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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

Germanistik, Poesie- und Bibliotherapie und kreatives Schreiben PRIVATE Plädoyer für den Auf­bruch eines Studienfachs

 

Stefan Straub


 
 

Es ist inzwischen allgemein bekannt, daß Schreiben und Lesen zu den ältesten Kulturtechni­ken gehören. Auch wissen wir, daß jene Kulturtechnik schon früh über das Aufzeichnen von Getreiderechnungen hinaus kreativ genutzt wurde, zunächst in altägyptischen Papyri, um dort stereotyp Herrschaftshuldigungen festzuhalten (Sanders, 1995; Werder, 1992), und sie so dem Zahn der Zeit zu entreißen, schon bald aber im babylo­nisch-sumeri­schen Lebensraum tauchen in den Huldi­gungs­gedich­ten an die jeweili­gen Götter und Göttin­nen erste individuelle Züge auf (Schrott, 1997).

Schreiben ist bereits auf jener frühen Stufe von den Schrei­benden als Mög­lich­keit erkannt, subjektives Erleben in Worte zu bringen. Nun ist das Ziel dieses Beitrags nicht, eine kurze Geschichte des kreativen Schrei­bens zu bieten, wohl aber darauf aufmerk­sam zu machen, daß die Germanistik - und hier ist die Literaturwis­sen­schaft gemeint - am Ende des zweiten nach­christlichen Jahrtau­sends gerade jene wichtige Dimen­sion ausblendet, die sich heutzutage wieder stark in Gestalt kreativer Schreibkurse allerorten in den Vorder­grund drängt. Deshalb möchte ich im folgen­den für die Einführung einer neuen und doch uralten Beschäf­ti­gung in der Germanistik wer­ben: für das sinn­liche, für das kreative Schrei­ben und Lesen.

Uralt ist diese Beschäf­ti­gung, weil Sprache in ihren Anfängen zunächst sinnlich und im Sinne von magisch-schöpferisch benutzt wurde. In jenen frühen Kulturen haftete dem ge­sprochenen Wort unbe­wußt et­was Heilsa­mes an, und nicht umsonst war dann in der schon literalen Epoche der Griechen an der antiken Biblio­thek von Alex­andria der Spruch ange­bracht: "PSYCHÉS LATREÍON", was sich in etwa als 'Heilstätte der Seele' übersetzen läßt. Als neu indes kann man kreati­ves Schrei­ben in der Germa­ni­stik bezeich­nen, therapeutische Implikationen dabei sind ihr gänzlich unbekannt. Moderne Germa­nistik definiert sich wie jede andere Wissen­schaft auch als eine Diszi­plin, die einen klar umrissenen For­schungs­gegenstand vor Augen hat. Dieser Gegenstand ist in der Literatur­wis­senschaft meist der Text einer Schrift­stellerin/­eines Schriftstellers, der auf der Grundlage von literatur­theoreti­schen Kon­zepten inter­pretiert wird. Auf ein solches Konstrukt festgelegt, tut man sich freilich schwer, selbst kreativ schreibend tätig zu werden - die Kluft zwischen dem Schrift­steller als Künstler und dem Germanisten als Wissenschaftli­cher ist per definitio­nem schier unüber­windbar.

Nun mag man im Laufe seiner eigenen Forschungsarbeit damit seinen Frieden gefunden ha­ben, und die eigene Methode, Metatext auf Metatext zu schichten, um Studierenden auf diese Weise Literatur nahezubringen, zeitigt vielleicht auch ihre Früchte, dennoch bleibt bei der rein theoretischen Betrachtung von Literatur ein fader Geschmack übrig: Im Laufe der Zeit verkommt im Rahmen einer solchen Rezeption die Literatur selbst zu einem anatomischen Körper, dem zwar der Wissenschaftler sein ganzes Interesse zollt, die Frage aber, wie die Literatur im Lesenden 'wirkt', was sie mit dem Lesenden 'macht', bleibt außen vor. Für Sub­jektivitä­ten dieser Art ist in der Germanistik eben nur sehr wenig 'Spiel­raum', und auf diese Weise verschließt sich eine wichtige Dimension: daß das Kunstwerk nämlich auch dazu geschaffen wurde und wird, um in Menschen Resonanzen auszulösen und über die Zeitläuf­te hinweg etwas in den Lesenden zum Schwingen zu bringen, das quer zu allen zeitlichen und räumlichen Kontexten liegt. Dort, wo dieses 'Quer' nicht mehr zu verorten ist, steht Literatur in Gefahr, am Lesenden vorüberzugehen, ohne daß sie ihm bedeutsam wird. Das 'Quer' hin­gegen leuchtet immer dann auf, wenn der Text 'Betroffenheit' auslöst, das heißt: wenn Identifika­tionsflächen sichtbar werden.

