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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 159-164

 

 

 INGEBORG BACHMANNS TODESARTEN-PROJEKT.

ANLASS, METHODIK UND ERKENNTNISWERT DER NEUEDITION IHRER SPÄTEN PROSA*)


Robert Pichl




Die folgenden Ausführungen befassen sich mit dem vorerst jüngsten editorischen Großunternehmen zum Werk der Autorin Ingeborg Bachmann, mit der historisch-kritischen Ausgabe der späten Prosatexte samt deren konzeptuellen und textgenetischen Vorstufen, die 1995 unter dem Titel “Todesarten”-Projekt beim Piper-Verlag in München erschienen ist (1). Hier soll dargestellt werden, warum und wie es zu dieser Edition kam, welche textphilologischen Arbeitsschritte dafür notwendig waren, welche neuen Textfragmente dabei restituiert werden konnten und welches neue Bild von Person und Werk der Dichterin daraus abzuleiten ist.

 

Vorgeschichte und Anlaß

Mit der 1978 ebenfalls beim Piper-Verlag in München erschienenen vierbändigen Leseausgabe der Werke I. Bachmanns, die von drei nahen Bekannten der Autorin, Christine Koschel, Inge v. Weidenbaum und Clemens Münster besorgt worden war (2), und mit der 1981 endgültig erfolgten Übergabe des literarischen Nachlasses, (sowohl der Originalblätter in ihrem bei der ersten Bestandsaufnahme vorgefundenen “ungeordneten” Zustand als auch einer zwischenzeitlich nach Werkgruppen und Entstehungsstufen geordneten Benützerkopie) an die Handschriftensammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien (3) war eine entscheidende Weichenstellung erfolgt: Es kam zu einer Neuorientierung und kontinuierlichen Entfaltung der Bachmannforschung, mit der auch eine zunehmende Breitenwirkung der Werke auf vornehmlich belletristisch interessierte Leserkreise einherging. Der Grund lag vor allem darin, daß nunmehr eine Reihe bisher nicht allgemein bekannter Texte aus dem Nachlaß, etwa drei der fünf Frankfurter Vorlesungen, etliche frühe und späte Gedichte, einige Essays, die meisten der in österreichischen Tageszeitungen bzw. Kulturzeitschriften verstreut publizierten Jugenderzählungen, vor allem aber zwei späte Romanfragmente, der Fall Franza und Requiem für Fanny Goldmann erstmals allgemein zugänglich waren. Diese wesentlich erweiterte Textbasis verlagerte das allgemeine Interesse, das bis dahin doch überwiegend der Lyrik gegolten hatte, zunehmend auf die späte Prosa, machte diese zum Gegenstand des akademischen Lehrbetriebs und führte besonders im deutschsprachigen Raum, aber auch in Italien, Frankreich und den USA, zu einer steigenden Zahl von Magister- und Doktorarbeiten, ja sogar zu einigen Habilitationsschriften. (4) So kam es auch, daß I. Bachmanns literarischer Nachlaß unter den in Wien liegenden Dichternachlässen bis heute noch immer der am meisten benützte ist. Im Lauf der Zeit fielen nun allerdings mehreren Nachlaßbenützern im Zuge ihrer Forschungsarbeiten besonders an den Romanfragmenten und Requiem für Fanny Goldmann beim Vergleich der Überlieferungsträger mit dem in der Ausgabe edierten Text philologische Mängel auf. So waren mehrere, in weitgehend ausgearbeiteter Form überlieferte Episoden der ehelichen Konflikte zwischen Prof. Jordan und Franza, die deren systematische seelische Tortur veranschaulichten, nicht ediert worden, obwohl sich das für eine Leseausgabe angeboten hätte, einzelne Blattanschlüsse, die manche Lücken des fragmentarischen Textes füllen konnten, waren als solche nicht erkannt worden und grundsätzlich hatten die Herausgeber im Bemühen, in ihrer Ausgabe eine für den “belletristischen” Leser leicht nachvollziehbare Romanhandlung zu rekonstruieren, die unterschiedliche Überlieferungsqualität bzw. den genetischen Stellenwert einzelner Fassungen oft nicht berücksichtigt. So bildete sich in der Bachmannforschung immer deutlicher das Desiderat einer nach exakten philologischen Kriterien erstellten kritischen Ausgabe der späten Prosatexte heraus, die dem von I. Bachmann in einigen Interviews geäußerten Plan eines großen Romankonzepts mit dem Arbeitstitel Todesarten zuzurechnen waren (5).

