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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 403

 

 

Bücher- und Zeitschriftenschau

 

Romaniþa Constantinescu, Selbst-vermöglichungsstrategien des Erzählers im modernen Roman.

Von ästhetischer Selbstaufsplitterung bis zu ethischer Selbstsetzung über mehrfache Rollendistanzen im Erzählen. Robert Musil - Max Frisch - Martin Walser - Alfred Andersch: Peter Lang, 1998. 302 S.

 

 

Die infolge eines zweijährigen Aufenthaltes in Freiburg als DAAD-Stipendiatin entstandene Untersuchung der Bukarester Romanistin und Germanistin unternimmt den Versuch, verschiedene Rollentheorien und unterschiedliche rollentheoretische Interpretationen von Romanen der Moderne in ihrem Zusammenhang mit früheren Ansätzen romantheoretischer Reflexionen auf ihren tieferen geistesgeschichtlichen Gehalt hin zu prüfen, um neue Erkenntnisse zu gewinnen. Im Grunde genommen sind die begrifflichen Instrumente eine existentiell-philosophisch begründete Umschreibung inzwischen geläufig, ja fast traditionell gewordener Begriffe, allen voran jenes von der vielbeschworenen Identität. Denn sowohl "Selbstaufsplitterung" in ästhetischem Sinne ("Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust!" - Faust) als auch "Selbstsetzung" in ethischem Sinne sind nichts anderes als Facetten des einen und desselben Begriffs "Identität". Allerdings erlauben die von der Verfasserin verwendeten Begriffe eine nunanciertere und differenziertere Herangehensweise an den von ihr nicht nur erzähltheoretisch, also ästhetisch, sondern auch ethisch-philo-sophisch, ja sogar sozialpsychologisch beleuchteten Gegenstand Literatur.

Nachdem in der Einleitung metatheoretische Grenzziehungen und Feldbestimmungen vorgenommen werden, wird frühromantisches bis soziologisch (Goffman und Darendorf) und hermeneutisch-kom-munikationstheoretisch (Habermas, Krappmann) begründetes Gedankengut der Moderne herangezogen. Auf dem Hintergrund einer dermaßen vielschichtigen Rollentheorie wird diese anhand der Erzählpraxis von vier ausgesprochen modernen Romanwerken geradezu erschöpfend belegt. In Robert Musils Mann ohne Eigenschaften werden Aspekte des Paradigmenwechsels (klassisch-modern zu postmodern), der Depersonalisierung sowie der ephemer gesetzten, also immer wieder neu begründeten Identität (der Rekurs auf diesen Begriff scheint uns symptomatisch für die Flüchtigkeit des eingangs erwähnten notionalen Instrumentariums!) und der Soziabilität eigenschaftsloser moderner "Ulrichs" im erzählerischen Duktus ineinandergeschachtelter und überlappter narrativer Kompositionen und Perspektiven ausgegrenzt und reflektiert. Mit der intensiv beleuchteten narrativen Konstruktion Mein Name sei Gantenbein von Max Frisch bringt die Untersuchung zwar eine beeindruckende, nicht selten jedoch auch verwirrende Vielfalt von Begriffen ins Spiel, die nicht nur die Überlappung der - nun "klassisch" gewordenen - Erzhälperspektiven der erzählten Zeit und der Erzählzeit in psycho-soziologischer und poietischer Hinsicht, sondern auch die begriffliche Verschleißbarkeit sichtbar werden lassen. Was von der Forschung im existentialphilosophischen Sinne als lebenslanges Schwanken zwischen "esse" und "posse", zwischen dem Bereich des historisch und existentiell Gegebenen und dem Bereich des Möglichen, hinlänglich gedeutet wurde, nimmt die Verfasserin wieder auf - allerdings mehr aus der Sicht des fiktiven Rollenspiels, das die lebensinhaltlichen Rollenspiele (am deutlichsten in Max Frischs Biographie. Ein Spiel) ästhetisch-narrativ zum Ausdruck zu bringen vermag. Die Don-Quichoterie eines in der entfremdeten Gesellschaft in den Wahnsinn getriebenen Subjekts wird anhand des Romans Halbzeit von Martin Walser kulturkritisch erläutert, während Efraim von Alfred Andersch dazu dient, entstehungsbezogene Darstellungs- und mediale Wahrnehmungsmöglichkeiten als Konstituenten der Identitätsfindung zu etablieren.

Die Verfasserin umreißt deutlich ihr Vorhaben: "die Ausgestaltung einer modernen Rollenästhetik im Rahmen unterschwelliger literarischer Umdeutung von Denkfiguren der Existenzphilosophie und der parallellaufenden Diffusion zentraler Kategorien der Sozialwissenschaften in den verschiedensten geistesgeschichtlichen Bereichen." (S. 287) Doch die raffinierten Dissoziationen und die sich interdisziplinär überlappenden begrifflichen Ansätze bergen das Risiko einer ins Leere laufenden Diskursrhetorik, die die anvisierte Anamnese "offenliegende(r) oder verdeckte(r) wirkungsgeschichtliche(r) Linien im modernen Roman" um eine Haaresbreite verfehlt. Die Übernahme von "Denkfiguren" der Frankfurter Schule oder nordamerikanischer Psychosoziologen in die literaturwissenschaftliche Methodensikussion wird von der Verfasserin gerdezu meisterhaft vollzogen, so daß sie Obeflächen- und Tiefenschichtendimensionen des erzählerischen Kunstwerks sichtbar zu machen vermag.

Eine beeindruckende Fülle von Sekundärliteratur zeugt von der akribischen Dokumentation der Verfasserin, ihr nüchtern-reflektierender Duktus schöpft kreative Impulse aus der gegenwärtigen Methodendiskussion der Literatur- und Kulturwissenschaften. All dies gestaltet sich in der soliden Studie der Bukarester Literaturwissenschaftlerin zu einem gewichtigen Beitrag zur interdisziplinären geistesgeschichtlichen und soziopsychologischen Erforschung moderner und postmoderner deutscher Literatur, der heuristische Erkenntnisse abgewonnen werden können.

George Guþu

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 403

 

 

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