In vielen Gesprächen, die ich mit rumänischen GermanistikstudentInnen über deren Literatur­re­zep­tio­n führte, bekam ich zu hören, daß man die aufgegebenen Texte eher wie eine lästige Haus­auf­gabe lesend 'hinter sich bringe', der Schriftsteller mit seiner originären Botschaft indes bleibt in weiter Ferne, eine Art Übermensch, ein Talent, dem man in seiner Größe nie und nimmer gleichtun könne, und somit hat man sich der Lebendigkeit eines Textes gleich doppelt beraubt:

1. Der im Literaturunterricht behandelte Text wird als Marginalie der Literaturgeschichte betrachtet, die man sich als Studierender einverleiben muß

2. Der Verfasser eines Textes wird als ein Wesen der besonderen Art glorifiziert, ausgestattet mit einem Talent, dem man als Normalsterblicher nur staunend gegenüberstehen kann.

Literatur, das wird dabei deutlich, hat in diesem Kontext nichts, aber auch gar nichts mit dem Studierenden selbst zu tun und ist ihm und seiner Erlebniswelt etwa so fern wie der An­dromeda­ne­bel unserem Sonnensystem. Dieser Befund stimmt traurig, und der Verdacht liegt nahe, daß sich ein Studienfach um seine eigenen kreativen Möglichkeiten bringt, beziehungs­weise diese schon gar nicht mehr im Blick hat. Aber wie ist Abhilfe möglich?

Daß diese Misere in der Literaturwissenschaft indes keine ausschließlich rumänische ist, zeigt ein Blick nach Deutschland. Dort, wie auch in England, Frankreich, Italien, erlebt schon seit mehr als zehn Jahren das kreative Schreiben eine Renaissance, und es gibt kaum eine Volkshochschule, die für die BürgerInnen ihrer Stadt nicht solche Kurse anbietet. In den letzten Jahren haben Schreibwerkstätten auch zunehmend an den Universitäten ihren Platz und ihre Bedeutung gefunden. Kurse dieser Art erfreuen sich an den Hochschulen großer Beliebtheit, und häufig bieten sie das nötige Ventil zum steril gewordenen Univer­sitäts­unter­richt. In solchen Gruppen trifft man sich Woche für Woche, um sich selbst in kreativem Schreiben zu versuchen, und die LeiterInnen haben ein Repertoire an Schreib­techniken und Möglichkeiten, um ihre TeilnehmerInnen ins Schreiben zu bringen (Schalk/Rolfes, 1986). Was dabei heraus­kommt, liest man sich gegenseitig vor und kritisiert es auf stilistischer Ebene, damit der geschriebene Text noch mehr an ästhetischer Qualität gewinne. Parallel zu dieser Schreibbe­wegung entwickelte sich in Deutschland die therapeutische Fragestellung: Was können Schreiben und Lesen bewirken, und gibt es typische poesie- (schreib-) und biblio-(lese-)thera­peu­ti­sche Interventionen, die Veränderungen im Menschen schaffen?