Den entscheidenen Anstoß zur Realisierung dieses Desiderats lieferte die Münsteraner Germanistin Monika Albrecht, die in den späten achtziger Jahren eine Dissertation mit dem Titel Die andere Seite. Zur Bedeutung von Werk und Person Max Frischs in Ingeborg Bachmanns “Todesarten” verfaßt hatte (6). Sie konnte in ihrer Untersuchung der textimmanent “verhüllten” Thematisierung von Person und Werk Max Frischs im Malina-Roman und besonders im Fall Franza anhand eines Vergleichs besonders mit Frischs Mein Name sei Gantenbein den Blick auf intertextuelle Zusammenhänge eröffnen, die wiederum einen wesentlichen konzeptuellen Zug im Schaffensprozeß I. Bachmanns erkennen ließen: die Arbeit mit Querverbindungen, mit diskreten Andeutungen, mit Variationen eines Themas, mit pointiertem Verschweigen vordergründiger Sachverhalte, wobei gerade diese Verschwiegenheit im Kontext als beredte Aussage verständlich wird. Unter dem dergestalt paradigmatisch “geschärften Blick” ließen sich intertextuelle Bezüge nun auch innerhalb von I. Bachmanns Werken selbst nachvollziehen, etwa anhand gleicher Figurennamen, Motive, Handlungskonstellationen etc., so daß sich einerseits genetische Verbindungen früherer, oft nur fragmentarisch überlieferter Texte mit späteren erkennen ließen, andererseits auch die späten Prosatexte für sich als wechselbezügliche Teile einer großen, differenzierten konzeptuellen Ganzheit begreifbar wurden. Deren sowohl Aussage als auch Wirkung der Texte bestimmende strukturelle Funktionalität sollte nun mittels einer kritischen Ausgabe philologisch dokumentiert werden. Aufgrund der meist fragmentarischen Überlieferungslage schien es ein sinnvolles Ziel der Edition zu sein, die Texte nicht gleichsam als erratische Blöcke zu präsentieren, sondern sich bei der Anordnung der Textfassungen und der Gestaltung des Apparats immer vom Aspekt der operationellen Genese leiten zu lassen, so daß der kontinuierliche Schaffensvorgang mit seinen verschiedenen Sackgassen, Neuansätzen und Richtungsänderungen für den Leser nachvollziehbar würde (7). Daraus ließ sich schließlich auch das von der Dichterin mehrfach geänderte, wenngleich nie präzise ausformulierte Gestaltungskonzept ihres pro-jektierten Todesarten-Themas rekonstruieren: vom Plan eines einzelnen Romans über jenen eines “Zyklus” aus mehreren Romanen mit Malina als Ouverture bis hin zu der von der Dichterin wenige Monate vor ihrem Tod angedeuteten Vorschau auf ein aus äußerlich selbständigen Bänden gebildetes Erzählkontinuum, das vom Figurenensemble zusammengehalten würde:

[...] im ganzen wird es eine Geschichte der Gesellschaft sein vom Kärntner Bauern, von der Provinz bis zu den Intellektuellen. [...] Die Milieus sind ganz verschieden, aber überschneiden sich, so daß die Personen einander doch alle berühren - jeder läuft dem anderen über den Weg (8).

Daher, und weil I. Bachmann ihren Plan nicht mehr zu Ende führen konnte, trägt die Edition auch den Titel Todesarten-Projekt: Es geht um die authentische Entfaltung eines zielgerichteten operationellen Vorgangs, der sowohl von vollendeten Texten als auch Fragmenten in ihrer wechselseitigen genetischen Abfolge und Differenzierung dokumentiert wird.

