reflektieren vermag. Literaturanalyse als Interdiskursanalyse, mit der Jürgen Link Ansätze der semiotischen Diskursanalyse und der Literatursoziologie verknüpft, untersucht die Entstehung literarischer Texte aus einem je historisch-spezifischen diskursintegrativen Spiel, und bezieht literarische Strukturen auf das umgebende Feld von Spezialdiskursen und von außerliterarischen Interdiskursivitäten[4]. Der Interdiskurs re-integriert für ihn das in den Spezialdiskursen der arbeitsteiligen Gesellschaft gewonnene und verwaltete sektoriell zerstreute Wissen, und gewährleistet einen Austausch über dieses Wissen. Als Interdiskurs fungiert nach Link auch die institutionalisierte Literatur, die er als spezifische Elaboration der in den alltäglichen und praktischen Interdiskursen produzierten imaginären Elemente (wie bildliche Analogien, Metapher, Symbole) betrachtet.[5] Das spezifisch Literarische legt er dabei im Wechselspiel immanent semiotischer Strukturen mit externen diskursiven Faktoren, mit externer diskursiver Institutionalisierung fest.[6] Über die Weiterverarbeitung dieser Zeichenarsenale (in der Link’schen Terminologie elementar-literarische) in institutionalisierte Geschichten vermag die institutionalisierte Literatur diskursive Positionen einzunehmen, d.h. soziale Perspektiven bzw. sozialisierende Wertungen zu artikulieren. Insbesondere über die Weiterverarbeitung der sog. Kollektivsymbole, die zeitgleich in verschiedenen diskursiven Zusammenhängen einer Kultur verwendet und jeweils mit unterschiedlichen Wertungen versehen werden, die also als Kommunikationsmittel einer sozialen Gruppe gemeinsame Erfahrungen anschaulich und allgemeinverständlich artikulieren können.[7] Über Weiterverarbeitung von elementar-literarischen Zeichenarsenalen kann sich der institutionalisierte literarische Diskurs gegenüber anderen, sozial dominanten diskursiven Positionen bestätigend, aber auch kritisch oder ambivalent verhalten, kann diese verfremden, kann sich diesen zu entziehen suchen, kann aber auch den bestehenden Rahmen von Diskursen und Interdiskursivitäten utopisch überschreiten. Dadurch nämlich, dass Literatur als sprachlich-semiotische Struktur deutlich von anderen Praktiken getrennt und immanent sinnvoll ist, kann sie während ihrer Rezeption eine zeitweilige relative Suspension der realen Praktiken bewirken, somit Erfahrungen aller Art nicht nur reproduzieren, sondern auch modellhaft konstruieren und fingieren.[8] Die Operativität literarischer Interdiskursivität legt Link zusammenfassend als Subjektivierung des Integral-Wissens mittels der Produktion von erlebbaren Applikations-Vorgaben fest, die zu Organisationsformen anderer Praktiken werden können und als solche die Wahrnehmung der Rezipienten sowie ihren Zugriff auf die Realität strukturieren.

Als exemplarisches Beispiel soll meinen Ausführungen das Kollektivsymbol „Weg“ dienen. Indem ich das Netzwerk der diskursiven Beziehungen (zumindest skizzenhaft) aufdecke, in dem der jeweilige Text mit der Verwendung dieses Symbols steht, suche ich die Antwort auf die Frage, inwiefern die Applikations-Vorgaben der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur er-lebbar sind – d.h. über welche Mechanismen der Suspension sie ungarndeutsche alltagsweltliche und historische Erfahrungen integrativ ordnen bzw. modellieren; inwiefern sie durch diese Modelle Wirklichkeitsvorstellungen vervielfachen, inwiefern sie in ihrer sozialen und ideologischen Bedingtheit Erfahrungs- und Handlungsräume eröffnen, die dem Leser eine Möglichkeit der Selbstreflexion in Bezug auf dessen alltagsweltliche und ideologische Wahrnehmungsbeschränkungen bieten. Die Antwort auf diese Frage mittels des Wegsymbols zu suchen, scheint mir auch deshalb operativ zu sein, weil die dem Kollektivsymbol konventionell zugewiesenen Konnotatoren („Entwicklung“, „Bildung“ usw.) genuin auf Summieren bzw. Reflektieren von lebensgeschichtlichen Wandlungen, Erfahrungen hin angelegt sind.

Das Kollektivsymbol „Weg“ ist für die inhaltlichen und ästhetischen Strukturen der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur in ihren Anfängen höchst konstitutiv. Es wird, auch von denselben Autoren, in konträren diskursiven Positionen verwendet. Diese Tatsache weist auf die Widersprüchlichkeit des „sozialen Auftrags“[9] der ungarndeutschen Schriftsteller hin: Der fordert einerseits (sozial-)psychologische Hilfe bei der Bewältigung schmerzhafter Verluste, andererseits Bestätigung, dass die Integration in die sozialistische Gesellschaft problem-, d.h. schmerzlos abläuft. Einerseits wird „Weg“ in einer diskursiven Position bearbeitet, die als die des „Assimilanten“ bezeichnet werden kann. Die Bezeichnung will signalisieren, dass mit der Position Verluste der ungarndeutschen Assimilation verzeichnet werden – allerdings mit zeitüblicher Vorsicht. So nimmt in Ludwig Fischers Auf weiten Wegen[10] der „Assimilant“ das interdiskursive Element bzw. Kollektivsymbol „Weg“ auf, das die redebeherrschende Macht mit den Konnotatoren „Fortschritt“, „fortschrittlicher Sozialismus“, „kommunistische Zukunft“ verbunden wissen will. Er legt einen Zwischenhalt in das vorgeschriebene Auf-dem-Weg-Sein ein, und fragt danach, was er bereits erreicht hat. Seine Zwischenbilanz zeigt ausschließlich Verluste auf: Die „weiten Wege“ werden semantisch stets als „heimisch“ belegt, der „Weg“ büßt die semantischen Potenzen „Läuterung“, „Glücksfindung“, „Identitätsfindung“ ein, die Potenzen, an welche die Macht mit ihrer konnotativen Überlagerung appelliert.