"Es geht dabei nicht um eine ganz neue Idee, sondern um ein Besinnen auf Spra­che als eines der ältesten therapeutischen Medien, wie es in frühesten Zeiten als Zauber und Heilsprüche und Gebete verwandt wurde und wie es in der Katharsis­lehre des Aristote­les und im 'talking cure' Freuds Ausdruck fand. Auch für unsere persönliche Geschichte ist da nichts Neues; denn die poetische, die magische Sprache, wie sie uns in den ersten Kinderliedern, in Reimen und Märchen be­gegnete, ist von großer Bedeutung für den frühen Spracherwerb und das Ent­stehen unserer sprachlichen Identität gewesen." (Pape, 1993)

Es ent­standen in­nerhalb der kunst­thera­peu­ti­schen Metho­de die Inter­ventio­nen der Poesie- und Biblio­therapie. Der Schrei­bende/ Lesende soll mit dem Strom seiner eigenen Kreati­vität in Berührung kommen und aus diesen Quellen schöp­fend einen lebendige­ren Bezug zu sich und seiner Umwelt finden. Daß ein solches Angebot für Germa­nistik­studentIn­nen, für Menschen also, die für Literatur sensibili­siert sind, eine große Bedeutung haben könnte, liegt auf der Hand, und es ist deshalb jetzt davon zu erzäh­len, was erste Schreib­versuche mit rumänischen Germanistik­studentInnen ergaben.

Selbst als Kunsttherapeut mit dem Schwerpunkt Poesie- und Bibliotherapie ausgebildet, unternahm ich den Versuch, mit NebenfachgermanistInnen des dritten Studienjahres kreativ zu schreiben. Schon zu Beginn erklärte ich den StudentInnen, daß es dabei manchmal auch therapeutisch zugehen würde, daß es also um kreatives Schrei­ben mit therapeutischen Momenten ginge. Tatsächlich möchte ich keine Schreibwerkstatt nur unter dem Aspekt des kreativen Schreibens leiten. Es ist gerade das Therapeutische, das den TeilnehmerInnen einer Gruppe das nötige Vertrauen gibt, mehr als nur Kreatives zu schaffen. Dieses 'Mehr' liegt in einer gewagten Ehrlichkeit, die der ästhetischen Qualität des ent­standenen Textes und den Teilnehmenden insgesamt zugutekommt. Die TeilnehmerInnen sollten schon sehr bald ver­stehen, daß in unserer Schreibgruppe der ästhetische Wert nur eine zweitrangige Rolle spielte. Im Mittelpunkt sollte stattdessen die in Sprache gefasste immer wieder neue Selbst­aussage des Schrei­benden stehen. So hatten auch beide Seminare Titel wie 'Schreiben mit allen Sinnen' und 'Die Landschaften meiner Innenwelt'.

Es würde an dieser Stelle zu weit führen, die einzelnen Interventionen zu beschreiben, auch spare ich es mir, das Vorgehen im Detail zu protokollieren. Statt­dessen möchte ich mich auf die Schreib­prozesse von zwei Teilnehmerinnen konzentrieren und dabei aufzei­gen, was im kreativen Schreiben möglich ist, wenn es in einer Gruppe geschieht und wenn diese Gruppe für therapeutische Momente offen ist.

Wie gesagt: Ziel dieser Seminare ist es nicht, SchriftstellerInnen hervorzubringen, wohl aber einen Anlauf zu wagen, selbst ins Schreiben zu kommen und schreibend Freude an einem differenzierteren Blick auf sich und auf die Welt zu bekommen. Was sich an dieser Stelle zugegebenermaßen ein wenig abstrakt anhört, sollte sich schon in den ersten Stunden nach unserem Kennenlernen mit Inhalt füllen. Nachdem wir uns zunächst im Schreiben von Geheimsprachen geübt hatten, und die TeilnehmerInnen ein wenig Vertrauen zueinander faßten, schrieben wir Texte über den vergangenen Tag: ein Blitzlicht daraus sollte schreibend ins Auge gefaßt werden, eine Begebenheit, die uns betroffen gemacht hatte. Und wirklich, nach einer Beruhi­gungs­übung kamen er­staunli­che Texte zusammen. Einer davon sei hier vor­gestellt:

"Gestern besuchte mich jemand. Ich kenne ihn, trotzdem kenne ich ihn nicht. Er sah mir in die Augen und sagte nichts. Er war stimmlos, hatte grüne Augen und grüßte mich mit seinem Herz. Mit seinem Herz - nicht aus seinem Herz. Haben Sie gehört? Gestern habe ich eine Rose bekommen." (A., 1997)