Monika Albrecht hat mit ihrem Münsteraner Kollegen Dirk Göttsche ein Konzept für eine kritische Ausgabe erstellt, das in der Folge mehrfach modifiziert wurde. Der Verfasser dieser Abhandlung hat die Leitung des Unternehmens übernommen und den Editionsplan 1988 beim österreichischen “Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung” als Projekt eingereicht. Mit der Arbeit wurde am 1. Juli 1989 begonnen, die Edition konnte nach fünf Jahren vollendet und aufgrund der tatkräftigen Bemühungen des Piper-Verlags bei der Frankfurter Buchmesse im Herbst 1995 präsentiert werden.

Textphilologische Arbeitsschritte

Die philologische Arbeit an der Ausgabe begann mit einer kodikologischen Analyse des kompletten Originalexemplars des Nachlasses in der Österreichischen Nationalbibliothek, d.h. es wurde die Zusammengehörigkeit verschiedener Gruppen von Überlieferungsträgern nach ihrer physischen Beschaffenheit (Papiersorten, Wasserzeichen, Schreibmaschintypen etc.) festgestellt. Für die Ermittlung der verschiedenen Fabrikate der Schreibmaschinen, die sich als wertvolle Indizien für Datierungsfragen erwiesen, wurde im Lauf der Arbeit noch ein darauf spezialisierter Experte des Bundeskriminalamtes Stuttgart eingesetzt (9). Durch diesen Arbeitsgang konnten nun einerseits die Nachlaßblätter nach einer relativen Chronologie geordnet werden, in manchen Fällen war auch eine präzisere Datierung möglich. In einem komplementären Arbeitsgang wurden die Blätter aber auch im Hinblick auf inhaltliche Zusammenhänge überprüft: auf wiederkehrende Namen, Motive oder auf die sich aus dem eindeutig fortlaufenden Text von Überlieferungsträgern, die im Zuge der sachlichen Ordnung der Benützerkopie irrtümlich unterschiedlichen Textgruppen zugeordnet worden waren, ergebenden unmittelbaren Blattanschlüsse. Beide Analysenaspekte ermöglichten nun bei gemeinsamer Auswertung zunächst die Bestandsaufnahme aller projektrelevanten, im Nachlaßoriginal oft verstreut abgelegten und in der Benützerkopie z.T. falsch zugeordneten Blätter, ferner eine Schließung zahlreicher, in der Ausgabe von 1978 noch vermerkter Textlücken durch die nunmehr erkannten Blattanschlüsse und schließlich die Identifikation neuer zusammengehöriger Textgruppen, die entweder als zusätzliche Fassungen oder als eigene, bisher unbekannte Fragmente erkennbar wurden. Diese Vorgangsweise begründet auch ein wesentliches Unterscheidungskriterium zwischen der jetzt vorliegenden Edition und der Leseausgabe aus dem Jahr 1978, da die damaligen Herausgeber überwiegend nicht mit dem Nachlaßoriginal sondern mit Kopien gearbeitet hatten, wodurch wichtige kodikologische Parameter (Papiersorte, Farbe der handschriftlichen Korrekturen etc.) nur unzureichend berücksichtigt werden konnten.

An dieser Stelle sei ein kleiner Exkurs zum konkreten Bestand von Ingeborg Bachmanns literarischem Nachlaß gestattet, da über ihn in einzelnen, leicht polemischen Rezensionen der neuen Ausgabe eher mystifizierende Informationen kolportiert wurden und seine “teilweise Sperrung” bis zum Jahr 2025 als Argument für die Behauptung diente, daß die Edition verfrüht unternommen worden sei, da sie auf einer unvollständigen Textgrundlage aufbaue (10).