Die titelgebende Erzählung bearbeitet die Verluste mittels einer Mensch-Tier-Konfiguration. Der Bauer, der für seinen Umzug in die Stadt Geld braucht, verkauft sein Pferd, und meint erkannt zu haben, dass er auch „Bindungen, Erinnerungen, Gefühle“ (AWW 65.) zurücklassen soll. Später, in der Stadt, halten ihn aber in stürmischen Nächten diese doch nicht losgelassenen Bindungen wach:

Das Toben des Windes wird zu einem Sausen und Rauschen, ja als kämen da die Hunde, unsere Hunde, all unsere Hunde und die Pferde vorbei. Wißt ihr noch, wie wir sie alle in unseren Dörfern gelassen haben. […] Wer dachte noch damals […] an die Hunde, an die Pferde? Wer dachte an die Hunde, die auf uns warteten? Man hat sie verprügelt, man hat sie verjagt … sie saßen traurig unter den Bäumen, sie horchten immer trauriger in die Weite. Sie warteten Tag und Nacht, Tag und Nacht warteten sie auf uns. Sie liefen den Leuten nach […]. Sie warteten hungrig, naß, mit einer tiefen Trauer in den Augen […], mit der Erinnerung an uns hockten sie dort unter den Bäumen, jämmernd, winzelnd heulten sie. […]

In den unendlich langen schlaflosen Nächten weiß ich, daß sie uns noch immer auf der Spur sind. […] Sie hetzen sich auf den weiten Wegen nach uns. (AWW 76.)

Die Unfähigkeit der Tiere, sich den veränderten Umständen anzupassen, steht für einen (nicht konkretisierten) Bestandteil der menschlichen Identität, die Gewissensbisse des Bauern weisen auf Verdrängtes, auf eine ausgebliebene Trauerarbeit um die Verluste hin. Die ausgebliebene Trauerarbeit kann auch das Werk nur bedingt leisten, welcher Mangel aber – zumindest teilweise – den Ausschließungsregeln des damaligen ungarndeutschen literarischen Diskurses geschuldet ist. Der Diskurs gewinnt seine Legitimation, wie oben angedeutet, aus der Versicherung der Loyalität der herrschenden Gesellschaftsordnung gegenüber, und wird dadurch wesentlich eingeschränkt.[11] Das bedeutet, die Veränderungen im Sozialsystem (konkret: die Auflösung der ungarndeutschen Dorfgemeinschaften) müssen angesichts des neuen, sozialistischen Systems grundlegend positiv gedeutet werden, die Verluste dürfen in ihrem wirklichen Ausmaß, in ihrer sozialen und psych(olog)ischen Realität nicht rekonstruiert werden – und somit auch nicht richtig betrauert werden. Die Veränderungen, die Mechanismen und Konsequenzen des Ausscheidens aus einer Gemeinschaft und der Eingliederung in eine neue bleiben undurchschaut bzw. unanalysiert, der Verlust der Dorfgemeinschaft wird einfach als Dekorporierung des „guten Alten“ gestaltet. Als Interpretation für die Veränderungen hat der literarische Diskurs nur die Ausgeliefertheit, die Schicksalhaftigkeit parat. Die Gestaltung der Ausgeliefertheit der zurückgelassenen Tiere, besonders des Pferdes, erfolgt durch das kontextuelle Sem „menschlich“ und so intensiv[12], dass sich der Leser mit dem Tier identifiziert – d.h. mit einem „Schicksaltragenden“: Das Pferd steht ohnmächtig der Aggression brutaler Menschen gegenüber, Gründe von Veränderungen in seinem Leben sind ihm nicht zugänglich, es muss sein Leben als ein verhängtes erleben. Es fällt außerdem auf, dass – indem der Konflikt von Menschen auf Tiere übertragen wird – der soziale Sprengsatz der Konfliktstruktur, die die sozialistischen Umstände als kritikwürdig erscheinen ließe, entschärft wird. Die Ausführung der Konfliktstruktur ist alles in allem unter sozialpsychologischem Aspekt mehrfach zu kritisieren, da sie eine sehr eingeschränkte Wirklichkeitsinterpretation leistet und somit zur Verarbeitung geschichtlicher und alltagsweltlicher Erfahrungen der Ungarndeutschen kaum beitragen kann.

Auch in anderen Erzählungen des Bandes führen die „weiten Wege“ in das Fremde bzw. zum Fremdsein. In Im Institut[13] leidet der ehemalige Dorflehrer unter dem mangelnden Kontakt mit den Kollegen. In Es war einmal[14] wehrt sich der Assimilant gegen die Fremdheit der sozialen Welt durch die Gestaltung einer virtuellen; in der Literatur, in seiner Muttersprache gestaltet er sich einen Fluchtraum.[15] Anderen Assimilanten bleibt sogar ein Fluchtraum vorenthalten: In Wo sind sie geblieben?[16] wird Sepp bei dem Besuch in seinem Heimatdorf nicht erkannt, und er muss schmerzhaft feststellen, dass alles, was sein Gedächtnis und seine Phantasie als „heimisch“ gespeichert bzw. gestaltet haben, in der Wirklichkeit nicht mehr vorhanden ist.[17]

Andererseits wird das Kollektivsymbol „Weg“ mit der diskursiven Position des „Versöhnenden“ verarbeitet. Der „Versöhnende“ strebt eine Verbindung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Ungarndeutschen an, versucht die „ungarndeutsche Geschichte“ semantisch als „kontinuierlich“ zu gestalten. Beispiele für die Position sind u.a. in Ludwig Fischers Auf weiten Wegen zu finden. Bei dem „Versöhnenden“ führen die „weiten Wege“, anders als bei dem „Assimilanten“, zueinander bzw. zur Läuterung – die „Versöhnung“ erreicht die Position allerdings nur um den Preis der Suspension gewichtiger realer Praktiken.

Die „Versöhnung“ wird in Bezug auf den „Aufbau des Sozialismus“ gestaltet, innerhalb der Welt des sozial Produktiven, in der Arbeit. Die semantische Gestaltung von „Arbeit“ realisiert die Wertsteigerung, die das Zeichen in den politischen, journalistischen usw. Interdiskursen erfahren hat: „Arbeit“ erscheint als „schöpferisch-produktive Kraftentfaltung der brüderlich verbundenen Menschen zur vollen Befriedigung ihrer gesellschaftlichen und persönlichen Bedürfnisse“, wird von Bedeutungselementen wie „Ausbeutung“ oder „Mühe“ befreit.