Als Fokussierung[1] auf diese ersten Texte bat ich die StudentInnen, mit dem Menschen, dem Ding, mit dem Ereignis schlechthin in einen Dialog zu treten:

"Ich wollte dir sagen, mein lieber Freund, als ich dich gestern gesehen habe, daß ich die Stille liebe, und die Wörter mag ich nicht. Aber für dich war es schwer, das zu glauben. Morgen, vielleicht, wirst du es verstehen." (A., 1997)

In den Gruppen ist es untersagt, Kritik zu üben. Stattdessen üben wir uns im Resonanzgeben auf die gehörten Texte. Eine solche Resonanz hat zwei Möglichkeiten: Im 'Feedback' erzählt der auf­merksam Zuhörende, welche Gefühle der Text in ihm ausgelöst hat, während im 'Sharing' der Hörer im angehörten Text ein einzelnes Bild aus seinem eigenen Leben wieder­entdeckt und so dem Schrei­benden mitteilen kann, daß er ihn in diesem Kontext gut verstehe. Beide Reso­nanzfor­men schaffen eine Atmosphäre der gegenseitigen Annahme und Offenheit für das Geschriebe­ne, ohne in den alten, so lange geübten Kreislauf von Kritik - Recht­fertigung - neuer Kritik zurückzu­fallen. Auf diese Weise wird das Gruppengeschehen für therapeutische Dimensionen geöffnet. Die Basis des gegenseitigen Verstehens ermöglicht dann eine neue Qualität des Mitein­anderseins. Dies wiederum schlägt sich auf die Intensität der Texte nieder.

Schon bald ging es in unserer Gruppe darum, differenzierter als gewöhnlich über Gefühle zu sprechen. Es genügte den Teilnehmenden nicht mehr, bloß zu sagen: Dein Text hat mich traurig oder fröhlich gemacht, und nach einem kreativen Spiel mit mehr als fünfzig Gefühls­be­griffen im Deutschen, lag es auf der Hand, Gefühle, die man für sich besonders reklamier­te, auf­zulisten, und jene Gefühle, die einem fremd schienen, ebenso zu notieren. Aus beiden Listen sollten nun assoziativ Texte geschrieben werden, und nach einer geleiteten Phanta­siereise ent­standen bei A. die beiden folgenden Texte:

"Auch eine Seite von mir

Jetzt ist Stille in meinem Tempel.

Ich höre nur die Herzschläge,

wie die Glocken eines Klosters, die

                 /die Liebe verkünden wollen.

Ich bin.

Die Tür ist geschlossen und

vor der Tür sind viele Rosen. Rote Rosen.

Aber wer kennt sie?

Ich bin.

Jemand wollte die Tür öffnen,

aber die Rosen sagten ihm: Nein,

nur Kinder dürfen mit den Rosen spielen.

Ich bin.

Die Sonne ist manchmal so heiß

                                             /und so kalt.

Es tut mir weh. Dann bleibe ich doch

                                           /in der Wüste.

Niemand kann mich finden.

Ich bin.

Warum suche ich mich? Nein, ich muß

sie zuerst suchen: Freunde, und finde

meine Existenz in euerer Seele.

Ich bin...

Tote Natur. Der Wind sprach nicht

                                                    /zu mir.

Ich bin Erde, ich werde erfrieren.

Wollen Sie es fühlen? Vielleicht...

Ich bin.

Ich bin Mensch...

 

Mein unbekanntes Land

 

Ich bin da, ein Schatten infolge der

                                     /Vergangenheit.

Meine Arme, gebrochene Linien,

zeichnen aufs Eis ein Heiligenbild.

Reisende.

Meine Füße führen mich in meiner

                                                /Existenz

herum und meine Augen, das Licht

                                              /der Stille,

leuchten mir.

Reisende.

Die blutigen Lippen küssen jeden Tag

den Dornenkranz des Nichts. Und doch...

Such mich, find mich!