Die nachgelassenen Schriften aus dem Besitz der Autorin gliedern sich in den literarischen Nachlaß im engeren Sinn, der ihre Dichtungen, Essays, Interviews, akademischen Schriften etc. samt Vorarbeiten, Entwürfen, Fassungen und korrigierten Druckfahnen umfaßt, und in den Briefnachlaß. Der literarische Nachlaß umfaßt ca 10.000 Blätter, meist im DIN A-4 Format, überwiegend maschinschriftlich mit Sofortvarianten und händischen Korrekturen, der Briefnachlaß ist mindestens doppelt so umfangreich. Der Briefnachlaß ist - mit Ausnahme eines kleinen, im Jahr 1988 bei einer Versteigerung in Hamburg erworbenen Konvoluts von Briefen I. Bachmanns an den Schriftsteller Adolf Opel, ihren Begleiter auf der Ägyptenreise im Jahr 1964 - zur Gänze bis zum Jahr 2025 gesperrt. Vom literarischen Nachlaß haben I. Bachmanns Erben vor seiner Übergabe an die Österreichische Nationalbibliothek ca 350 Blätter bis zum selben Termin gesperrt. Der Grund dafür war unter anderem die Befürchtung, daß sich einige darin apostrophierte, damals noch lebende Personen in ihrem juridischen Persönlichkeitsschutz beeinträchtigt fühlen könnten. Von diesen Blättern, also etwa 3,5% des gesamten literarischen Nachlasses, konnte etwa die Hälfte als relevant für die Edition der Todesarten-Texte identifiziert werden. Dank des Entgegenkommens der Erben konnten diese Blätter, allerdings nur als Kopien, in die Edition eingearbeitet werden, so daß diese, allen philologischen Anforderungen Rechnung tragend und im nachweisbaren Widerspruch zu allen kolportierten gegenteiligen Behauptungen, nun tatsächlich auf der Gesamtheit der dafür in Frage kommenden Textzeugen aufbaut.

Modifikationen des poetischen Konzepts

Im folgenden soll anhand eines kurzen chronologischen Überblicks die Genese des Todesarten-Projekts dargestellt, auf neure-stituierte Textstufen bzw. Romanfragmente verwiesen und das von der Dichterin selbst mehrfach modifizierte Konzept ihres späten Prosawerks rekonstruiert werden (11).

Die Vorgeschichte des Todesarten-Projekts beginnt mit dem schon Ende der vierziger Jahre einsetzenden künstlerischen Ringen I. Bachmanns um die Großform des Romans. Ihr erster, um 1952 vollendeter Roman Stadt ohne Namen, der von Heimito von Doderer in gemessener Freundlichkeit zur Kenntnis genommen, von Hans Weigel, ihrem Förderer während der Wiener Studienjahre, schon mit größerer persönlicher Anteilnahme aufgenommen, jedoch trotz seiner persönlichen Bemühungen letzten Endes von keinem Verlag angenommen wurde, gilt seither als verschollen (12). Es sind davon nur zwei Fragmente überliefert, die möglicherweise auch noch den Status von Vorarbeiten haben, eines trägt den Titel Der Kommandant (13). Dazu kommen zwei weitere, fragmentarisch überlieferte Romanvorhaben, Ein Fenster zum Ätna und der nach der Hauptfigur bezeichnete Eugen Roman I (1954-57). Diese Figur leitet über zum eigentlichen Beginn des “Todesarten”-Projekts ab 1962/63, als die Autorin plante, die Existenzbedrohung des Gegenwartsmenschen in seiner Individualität durch eine von prosperitätsorientierten und geschlechtsdifferenzierenden Machtmechanismen determinierten Gesellschaft als zeitaktuelle Form einer gewaltsamen Vernichtungsideologie aufzuzeigen. Sie bezeichnet diese unter Bezugnahme auf selbst miterlebte historische Ereignisse mit dem Begriff “Faschismus”, dessen Wurzel sie in der korrumpierten zwischenmenschlichen Kommunikation sieht (14).