In Der Doktor[18] wird ein „Verirrter“ in die sozialistische Gesellschaft zurückgeführt. Georg Gruber, der ungarndeutsche Bauernsohn, geht, nachdem seine Familie nach dem Krieg alles verloren hat, den Weg des Intellektuellen, und sein ungarndeutscher Fleiß wird von Erfolg gekrönt, ihm wird an der Universität eine Stelle angeboten, nur die Pensionierung eines Kollegen muss er abwarten. Er heiratet und zieht für die drei Jahre, bis die Stelle frei wird, aufs Land, arbeitet in einer Schule, schreibt an seiner Doktorarbeit, und macht sich als Turkologe bald auch in der internationalen Forschung einen Namen. Eines Tages aber bekommt er all seine unveröffentlichten Manuskripte zurück, und es stellt sich heraus, dass die Stelle an der Universität durch einen anderen besetzt worden ist. Das Fiasko wirkt sich auf seine Ehe aus, seine ehrgeizige Frau hält ihm vor, dass sie ihn nur geheiratet hat, um Professorenfrau zu werden, die Eheleute entfremden sich einander. Gruber sehnt sich nach seinen Eltern, in die bäuerliche Welt zurück, unternimmt aber nichts, um wirklich dorthin zurückzukehren. Inzwischen stellt sich heraus, dass die Frau ein Kind erwartet, was noch einmal eine glückliche Periode in der Ehe bewirkt. Das Kind kommt aber mit einem hässlich verzerrten Gesicht zur Welt, was die Mutter nicht verarbeiten kann, das Ehepaar entfremdet sich endgültig. Der Vater hält zu dem Sohn, auch als er sich als ein sehr schwacher Schüler erweist, der Druck, der auf ihm lastet, wird für ihn allerdings nur durch Alkohol erträglich. Wegen seiner Trunksucht wird er suspendiert. Dazu kommt, dass der heranwachsende Sohn, unter dem Einfluss der Mutter, den trinkenden Vater für seine gesellschaftliche Isolierung verantwortlich macht. Ein Fachinspektor, der sich gerade in den Tagen im Dorf aufhält, als der Sohn Selbstmord begeht, verspricht Gruber, mit seiner Lebensgeschichte bekannt gemacht, Hilfe und macht ihm ein Angebot, sich in der Stadt noch einmal als Lehrer zu versuchen.

Dem Autor fällt es offensichtlich schwer, Konflikte in einem Gesellschaftsmodell zu gestalten, in dem es keine antagonistischen Oppositionen geben darf und auch die nichtantagonistischen heruntergespielt werden müssen. Der plötzliche Abbruch der wissenschaftlichen und somit sozialen Karriere Grubers ist als handlungs- und konfigurationskonstitutives Element sehr oberflächlich ausgearbeitet: Es bleibt unverständlich, warum ihm die Arbeiten zurückgeschickt werden bzw. warum er sie nicht anderswo zu publizieren versucht, da er auch im Ausland anerkannt ist; auch der Einsatz eines anderen auf die Stelle bleibt ungeklärt. Eine sichtbare Schuld liegt weder bei Gruber noch bei der Gesellschaft. Die Konflikte, welche die Figurenkonstellation soweit verändern, dass aus dem fleißigen Gruber ein „Taugenichts“ wird, d.h. das semantische Merkmal „gesellschaftlich nützlich“ in „gesellschaftlich unnützlich“ umkehren, liegen im Privaten und werden durch natürliche und nicht soziale Eigenschaften ausgetragen: Das werdende Kind tröstet seine Mutter über das Fiasko des Vaters, die Eheleute sind glücklicher als je, Gruber arbeitet wieder fleißig und zur vollen Zufriedenheit eines jeden in der Schule, was alles zunichte macht, ist die körperliche und geistige Behinderung des Kindes. Der Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft bleibt also durchaus verschwommen, aus Gruber wird im Privaten und durch das Natürliche ein Schwacher gemacht. Die Kritik, die Gruber an der Gesellschaft übt, wird als die eines Regressiven verharmlost: Als er sich zu seinen Eltern zurücksehnt, erscheint ihm die bäuerliche Welt als eine heile, außergesellschaftliche, genauer der als inhuman erlebten Gesellschaft entgegen gesetzte[19], aber die Kritik von einem, der die ersehnte Rückkehr in die kindliche Geborgenheit schließlich durch den Alkohol schafft, fällt nicht ernsthaft ins Gewicht. Die Lösung des verschwommenen Konfliktes kann nur eine problematische sein. Mit dem Stellenangebot wird der eigentlich unentwirrbare Konfliktknoten bloß durchgehauen: Die Versöhnung durch die sozialistische Arbeitswelt bzw. in der sozialistischen Arbeitswelt überzeugt beim genauen Hinsehen nicht.

In Das neue Mädchen[20] werden Gestern, Heute und Morgen von Franz Krämer versöhnt. Die Welt von heute und morgen, die in der Phase der sozialistischen Erfüllung schlechthin gut zu sein scheint, wird in einer LPG modelliert. Die Leitung dieser LPG übergibt Franz Krämer der jungen Diplomlandwirtin Eva Kovács, deren Sachverständnis, Fleiß und Zuverlässigkeit nicht nur die LPG aufblühen lassen, sondern auch das Herz des alternden Krämers. Ehe aber seine Gefühlsregungen zu ernsthaften Konflikten mit seiner Frau führen oder Eva von ihnen erfährt, stellt sich heraus, dass die junge Frau seine Tochter ist. Die Tochter versöhnt dann Krämer auch mit dem Gestern – durch die Bauernwirtschaft seines Vaters modelliert, in die er keine Frau unter dem sozialen Stand seiner Familie bringen durfte, auch wenn sie ein Kind von ihm erwartete. Auf den „weiten Wegen“ wird eine glückliche Familie konstruiert. Die Familie wird erweitert und dadurch das semantische Merkmal [glücklich] intensiviert: Eva darf nach freier Herzensbestimmung heiraten und ihre Kinder bereiten Eltern und Großeltern Freude. Die homogene semantische Ebene [glückliches Gedeihen] soll aber letztendlich den Sozialismus propagieren: Im Schlussdialog wird sie in diesem Sinne an das Bild der blühenden LPG angeschlossen, es ist von einer Rekordernte die Rede.