Reisende." (A., 1997)

In diesen ersten beiden intensiven Texten bezieht die Studentin Position, oder besser gesagt: Sie ortet sich als ein Wesen, das noch unterwegs ist, ihren Platz mit sinnlicher Bewußtheit in einer Welt zu finden, die sich ihr nur allzuoft verschließt - eine Reisende, in einer Eisland­schaft. Aber die Zeilen sprechen auch von der enormen Kraft dieses Menschen, nicht in lethargischer Depression zu versteinern. Stattdessen gibt sie die Reise nicht auf. Irgend­wann, irgendwo wird sich die Landschaft öffnen, wird es möglich, sich finden zu lassen. An dieser Stelle möchte ich das Feedback des einzigen Mannes der Gruppe wiedergeben, der sehr sensibel auf die Zeilen "Such mich, find mich!" reagierte. S. meinte, in ihm löse dieser Vers Unwillen aus, regelrecht Protest. Zwar sei es schön, gesucht und gefunden zu werden, er aber möchte sich auch selbst auf den Weg machen, sozusagen aktiv reisen und dabei sich und die anderen finden. Jeder, so erklärte ich am Ende dieser Feedbackrunde, sei selbst verantwortlich für seine Rückmeldung, und es sei ebenso wichtig für die zuhören­de Autorin, die Rückmel­dungen, mit denen sie nichts anfangen könne, in den 'inneren Papierkorb' zu werfen - auch dies ein selbstverantwortlicher Akt.

Später, am Ende des Seminars und nach einer weiteren Anzahl von Texten, schrieb jedes Gruppenmitglied als Abrundung einen Brief an sich selbst mit der Überschrift: 'Ein Brief, den ich mir schon lange einmal schreiben wollte'. A. zieht darin eine vorläufige Bilanz aus dem Erlebten. Sehr behutsam und poetisch exakt führt sie dabei aus, wie nahe sie sich selbst gekommen ist, und wo noch Möglichkeiten für sie offen liegen:

"Meine liebe A.,

Entschuldige, daß ich Dir so lange nicht geschrieben habe. Ich habe Dich jetzt gesehen, und ich habe mich erinnert, daß ich Dich nicht besuchte.

Ich will Dich besser kennen, und ich hoffe, daß ich jetzt die Möglichkeit habe, Dich kennen­zulernen.

Deine Augen sprechen über Dich, über Deine Gefühle, über Deine Seele, die so groß und schön ist, wie das Blau des Meeres, in das ich liebevoll schwimmen kann.

Deine Hände sind Deine Wege, die meine Schritte in Dein unbekanntes Land führen, um jedes Mal neue Wälder zu entdecken.

Ich habe Deine Stimme gehört. Ist sie meine? Ja, es kann sein. Sie sagte mir die Wahrheit über Deine weißen und schwarzen Träume.

Gestern vielleicht hast Du geweint, weil ich sehe, daß Dir die süßen und warmen Tränen große Augenringe gemacht haben. Sie sind wie die meinen. Weißt Du das?

Dann habe ich Dein inneres Kind gefunden. Es spielte mit Wörtern, Blumen und Ruhe. Ich sang ihm eine Herzenslied, aber es spielte ruhig weiter. Es machte mich froh, aber es war eine kalte Freude.

Du bist noch nicht Erde, wie ich!

Du kannst weiter kämpfen, spielen, singen, träumen. Die Zimmer Deines Herzens sind noch geöffnet. Laß die anderen hineindringen!

Ich grüße Dich herzlich,

Ich." (A., 1998)

Bilanzen sind nötig, zwischendrin und vor allem am Ende eines Seminars. Zum einen finden die Schreibenden im Schreiben noch einmal ihren Ort, zum anderen sind sie Signal für den Gruppenleiter, wo der Weg, der Gruppenprozeß im nächsten Semester weiterverlaufen kann - vorausgesetzt, die Gruppe ist bereit zum Weitermachen. Tatsächlich war das Echo auf die vorangegangenen 12 Doppelstunden sehr positiv: So etwas habe man noch nie gemacht, vor allem das Therapeutische mit dem kreativen Schreiben zu verbinden habe der Gruppe und den einzelnen TeilnehmerInnen zu einer Intensität verholfen, die man auch im normalen Studienalltag spüre. Irgendwie, meinte eine Teilnehmerin, seien die Gespräche miteinander tiefer, anders geworden.