Wohl nicht ganz zufällig entsteht dieser Plan in der Endphase ihrer problematischen Beziehung zu Max Frisch. Sie plant damals, dieses in der Forschung auch als Bachmannsche “Problemkonstante” bekannte Thema in einem einzelnen Roman mit dem Arbeitstitel Todesarten zu behandeln, der in der neuen Ausgabe auch als Eugen Roman II bezeichnet wird, und in dem bereits mehrere, auch aus den in der Ausgabe von 1978 edierten Romanfragmenten bekannte Figuren und Motivkonstellationen aufscheinen. So wird Eugen als Präfiguration Malinas erkennbar, die Geschwister Tobai (im Fall Franza heißen sie Ranner, Tobai ist der alte Hofname) präfigurieren das Verhältnis zwischen der weiblichen Ich-Figur und Malina und auch vereinzelte Motive der Geschichte Fanny Goldmanns scheinen auf (15). Nach ihrem Berlinaufenthalt (1962/63) und der Ägyptenreise mit Adolf Opel (1964) entsteht, die gleiche Thematik aus einer gegenläufigen Perspektive behandelnd, Ein Ort für Zufälle (1965). Zugleich aber gibt I. Bachmann den Plan des Todesartenromans I als Einzelwerk auf und konzipiert einen mehrteiligen Romanzyklus, der die Thematik an unterschiedlichen Lebensschicksalen darstellen soll. In den Jah-ren 1965/66 entstehen in parallelen Arbeitsvorgängen das Buch Franza (Todesarten II) und das Requiem für Fanny Goldmann, die das Figuren- und Motivinventar des Todesarten-Romans I weiterentwickeln. Sie werden 1966 zurückgestellt zugunsten der Arbeit am Malina-Roman, der ebenfalls von der Quelle der Todesarten I gespeist wird und als Ouverture des Romanzyklus dienen soll. Dazu parallel entsteht als geplanter neuer 2. Teil des Zyklus das zweisträngig komponierte Goldmann-Rottwitz-Fragment (1966/67) (16). Ebenfalls ab 1967 entsteht als Arbeit poetischer Nebenstunden und gleichsam als Verwertung von Material, das nicht in die Romane eingehen soll, ein Erzählungskonvolut mit dem Arbeitstitel Wienerinnen, aus dem im weiteren Verlauf bis zu seiner Veröffentlichung im Jahr 1972, der zweite vollendete und höchst artifiziell komponierte Simultan-Zyklus hervorgeht (17). Um 1969 gibt I. Bachmann das Konzept des Romanzyklus offenbar auf. Nach dem Verlagswechsel von Piper (München) zu Suhrkamp (Frankfurt) erscheint dort 1971 Malina als Einzelroman. Nunmehr konturiert sich für den philologischen Betrachter das späte Prosawerk als breitangelegtes Erzählkontinuum (18), das verschiedene Einzeltexte unter Einschluß von Simultan und dem 1970 begonnenen Gier-Fragment, verbunden durch ein Netz gleichbleibender Figuren und mit deutlichen Variationen des gleichen zugrundeliegenden Todesarten-Themas zur kaleidoskopartigen Ganzheit faßt. Ingeborg Bachmanns eigener Tod (1973) ließ dieses epische Großunternehmen im Projektstatus verbleiben.

Ein neues Bachmann-Bild?

Die überwiegend freundlichen Rezensionen und nicht zuletzt die geradezu euphorischen Verlagsankündigungen im Zusammenhang mit der Frankfurter Buchmesse 1995 haben die neue Ausgabe des Todesarten-Projekts als editorische Großleistung bezeichnet, durch die endlich der sich im Lauf der Zeit verfestigte “Bachmann-Mythos” zerstört wurde (19). Es stellt sich hier allerdings die Frage, worin dieser Mythos eigentlich bestanden haben soll, wenn man von den seit jeher kolportierten Schlagworten von der ruhelos durch die Welt ziehenden, ihre Künstlerpersönlichkeit kultivierenden poetessa mit einem nicht ganz durchschaubaren Privatleben und diversen Extravaganzen absieht - ein platitüdenhaftes Zerrbild der Dichterin, das übrigens von der seit November 1995 auf der Bühne des Wiener Burgtheaters fast zwei Jahre lang wiederholten, jedoch überwiegend mißlungenen szenischen Collage Ingeborg Bachmann, wer? kontraproduktiv verfestigt wird. Wenn es im 3. Kapitel des Malina-Romans heißt:

Es wird [...] keine sensationellen Enthüllungen aus den österreichisch-ungarischen Schlafzimmern [...] geben,