Für die Beurteilung der Applizierbarkeit der Erzählung, in der die „Liebesgeschichten“ eine ideologische Stützfunktion erhalten, bieten sich viele Geschichten an, die ebenfalls zu vermitteln bestrebt sind, dass sich im Sozialismus Herz zum Herzen findet. Und es bleibt festzuhalten, dass in anderen Werken durch authentischere Konstruktion von Liebesgeschichten gelingt, den Aspekt der freien Herzensbestimmung wirklich diskutierbar zu machen bzw. dass in vielen Fällen die Gestaltung von Liebe dermaßen authentisch wirkt, dass die Rezipienten das Werk durch die Ausblendung der ideologischen Elemente zum Klassiker machen. Ein – besonders für den ungarischen Leser – anschauliches Beispiel wäre die Filmadaptation der Sarkadi-Novelle Kútban, Körhinta, [Karussel][21], da in ihr die Konfliktstruktur durchgehend durch eine Wegsymbolik ausgetragen wird: Der Vater und der Geliebte von Mari gehen einen „anderen Weg“[22] – der Vater will aus der LPG heraustreten, Máté ist ein überzeugter Genossenschaftsbauer –, was die Erfüllung der Liebe lange als unmöglich erscheinen lässt; in langen Sequenzen werden die schlammigen Wege, die des alten bäuerlichen Lebens gezeigt, die Máté nicht mehr gehen will[23], die „neuen“ Wege, die Wege der „Entwicklung“ versinnbildlichen die Eisenbahnschienen; und die Musik des Filmes ergibt das ungarische Volkslied „Oh, wie breit ist, oh, wie lang ist jener Weg, auf dem mein Schatz losgegangen ist […] von einem weiten Weg kann man nicht zurückkehren, die Liebe kann man nicht verbergen“. Die Liebe macht schließlich ihren Weg, gegen die ist Maris Vater machtlos, das alte Gesetz, „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch ein größerer Acker findet“[24], wird durch das neue, „ob sich Herz zum Herzen findet“, abgelöst. Jenseits der Moral, alle Wege führen in die LPG, wird der Film sowohl von Experten unter die zehn besten ungarischen Filme eingestuft als auch, laut Befragungen, von den Zuschauern.

In Das neue Mädchen sind die „weiten Wege“ der Handlungs- und der Konfliktstruktur viel zu „verwinkelt“, d.h. die vielen Zufälle, durch die eine Lösung erreicht wird, liegen fernab der Alltagserfahrungen des Lesers, und in der Gestaltung der glücklichen Familie werden viel zu ernsthafte psychologische Probleme suspendiert. In der Neugründung der Familie Krämer wird nur die Aufhebung der Kinderlosigkeit fokussiert, d.h. das Inzestproblem wird als solches nicht ausgetragen; Franz Krämers Verantwortung blendet die Großzügigkeit der Frauen aus (Evas Mutter gibt dem Mann gar keine Schuld, im Gegenteil, sie versichert ihn ihrer Verehrung und Liebe, sie muss sterben, um die Konstellation „glückliche Familie“ keinesfalls zu gefährden; Frau Krämer nimmt Eva anstandslos als Tochter an; darüber, wie Eva die Ereignisse psychisch verarbeitet, fällt kein Wort) bzw. Krämers Verantwortung wird auf das vorsozialistische Sozialsystem übertragen.

Die angezeigten Probleme und Widersprüchlichkeiten kennzeichnen – bis auf wenige Ausnahmen – den deutschsprachigen Strang[25] der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur. Die Überdeterminiertheit der literarischen Produktion in den gegebenen politischen Strukturen bewirkt eine simplifizierende Problemreduktion: Die soziale Wirklichkeit sowie die psychische Wirklichkeit eines Menschen oder eines Kollektivs wird hauptsächlich in recht vereinfachten Modellen rekonstruiert. (Die Weltmodellbildung in den dargestellten Erzählungen lässt sich, zugespitzt, auf die Formel bringen: Wohlwollende, gute Menschen sind den bösen Umständen ausgeliefert, die aber im Sozialismus aufgehoben werden. Diese Formel stellt nicht einmal der „Assimilant“ infrage, wie oben ausgeführt, entschärft er den sozialen Sprengsatz der Konfliktstruktur.) Die entworfenen Applikations-Vorgaben ermöglichen deshalb keine zuverlässige Orientierung in ihrem sozialen und historischen Kontext. Außerdem wirken die Diskursregeln, die die Entfaltung einer künstlerischen Subjektivität wesentlich einschränken, auch ästhetisch kontraproduktiv.

Es muss festgehalten werden, dass die Denk- und Argumentationsstrukturen des deutschsprachigen Diskursstranges bis heute fortgeschrieben werden. Das bedeutet, dass der Diskurs die Möglichkeit einer Erneuerung, die ihm die Befreiung des lange unterdrückten historischen Gedächtnisses seit der Wende bietet, bis heute nicht wahrgenommen hat, und als Interpretation der Veränderungen in den soziokommunikativen Kontexten nach wie vor eine Schicksalhaftigkeit vermittelt, die als Identitäts- und Orientierungsmuster unzulänglich ist. Es kann also behauptet werden, dass sich der deutschsprachige Diskursstrang auf den „weiten Wegen“ festgefahren hat.

Bedeutend autonomer zeigt sich in der Herausbildung von Applikations-Vorgaben der ungarischsprachige Diskursstrang der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur.[26] Das Textbeispiel, das die inhaltlich und formal-ästhetisch komplexe Verarbeitung des Wegsymbols illustrieren soll, ist Robert Baloghs Schwab evangiliom: Großmutters Arzneibuch[27]. Die diskursive Position lässt sich als die des „Evangelisten“ festlegen, und zwar weil sie die rekonstruierten ungarndeutschen historischen und alltagsweltlichen Erfahrungen als Grundelemente einer ungarndeutschen Identität bewusst macht bzw. als maßgebend und prägend für das eigene Handeln erkennen lässt.