Ich entschloß mich deshalb, im folgenden Semester mit der gleichen Gruppe weiter zu arbeiten. Diesmal sollte es um die Landschaften der eigenen Innenwelt gehen. Das sogenann­te 'leibliche Schreiben'[2] hatten wir bereits ansatzweise geübt, nun sollte es mit Hilfe von weiteren bewegungstherapeutischen Übungen und mit einigen imaginativen Verfahren der 'Psychosyn­these', die der Italiener Assagioli in den dreißiger Jahren entwickelte (Assagioli, 1993; Ferrucci, 1996), weiter­ge­hen. Das Beschreiben der einzelnen Interventionen und ihr innerer Zu­sammen­hang muß aus Platz­gründen einer späteren Darstellung vorbehalten bleiben. Im folgenden sollen stattdessen sieben meist längere Texte einer Studentin im Mittelpunkt stehen, Texte, die davon berichten, wie ein Mensch im Schreiben Schritt für Schritt Bilder und Symbole für sein eigenes Leben findet.

Am Anfang stand für die bereits 'eingeschriebene' Gruppe eine Übung, die auf den mehr als fünfzig Gefühlswörtern basierte. Es entstanden kurze Texte nach der 'Clustermethode'[3] mit der vorgegebenen Überschrift 'Meine Welt der Sinne'. E. schrieb:

"Meine Welt der Sinne

In der Höhe war noch Sonne

Von oben fielen viele Flammen,

Aus der Weite hört' ich eine Glocke,

In der Luft nur Fischgeruch..." (E., 1998)

Schon bald war der alte Gruppenkonsens wiederhergestellt. Wir konnten uns erzählen, wie es uns in den Semesterferien ergangen war, welche alten und neuen Probleme es privat gab, und ich selbst war über das hohe Maß an Offenheit erstaunt. Sichtlich genossen es die Teil­nehme­rInnen, jetzt wieder beisammen zu sein. Langsam führte ich die Gruppe mithilfe einiger Übungen zu einer ersten langen Phantasiereise. Es sollte darum gehen, das eigene innere Haus zu besuchen - eine Übung, die innerhalb der imaginativen Verfahren (Imagina­tive Verfahren in der Psychotherapie, 1986) ei­ne lange Tradition hat, gerade weil sich von hieraus neue Welten erschlie­ßen können. Endlich war es soweit. Leise und konzentriert leitete ich die Phanta­siereise an, und fast eine halbe Stunde lang durchstreiften wir - bequem und mit geschlosse­nen Augen auf den Stühlen sitzend oder mit einer Decke auf dem Boden liegend - unsere inneren Häuser, besuchten dabei nicht nur die Wohnzimmer, Schlafzimmer und Küchen, sondern leuchteten auch die Kellergewölbe und den Dachspeicher aus. Es entstanden auf diese Weise Texte, die in bildhafter Weise Topo­graphien je eigener Innenwel­ten entwi­ckelten. E. schrieb:

"Mein inneres Haus

In einem Tal steht ein Haus von Tannen umgeben. Dieses Haus paßt so harmo­nisch zu dieser Gegend als ob seine Holzsäulen die Verwandschft mit den anderen Bäumen noch nicht verloren hätten. Der Fluß singt dazu ein ewiges Lied, aber das ist nicht eine wirkliche Ewigkeit: So wie die Wasserströme die grünen Steine waschen, ergibt sich immer wieder ein neues Lied. Der Schnee beginnt jetzt schon zu tauen, die Tropfen, die von dem Dach herunterfallen, versickern im Rhythmus des Liedes.

Für einen Augenblick wird dieses Lied gestört: Die Haustür wird plötzlich geöff­net. Der Griff zum Knauf kam so rasch, aber nun geht es nicht mehr so schnell weiter: Das Eintreten ist sehr schwer, aber es muß sein!

Im Haus herrscht nur Stille, kein Geräusch ist zu hören...aber auf einmal er­scheinen die Erinnerungen. Laute Musik läßt sich hören, Gelächter, die Stimme des Feuers im Ofen...die Menschen fehlen auch nicht...sie erscheinen auch...aber in Wirklichkeit fehlen sie doch. Sie sind nicht wirklich.