so gilt das analog auch für die einschlägigen Informationen, die die neue Ausgabe zu diesem Thema liefern kann. Sehr wohl kann (20) sie aber zur Vertiefung eines seriösen Bildes von der Dichterpersönlichkeit und ihrer Arbeitsweise beitragen. Denn gerade die Fülle der Vorarbeiten, Entwürfe und Fassungen zu einzelnen Werken zeigen den gewaltigen Arbeitsaufwand und das angestrengte, zielstrebige Ringen der Autorin um die endgültige Gestalt ihrer Texte. So hat sie z.B. für den Malina-Roman umfangreiche Notizen zur Topographie und wirtschaftlichen Infrastruktur des 3. Wiener Gemeindebezirks hinterlassen (21), zum Gier-Fragment gibt es detaillierte Aufzeichnungen über das Jagdwesen (22), all das sind Materialien, die schließlich nur bruchstückhaft oder andeutungsweise in die Texte eingegangen sind. Man wird sie von daher also als “fleißige”, engagierte Autorin beurteilen dürfen. Dazu läßt sich gerade aus den zahlreichen Entwürfen und konzeptuellen Neuansätzen zu einzelnen Texten der Befund gewinnen, daß die Dichterin ihr Todesarten-Projekt über alle konzeptuellen Modifikationen hinweg kontinuierlich und zielstrebig vorangetrieben hat.

Wenn manche Kritiker die äußerlich lange Schreibpause zwischen 1961 und 1971 als Zeichen eines künstlerischen “Ausgebranntseins” gebrandmarkt haben, werden sie durch den in der neuen Edition dokumentierten Arbeitsprozeß eines besseren belehrt. Wenn Marcel Reich-Ranicki die Autorin aufgrund ihrer späten Erzählungen als “gefallene Lyrikerin” und “gefällige Prosaistin” abqualifiziert hat (23), wird er durch das Todesarten-Projekt dokumentarisch widerlegt. Denn es zeigt uns die Autorin im ungebrochen engagierten Anprangern eines zentralen, allgemeinmenschlichen Existenzproblems unserer Zeit. Und gerade dieses Engagement mag ein wesentlicher Grund für die seit mehr als zwanzig Jahren anerkannte Aktualität ihrer Werke sein.

(Nachsethend das in der Anm. 11 angekündigte Diagramm!)

 

 

Das »Todesarten«-Projekt im genetischen Überblick

 

 

 

Erläuterung: Pfeile bedeuten genetische Bezüge, geschlossene Kästchen abgeschlossene
oder aufgegebene Werke, Majuskeln zu lebzeiten veröffentlichte Werke.
 


 

ANMERKUNGEN:

 

*) Vorliegender Text ist die bearbeitete Fassung des von uns auf dem IV. Kongreß der Germanisten Rumäniens in Sinaia, 2.-5. Juni 1997, gehaltenen Vortrags. (R.P.)

(1) Ingeborg Bachmann: “Todesarten”-Projekt. Kritische Ausgabe. 4 Bde. Unter Leitung von Robert Pichl hg. von Monika Albrecht und Dirk Göttsche. München - Zürich: Piper 1995. Im folgenden zitiert : TP, Bd., S.

(2) Ingeborg Bachmann: Werke. Hg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. 4 Bde., München - Zürich: Piper 1978.

(3) Vgl. Robert Pichl: Ingeborg Bachmanns literarischer Nachlaß. Geschichte, Bestand und Aspekte seiner wissenschaftlichen Auswertbarkeit. In: Hans Höller (Hg.): Der dunkle Schatten, dem ich schon seit Anfang folge. Ingeborg Bachmann - Vorschläge zu einer neuen Lektüre des Werks. Wien - München: Löcker 1982, S. 199-213 (hier: S. 212, Fn. 1).

(4) Vgl. die entsprechenden Dokumentationen in den Personalbibliographien zu Ingeborg Bachmann:

Otto Bareiss - Frauke Ohloff: Ingeborg Bachmann. Eine Bibliographie. Mit einem Geleitwort von Heinrich Böll. München - Zürich: Piper 1978 [Berichtszeitraum: bis 30. 9. 1977]. - Fortgesetzt als: Otto Bareiss: Ingeborg Bachmann-Bibliographie 1977/78 - 1981/82. Nachträge und Ergänzungen. In: Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft. 3. Folge, 15 (1983), S. 173-217 (bes. S. 180-187). - Ders.: Ingeborg Bachmann-Bibliographie. Sommer 1985 - Ende 1988. Teil III. In: Jb. Gr.Ges. 3.F., 17 (1990), S. 251-327 (bes. S. 255-264). - Ders.: Ingeborg Bachmann-Bibliographie. Ende 1988 - Anfang 1993. Nachtrag IV. In: Robert Pichl - Alexander Stillmark (Hg.): Kritische Wege der Landnahme. Ingeborg Bachmann im Blickfeld der neunziger Jahre. Londoner Symposium 1993 zum 20. Todestag der Dichterin (17. 10. 1973). Wien: Hora 1994 (= Sonderpublikationen der Grillparzer-Gesellschaft 2), S. 163-303 (bes. S. 169-193).