Solange in den obigen Beispielen die Verarbeitung des Kollektivsymbols „Weg“ vorwiegend über die Aktualisierung von „Weg“ als konnotativer Signifikat verläuft (die Isotopien der einzelnen Texte werden grundlegend durch den Titel, „Auf weiten Wegen“, als übergreifende Isotopie und als übergreifendes Strukturprinzip generiert), verläuft hier die Verarbeitung der Wegsymbolik im ersten Schritt über eine äußerst sorgfältig ausgearbeitete denotative Ebene, die „Wege“ der „ungarndeutschen Erfahrung“ erscheinen nämlich auch auf der Ebene der Denotation als Wege: Die Narration erzählt über die Wege, die die Ungarndeutschen gegangen sind, über den Weg, den sie bei der Ansiedlung zurückgelegt haben, über den, den bei der Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg usw. Die konnotative Ebene wird in einem zweiten Schritt installiert[28], indem die Narration selbst als Weg reflektiert wird:

[...]

Die Landstraße der Toten ist die Landstraße der Lebendigen.

Das ist das Einzige was verbindet.

Das ist das Einzige was bleibt

Wer den Weg durchgegangen ist soll darüber mit Zuversicht berichten.

Damit es leichter ist das zu glauben

Damit wir es nicht als Scherz hinnehmen.

[...]     (SCHE 138.)

Dazu kommt, dass die „Form“ der Narration semantisch funktionalisiert wird, die formale Ebene des Textes zum Teil der Inhaltsstruktur wird. Die Selbstdefinition des Werkes, die das vorliegende narratologische System als System beschreibt, lautet:

Was ist das? – Ein Buch, das sich aus Fragmenten aufbaut, die sich nicht zusammenfügen, eine Geschichte, die sich aus zum Vergessen verurteilten menschlichen Schicksalen zusammensetzt, eine Geschichte, die sich nicht [als Geschichte] gestaltet, Erinnerungen, Farben, Düfte, die verschmelzen, Trennung, Vereinigung, Rausch und Wahnsinn. Ein stilles, schneckenförmiges Nachdenken. Über Schwaben. (SCHE 11.)

Der Weg der Narration nimmt demnach die Form einer Schneckenlinie, einer Spirale an, die die Semantik des ewigen Zyklus, der sich stets entwickelnden zyklischen Kontinuität, die der Emanation in sich trägt, und die als Denkfigur aktualisiert die Reflexion über den Ausgangspunkt impliziert, in immer weiter werdenden „Windungen“.

Der Ausgangspunkt des Nachdenkens und Erzählens über das Ungarndeutsch-Sein ist Die Erzählung des Opapa über die alte Heimat, darüber, warum wir die Gegend hinter uns gelassen haben, um hierher zu kommen. In der Erzählung werden die Seme „Fahrt“ und „Weg“ dominant gesetzt. Dadurch wird die homogene semantische Ebene des „Auf-dem-Weg-Seins“ (respektive des „Auf-der-Fahrt-Seins“) begründet, die die Narration entfaltet, und (u.a.) durch ihre semantisch funktionalisierte Form – sie ist, wie aus dem bisher Gesagten hervorgeht, selbst als „Auf-dem-Weg-Sein“ zu erfassen – reflektiert: Die dominant gesetzten Seme rekurrieren in anderen Erzählungen, in einander ergänzenden, referierenden, interpretierenden, d.h. erweiternden Kontexten, wie das nunmehr auszuführen ist: An die Erzählung des Opapa wird Meine Erzählung über mich selbst, wie ich hier geblieben bin, warum ich nicht in das Land der Opapas zurückgekehrt bin […] angeknüpft, in welcher der Enkel seine Erlebnisse bei einem Ernteeinsatz 1988 in der DDR festhält und die er damit abschließt, dass seine Urgroßmutter nach der Aussiedlung aus diesem Land über drei Grenzen hinweg nach Ungarn zurückgekehrt ist. Später im Verlauf der „Schneckenlinie“ erzählt der Opapa über die Tage, die er mit seiner Familie bei der Aussiedlung in einem Waggon verbringen musste. Noch später folgt Die Erzählung des Opapa über die Heimkehr der Omama, in der die Omama erzählt, wie man über drei Grenzen heimkehren kann. Anschließend wird ein Traum der Omama von einer Fahrt mit den Toten aus ihrer Familie erzählt, und nach einigen weiteren Windungen der „Schneckenlinie“ resümiert der Enkel in Form eines Monologes Siedlungsprozess und Vertreibung der Ungarndeutschen. Dann wird das Rattern der Züge, die für die Aussiedlung eingesetzt wurden, heraufbeschworen. Darauf folgt ein Albtraum, den der Opapa von der Aussiedlung träumt, dann erzählt der Enkel von den Fahrten seiner Großmutter in die Stadt, um Eier, Milch usw. zu verkaufen, und schließlich sind die Worte meiner Großmutter über die Tage im Waggon, die Heimkehr der Omama und über ihre Marktgänge zu lesen. Das semantische Potenzial des „Auf-dem-Weg-Seins“ wird im Zuge der Rekurrenz der Seme „Weg“ und „Fahrt“ immer größer, es leistet eine immer komplexere Reflexion des Ungarndeutsch-Seins. Das „Auf-dem-Weg-Sein“ wird somit als eine zentrale Kategorie der ungarndeutschen Identität ausgewiesen.

Zu der Komplexität der Reflexion trägt bei, dass im Text dieselben Erfahrungen durch verschiedene semantische Systeme wandern, d.h. dass sie mehrmals aufgenommen, durch verschiedene Erzähler reproduziert werden. Das Gesagte soll an den Erzählungen über den Weg der Omama, über ihre Heimkehr „über drei Grenzen“ illustriert werden. Über das Ereignis berichten die Worte meiner Großmutter sachlich, emotionslos:

Einmal ist der Opapa gestorben. Die Omama ist […] mit den Bozsokern losgegangen. Zu Fuß. Die waren jünger, konnten besser laufen, sie wollten sie nicht, aber dort lassen konnten sie sie doch nicht. 1887 ist die Omama geboren, 1950 ist sie zu Hause angekommen. Mit 63 konnte sie nicht mehr so gut. [...] Hier in Ungarn hat sie ein Paar Strümpfe verkauft. Das Geld, das sie dafür bekommen hat, und sie ist in den Zug eingestiegen, und bis es reichte. So ist sie nach Hause gekommen. Ein Stück auch zu Fuß. Und wie sie konnte. (SCHE 130.)