Im Haus herrscht nur Stille, kein Geräusch ist zu hören...aber eine Tür wird geöffnet, das Fenster ist offen...der Fluß wäscht die grünen Steine...Man darf hier nicht bleiben...die Luft ist nicht mehr genug, alte Erinnerungen nehmen sie weg...Das ist wie eine Gefangenschaft, aus der man möglichst schnell heraus muß. "Raus von hier! Raus von hier! Schnell in den Keller!" Zwischen den Gemüsege­rüchen und Weinfässern findet man Zuflucht...aber du entdeckst ein weißes Leintuch, das dich wieder an das Zimmer erinnert. Und die Stimme kommt wieder: "Raus von hier! Raus von hier!"

Es gibt nur eine Möglichkeit, dich zu verstecken: der Speicher...aber zwischen den Spinnen­netzen und zwischen den von Staub bedeckten Flaschen gibt es keine Ruhe...Von den Gemälden herab sehen dich Menschen an, und du mußt hier wieder weg.

Draußen endet die Gefangenschaft...Das Tal mit seinen Tannen, von Schnee bedeckt, das Lied des Flußes versprechen dir Unendlichkeit..." (E., 1998)

E. erfährt das Symbol 'inneres Haus' als Gefangenschaft, und es ist erst die Natur und dort das Gefühl der Unendlichkeit, das sie aus der Enge, aus der Beengung befreit und tief durchatmen läßt. Wieder bat ich die TeilnehmerInnen, als Fokussierung einen Text über einen besonderen Gegenstand ihres inneren Hauses zu schreiben. E. wählte sich ein Gemälde aus, das sie auf dem Speicher vorgefunden hatte, und schrieb:

"Rede an ein Gemälde

- Wieso bist du hier? Warum hat man dich hier abgestellt? Ah, deine Gestalten sind die Ursachen dafür. Wirklich, ihre Blicke sind ganz unfreundlich. Oh, dieses Pferd aber gefällt mir sehr...- ich glaube dir, du hast sicherlich schon bessere Zeiten erlebt, aber ich verstehe noch immer nicht, warum du dich hier vom Staub bedeckt in einem Speicher befindest. Deine Stelle wäre besser an einer Wand, in einem mit bunt gefärbter Seide tapeziertem Zimmer.

- Ich war jahrhundertelang in einem solchen Zimmer. In einem Schloß war ich an der Wand aufgehängt. Alle Besucher bewunderten mich, besonders das weiße Pferd gefiel ihnen...Eben dieses Pferd aber hat mir den Tod gebracht...Der Besit­zer des Schlosses war ein neugieriger Mensch, und er wollte seine Zukunft kennenlernen. Eine Zigeunerin sagte ihm den Tag, an dem er sterben würde, voraus. Von den Umständen wußte er nur, daß er von einem weißen Pferd getötet würde.

An jenem Tag blieb er zuhause und ungeduldig wartete er auf den nächsten Tag. Die Unruhe aber ließ ihn nicht sitzen. Er spazierte rund um den Tisch herum. Auf einmal fühlte er sich müde und setzte sich auf einen Stuhl, der neben der Wand stand.

An jenem Tag passierte etwas Schreckliches: Ein starkes Erdbeben bewegte unsere Ge­gend...Die Folge: Ich fiel von der Wand herunter und mein Besitzer starb wegen mir.

Seitdem hielt man mich für ein verfluchtes Bild, und bald wurde ich hierherge­bracht...Seit­dem vergingen viele Jahre, und ich bin noch immer hier...und du, du läßt mich auch da im Staub...?" (E., 1998)