(5) Vgl. Ingeborg Bachmann: Wir müssen wahre Sätze finden. Gespräche und Interviews. Hg. von Christine Koschel und Inge von Weidenbaum. München - Zürich: Piper 1983. Im folgenden zitiert: GuI, S. [Darin bes.: Interview vom 29. Mai 1969, S. 65f. - Interview mit Toni Kienlechner vom 9. April 1971, S. 95 - Interview mit Andrea Schiffner vom 5. Mai 1973, S. 127]. - Zur Kritik an der Werkausgabe vgl. Monika Albrecht: “Todesarten”: Malina und frühere Entwürfe - Anmerkungen zu Ingeborg Bachmanns Romanzyklus und seiner Präsentation in der Werkausgabe. In: Zfdt.Ph. 107 (1988), S. 585-602 sowie Dies.: “Die andere Seite”. Untersuchungen zur Bedeutung von Werk und Person Max Frischs in Ingeborg Bachmanns “Todesarten”. Würzburg: Königshausen & Neumann 1989, S. 223ff. - Zum Desiderat: ebd., S. 359.

(6) Zit. Fn. 5.

(7) Vgl. Monika Albrecht und Dirk Göttsche: Editorisches Nachwort. In: TP, Bd. 1, S. 615-647 (Zit. Fn. 1).

(8) Vgl. die in Fn. 5 zitierten Interviews, bes. GuI, S. 127.

(9) Vgl. Robert Pichl: Editorische Nachbemerkung. In: TP, Bd 1, S. 613.

(10) Vgl. Corina Caduff: Neunhundert neue Seiten Bachmann. Freuden und Fragen: Ingeborg Bachmanns nachgelassenes “Todesarten”-Projekt. In: Die Weltwoche vom 5.10.1995. - Sigrid Weigel: Entwicklungslogik statt Spurenlektüre. Zur Edition von Ingeborg Bachmanns “Todesarten”-Projekt. In: Merkur 50 (1996), H. 4, S. 352.

(11) Das am Ende des Aufsatzes stehenden Diagramm ist entnommen aus TP, Bd. 1, S. 620. Copyright: R. Piper GmbH & Co. KG, München 1995.

(12) Vgl. Heimito von Doderer: Commentarii 1951 bis 1956. Tagebücher aus dem Nachlaß. Hg. von Wendelin Schmidt-Dengler. München: Biederstein 1976, S. 99. - Hans Weigel: In Memoriam. Graz-Wien-Köln: Styria 1979, S. 23f. - Andreas Hapkemeyer: Ingeborg Bachmann. Entwicklungslinien. In: Werk und Leben. Wien: Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften 1990, S. 34.

(13) Vgl.TP, Bd. 1, S. 502 f.

(14) Vgl. GuI, S. 144 [Interview Juni 1973].

(15) Vgl. TP, Bd. 1, S. 524 ff. und S. 534 ff.

(16) Vgl. TP, Bd. 1, S. 581 ff.

(17) Vgl. TP, Bd. 4, S. 547 ff.

(18) Vgl. GuI, S. 127.

(19) Vgl. die Zusammenstellung in: Fachdienst Germanistik. Sprache und Literatur in der Kritik deutschsprachiger Zeitungen 14 (1996), Nr. 2, S. 13 -16 sowie den großzügig gestalteten, inzwischen leider vergriffenen Piper-Verlagsprospekt Nr. 90001.

(20) TP, Bd. 3/1, S. 670.

(21) TP, Bd. 3/2, S. 721 ff.

(22) TP, Bd. 4, S. 504.

(23) Vgl. Marcel Reich-Ranicki: Entgegnung. Zur deutschen Literatur der siebziger Jahre. Stuttgart: DVA 1981, S. 173.
 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 159-164

 

 

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