Die Erzählung des Opapa über die Heimkehr der Omama, in der die Omama erzählt, wie man über drei Grenzen heimkehren kann ist ein poetisch stilisierter, emotionsgeladener Bericht über dasselbe Ereignis:

Sie hat nie wieder erzählt, dass sie nur gegangen sind und gegangen sind und trotzdem nicht vorangekommen sind. Dass sie auf der Landstraße nicht vorangekommen sind, weil überall Soldaten gestanden haben, nach Papieren verlangt haben, mit Waffen gefuchtelt haben. […] Damit sie nicht zurückfinden können, hat der Regen die Wege verwischt, die Schiene verwischt, die Bäume sind mit den Wurzeln umgefallen, überall hat sich nur das graue Wasser gekräuselt. Die Omama ist alleine dagestanden, die jungen Frauen aus Bozsok sind fortgeeilt. Und wenn sie doch auf den richtigen Weg gefunden hat, wurde ihr Herz so klar, wie das Glas, der Weg ist auf sie zugekommen und hat sich unter ihren Füßen verkürzt. (SCHE 70.)

Der Enkel reflektiert das Ereignis auch pragmatisch:

Es gab einmal ein Land, aus dem meine Urgroßmutter zu Fuß heimgekehrt ist. Von zu Hause nach Hause! Aus dem Vaterland in das Geburtsland! Von dort hierher. (SCHE 27.)

Es ist ersichtlich, dass die dem Kollektivsymbol „Weg“ konventionell angelegten Konnotationen hier viel komplexer und differenzierter ausgearbeitet bzw. literarisch weiterverarbeitet werden als in den obigen deutschsprachigen Beispielen. Dadurch verfügen auch die Identitäts- und Orientierungsmuster des Textes über eine bessere Applizierbarkeit. Die Narration, die die rekonstruierten Erfahrungen als Grundelemente einer ungarndeutschen Identität bewusst macht bzw. sie als Bezugspunkte der individuellen Identitätsbildung als unverrückbar ausweist[29], erweist sich als Gedächtnishandlung, die die „ungarndeutsche Kultur“ neukonstruiert[30].

Die Wege, die der ungarischsprachige Diskursstrang eingeschlagen hat, führen offensichtlich zu einer (längst überfälligen) ungarndeutschen Selbstreflexion. Ich möchte hoffen, dass auch immer mehr Leser diesen Prozess mit Interesse begleiten.


 

[1] Vorliegender Beitrag stellt die vollständige Fassung des Referats „ ,Auf weiten Wegen‘ – über die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur“ dar, das auf dem XI. Kongress der Internationalen Vereinigung für Germanistik (2005, in Paris) vorgetragen wurde, in der Sektion „Multikulturalität in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur“, deren Ziel es u.a. war, deutschsprachige Minderheitenliteraturen unter dem Gesichtspunkt der spezifisch historischen, sozio-ökonomischen und politischen Entstehungs- und Existenzbedingungen zu untersuchen, aber auch unter dem Gesichtspunkt der ästhetischen Beschaffenheit. Im Konferenzband werden die Referate in stark gekürzter Form veröffentlicht.

[2] Vgl. Herczeg Ferenc, Az MSZMP nemzetiségi politikája (Budapest: Kossuth, 1976) 21-33. und Valeria Heuberger, „Die ungarische Nationalitätenpolitik von 1968-1991,“ Minderheitenfragen in Südosteuropa, ed. Gerhard Seewann, (München: Oldenbourg, 1992) 199-209. und vgl. Tilkovszky Loránt, Nemzetiségi politika Magyarországon a 20. században (Debrecen: Csokonai, 1998) 162-170.

[3] Vgl. „Wir wissen, daß im Mittelpunkt aller künstlerischen Bemühungen die Weiterent-wicklung unserer sozialistischen Kultur steht, insbesondere die Gestaltung des sozialistischen Menschen. […] Mitte und Ende der vierziger Jahre gab es hier kaum Deutschschreibende, beziehungsweise Personen, die ihre Gedanken in deutsche Worte kleideten. Dies war durch die Entwicklung der neuen Arbeits- und Lebensverhältnisse in Ungarn bedingt. Die wirtschaftliche Entwicklung nach Kriegsende brachte es mit sich, daß auch die Deutschen in Ungarn in den Städten neue Arbeitsmöglichkeiten fanden. […] Das führte einerseits zu einem gewissen Abschleifen ihrer nationalen Besonderheiten, andererseits aber zum gegenseitigen besseren Verstehen, zum Wachsen der gegenseitigen Achtung und Zusammenarbeit. […] Es gibt keine heimische Literatur in deutscher Sprache, die Einsicht gewähren könnte in die Geschichte dieser Jahre […]. Das ist schade, denn geschriebene und gelesene Werke appellieren an das Gedächtnis. Sie bringen den Menschen sich selbst in Erinnerung. […] Die Trümmerzeit und die sorgenvollen, manchmal aussichtslos erschienenen Jahre der Nachkriegszeit haften in unserer Erinnerung. Aus ihnen erwächst die Gegenwart, die siegreich fortschreitende Welt des Sozialismus und des Friedens. Einst standen wir vor den öden Feldern, vor den zerbombten Fabriken, Betrieben und Häusern. […] In hellem Licht liegt der Reichtum unserer Tage vor uns. Erfüllte Pflichten, erfolgreiche Arbeit und Lebensfreude prägen das Gesicht unserer Dörfer, Städte, Landschaften. […] Sozialismus, Frieden und Freundschaft einen Ungarn und Nationalitäten zu einem starken Bund. Diese Entwicklung müßte auch von der Sektion der Deutschschreibenden in Worte gekleidet werden. Ihr Schaffen würde unserer Heimat dienen und der gesamten Kultur unseres sozialistischen Vaterlandes ein bleibendes Geschenk darbringen. […] Kunde geben über die Einzelheiten der Entfaltung bis zum Durchbrechen der Freiheit, die das Antlitz eines großen Teiles der Welt, wie auch das unserer Nationalitäten, von Grund auf veränderte. […] Das Wirken der Deutschschreibenden kann dazu beitragen, daß das heutige Leben der Deutschen in der Öffentlichkeit erschlossen und das Erbe auf diese Weise sichergestellt wird, wodurch zugleich die Leser zu einer noch erfolgreicheren Teilnahme am sozialistischen Aufbau ermuntert werden.“ Friedrich Wild, „Sektion der Deutschschreibenden: Greift zur Feder!,“ Neue Zeitung 7 (1972): 2.

[4] Jürgen Links Konzept des Interdiskurses geht aus einer Kritik an Foucaults ambivalenter Verwendung des Diskursbegriffs hervor, der einerseits um ein internes diskursives Regelsystem kreist, andererseits aber soziale Praktiken, Rituale und Institutionen als konstituierend hervorhebt: Link geht in einer materialistischen und generativen Wendung der Diskursanalyse von der doppelten Kombinatorik gesellschaftlicher Praxisformen und sprachlicher Zeichen aus.

[5] Vgl. Jürgen Link, Elementare Literatur und generative Diskursanalyse (München: Fink, 1983)

[6] Vgl. Jürgen Link und Rolf Parr, „Semiotik und Interdiskursanalyse,“ Neue Literaturtheorien: Eine Einführung, ed. Klaus-Michael Bogdal, (Opladen: Westdeutscher Verlag, 1997) 108-133.

[7] Die komplexe Problematik der Kollektivsymbole führt Link am Beispiel des seit seiner Erfindung im 18. Jh. in literarischen und journalistischen Texten mit Vorliebe verwendeten Ballon-Symbols, in: Jürgen Link, „Literaturanalyse als Interdiskursanalyse: Am Beispiel des Ursprungs literarischer Symbolik in der Kollektivsymbolik,“ Diskurstheorien und Literaturwissenschaft, eds. Jürgen Fohrmann und Harro Müller, (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988) 284-307, und in Jürgen Link, Elementare Literatur und generative Diskursanalyse (München: Fink, 1983) 48-72 aus.

[8] Vgl. Jürgen Link und Ursula Link-Heer, Literatursoziologisches Propädeutikum, München: Fink, 1980, 136-164.

[9] Unter „sozialem Auftrag“ versteht Link die ideologische Bedingtheit einer diskursiven Position. (Vgl. Jürgen Link und Ursula Link-Heer, a.a.O., S. 280-297.)

[10] Ludwig Fischer, Auf weiten Wegen (Budapest: Tankönyvkiadó, 1983) 60-76. Künftig zitiert als AWW und Seitenangabe.

[11] Siehe auch die in Fußnote 2 zitierten „Diskursregeln“.

[12] Vgl. „Das leichte Schlummern brachte Sári nach Hause … als hallte der Ruf aus unendlicher Weite … Sári … Sári … Sári! Dann hörte es wieder nur noch die stille warme Stimme. Sári, mein Fuchs, gehen wir? Wollen wir nach Hause gehen? Es zuckte nur im Schlaf. Fahren wir, mein Fuchs? Und am Rande der Träume waren die Wege. Die nach Hause. Die Wege vom Kukuruzfeld, die Wege aus dem Wald, aus dem Weingarten … alle Wege führten nach Hause, durchs offene Tor in den Hof. Die langen Wege und die kurzen, die nassen und die staubigen, die Wege bei Tag und bei Nacht … alle sie führen nach Hause, in den Hof, wo alles bekannt ist, die Bäume und der Brunnen. Da hat alles seine bekannte Form, Farbe, den bekannten Laut, Geruch … bald werden sich auch die bekannten Schritte nähern. Es wollte nicht einschlafen, es wollte auf die Schritte warten. Sie werden auf dem langen Weg nach Hause kommen … […] Nur die Stille, die endlose Stille der Nacht! Er wollte die bekannten Schritte hören!“ (AWW 62-63.) und „Jani versetzte einen dumpfen Schlag auf das rechte Auge des Pferdes. Er schlug mit der Faust, mit seiner schweren Faust. Sári stand still, nur ein Jämmern war zu hören. Als wäre es das bittere Weinen eines Mannes. Ein schluchzendes Weinen aus der Ferne. Aus dem rechten Auge des Pferdes quoll Blut. Dann führten sie das Pferd zur Landstraße. Sári wollte in die Ferne schauen, in die Richtung, wo das Dorf ist, wo sie alle sind.“ (AWW 75.)

[13] AWW 42-50.

[14] AWW 5-25.

[15] Vgl. „ … er wollte nicht einschlafen … er wollte sich in Gedanken auf den Weg machen, wollte wandern, wollte fahren weit nach Hause. Der Mond guckte schon durchs Fenster … was machen sie jetzt wohl dort weit im Dorfe? […] Er wollte nicht einschlafen. Er wollte noch etwas zu Hause verweilen. […] Es war ihm auf einmal, wie er so unter der warmen Decke lag und immer wieder einschlummerte, als hätte er sie alle um sich, auch Großvater. In seiner Sprache hatte er sie alle, in seiner schwäbischen Sprache. Die Bilder, die er in Gedanken vor sich hatte, setzten sich ja mit Hilfe der schwäbischen Worte zusammen. Draußen auf der Straße wurde überall ungarisch gesprochen. Nur er setzte sich die Bilder, die Gedanken aus deutsch-schwäbischen Wörtern zusammen. Mit Hilfe dieser Wörter setzte er sich einen lebenden, pulsierenden Bilderbogen zusammen … […] Ein Wunder war geschehen. Die Gedichte Heines, die sprachlichen Erinnerungen aus der Kindheit führten den Jungen wieder in die Welt der vergangenen Kindheit zurück. Vorbei war es mit der Einsamkeit. Die Worte, die bekannten Bilder, die liebliche Melodie der Sprache zauberten ein Zuhaus in die Welt von Mathematik, Chemie und Latein. War das Studieren auch noch so schwer, es wartete etwas auf den Jungen, das ihn immer befriedigen konnte. Als hörte er die Lieder seiner Heimat, als wäre er wieder ein Kind ohne Sorgen. […] Der Junge fand wieder nach Hause. Er las Schiller, Lenau, Goethe, Agnes Miegel. Er suchte in den Bibliotheken herum. […] Er bastelte an seinen deutschen Sprachversuchen herum. Er nahm sich aus den Romanen Redewendungen, bildhafte Möglichkeiten, schmiedete an Zeilen herum, verfaßte Gedichte, er wollte Gedanken, Stimmungen festhalten. […] Großvaters warme Stimme, das liebevolle Schwäbisch aus Großvaters Mund, seine Geschichten dort am Brunnen, seine bildhaften Beobachtungen, das alles gab ihm Großvater mit auf den Weg. […] Das war das Innigste seines Lebens. Es war sein Leben.“ (Hervorhebungen von mir EP) (AWW 17-25.)

[16] AWW 51-59.

[17] Vgl. „Dreißig Jahre lebte das Bild meines Heimatdorfes in mir. Ich hatte das Weiß seiner Häuser auch in der Ferne vor Augen, hatte die freudige Ausgelassenheit der Kirchweihmärkte in den Ohren, die Freude des Faschingsmarktes, des Pfingstreitens … Dreißig Jahre träumte ich mich in das weite Dorf zurück, wollte es auch in meinen Erzählungen […] festhalten, ich wollte es auch in den Novellen festhalten: den Weinberg, das Dorf, den Friedhof. Das wollte ich, das suchte ich in meinen Träumen und Erinnerungen. Und jetzt stehe ich da, und Wehmut trübt mir das Herz. Wo sind die erträumten Wege, die Gärten? Wo hat man sie? Wo ist alles geblieben?“ (AWW 51.)

[18] AWW 86-113.

[19] Vgl. „Ich wollte mich zu meinen Eltern setzen … na, da bin ich … ich habe satt, habe abgewirtschaftet … ich will nicht mehr zurück in die andere Welt, in jene unmenschliche Welt, ich will nur bei euch, mit euch bleiben, arbeiten will ich auf den Feldern …“ (AWW 104.)

[20] AWW 114-203.

[21] Fábri Zoltán, Körhinta (MAFILM, 1955).

[22] Vgl. „Mari Siehst du, es geht gerade darum, Máté, … dass wir einen anderen Weg gehen. … Ich meine, mein Vater und …“ zitiert in eigener Rohübersetzung nach dem technischen Drehbuch des Filmes Sarkadi Imre, Körhinta: Forgatókönyvek, adalékok a forgatókönyvekhez (Budapest: Magvetõ, 1981) 122. Künftig zitiert als K und Seitenangabe.

[23] Vgl. „Máté … Dieser Schlamm! … ist das das Leben? … Willst du das? […] Wer, Herrgott noch mal, kann vorschreiben, dass der Bauer sein ganzes Leben lang in diesem Schlamm waten muss?“ K 121-122.

[24] Vgl. „Acker heiratet Acker! Dieses Gesetz wollt ihr brechen?!“ K 153. „Dieses Gesetz ist das stärkste, stärker als jede Liebe! Hast du verstanden?“ (K 155.)

[25] Die ungarndeutsche Gegenwartsliteratur, genauer gesagt, den ungarndeutschen literarischen Diskurs definiere ich für meine Untersuchungen nicht über die Sprache, sondern über die direkte, d.h. semantisch explizite Konstruktion der ungarndeutschen ethnischen und/oder nationalen Identität, über die konfigurations- und/oder konfliktkonstitutive Aktualisierung des Sems „ungarndeutsch“ in einem Text. Das bedeutet, ich sprenge - in einem diskursiven Ansatz, in dem ich die Texte der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur am semantischen Leitfaden der ungarndeutschen Identität (exemplarisch selegiert) neu ordne - den konventionellen Rahmen der „ungarndeutschen Gegenwartsliteratur“, und stufe auch ungarischsprachige Werke als „ungarndeutsche“ ein. Meine Forschungen haben ergeben, dass die ungarischsprachigen Texte über die Ungarndeutschen die gleichen Identitätsinhalte ausarbeiten wie die deutschsprachigen, in den Mechanismen der Ausarbeitung aber erhebliche Unterschiede zu beobachten sind, die sich auch auf die Rezipierbarkeit der Identitätsmuster auswirken. (Vgl. Propszt Eszter, Zur interdiskursiven Konstruktion ungarndeutscher Identität in der ungarndeutschen Gegenwartsliteratur, als Dissertation eingereicht an die Universität Szeged, 2005)

[26] Das hängt allerdings auch mit einem Problem zusammen, auf das ich in der hier gebotenen Kürze nicht tiefer eingehen kann, mit der komplexeren und langwierigeren literarischen Sozialisation der ungarischschreibenden Autoren.

[27] Balogh Robert, Schvab evangiliom: Nagymamák orvosságos könyve (Budapest: Kortárs, 2001) Da das Werk bisher in keiner deutschen Übersetzung vorliegt, werden die Textstellen, die den Ausführungen untergelegt werden sollen, in meiner Rohübersetzung präsentiert. Künftig zitiert mit den bibliographischen Angaben der ungarischen Originalausgabe als SCHE und Seitenangabe.

[28] Die Schritte sowie die denotativen und konnotativen Bedeutungen sind selbstverständlich nur theoretisch und nur aus forschungspraktischen Gründen voneinander zu trennen.

[29] Siehe dazu ausführlicher Propszt Eszter, „ ,Das ist das Einzige, was verbindet‘ – Untersuchungen zu Robert Baloghs Schwab evangiliom,“ Kakanien revisited http://www.kakanien .ac.at/beitr/fallstudie/ EProbszt1.pdf

[30] Zu den Zusammenhängen zwischen kultureller Sinnkonstruktion und Gedächtnis vgl. Renate Lachmann, Gedächtnis und Literatur: Intertextualität in der russischen Moderne (Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1990) und Orosz Magdolna, Az elbeszélés fonala: Narráció, intertextualitás, intermedialitás (Budapest: Gondolat, 2003).

 

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