Es wäre nun interessant, die einzelnen Symbole (Pferd, Bild, Speicher etc.) zu analysie­ren, aber in welchem Bezugsrahmen sollte man dies tun? So sehr diese Geschichte dazu einladen mag, archetypische Metaphern zu interpretieren, so sehr steht eine solche Inter­pretation doch in Gefahr, im rein Spekulativen zu enden und damit am konkreten Menschen, der diese Ge­schichte schrieb, vorbeizulaufen. Auf der anderen Seite sollten Geschichten dieser Art nicht nur im Feedback oder Sharing abgehakt werden, um dann aus Zeitgründen schnell zur nächsten überzugehen. Freilich kann eine tiefe therapeutische Intervention die gesamte Zeitökonomie sprengen, aber an dieser Stelle offenbart sich dann der neural­gische Punkt, der sich immer wieder zwischen dem Berufsbild des Lehrers und dem des Therapeuten auftut. Ist das Ethos des Lehrenden auch dadurch gekennzeichnet, eine gewisse Menge an Stoff in einer bestimmten Zeit zu lehren, so unterscheidet sich das therapeutische Ethos davon radikal: Im therapeutischen Setting geht es nicht um Stoffvermittlung, sondern darum, Spielräume zu ermöglichen und dem Agierenden alles bereitzustellen, damit dieser handeln kann. In diesem Dilemma stand ich oft, schließlich ist ein Semester nicht unendlich lang und jede einzelne Doppelstunde umfaßt nur 100 Minuten. Und doch entschloß ich mich gerade bei diesem Text auf voreilige Interpretationen zu verzichten, zugleich beschränk­te ich mich nicht auf die Formen der Resonanz. Ich fragte E. zunächst, ob sie Lust auf einige weiterführende Übungen habe. Die Studentin bejahte, und ich entschloß mich zu einer traditionellen Übung aus der Gestalttherapie: E. sollte sich die einzelnen Gestalten nochein­mal ganz bewußt machen, so sehr, daß sie selbst in diese hineinschlüpfte und in deren Rolle redete. Dabei ließ ich immer wieder die Studentin zu sich zurückkehren und an die betreffen­de Figur Fragen stellen. Auf diese Weise bekamen wir nicht nur das wilde, weiße Pferd, den tötenden Bilderrahmen und die Bäume rund um das Haus in den Blick, sondern vielmehr auch den Schloßherrn, die Hexe und sogar das innere Haus als Ganzes konnte sprechen. Die unheimliche, engmachende Topographie bekam nun erste Deutungen von der Autorin selbst. Tatsächlich war es die Natur, die ihr in ihrem Lebenslauf immer wieder Zentrierung und Konzentration ermöglicht hatte, und tatsäch­lich flüchtete sie sich als Kind oft in den nahegelegenen Wald, um Ruhe und Frieden vor der häuslichen Unruhe zu finden. Das weiße Pferd erzählte in ergreifender Weise, wie es das Kind beschützen wollte, wie es sich dann mit dem Bild verabredete, den bösen Geist des Hauses zu töten und wie danach ein neues Leben begann. Der böse Geist schließlich - der Schloßherr also - erzählte zunächst mit böser Stimme dann aber sehr ange­rührt davon, daß er nichts anderes gelernt habe, als Angst und Schrecken zu verbreiten. Eigentlich hätte er es satt, immer nur der Böse zu sein, aber Schicksal sei eben Schicksal, und er wisse, daß er einmal dafür werde bezahlen müssen.

Der Sinn dieser Übung ist, die sogenannten abgespaltenen Gefühlsanteile wieder in den Blick zu bekommen und zu ihnen ein bewußtes Verhältnis durch Identifikation zu bekommen. Auf diese Weise - jedenfalls ist das die Hoffnung der Therapie - verlieren alte Ängste ihre Eigendyna­mik und Schrecken und können dann oft in ihrer kraftgebenden Stärke in die eigene Persön­lichkeit integriert werden. Schreiben und die darüber entstehende Feedback/­Sharing-Erzählge­mein­schaft bilden einen wirkungsvollen Rahmen, um solche Phänomene zur Sprache und in Aktion zu bringen.[4]

So war es auch bei E. Natürlich mußte ich nach weiteren Einzelarbeiten mit anderen Teil­nehmerInnen meinen Zeitplan neu ordnen, und so entschloß ich mich zu einem gemeinsamen 'Gruppentag', an dem wir uns treffen würden, um von morgens bis abends miteinander zu schreiben, zu malen, uns zu bewegen und als Erzählgemeinschaft uns als 'Reisende zu uns selbst' zu verstehen. Im Rahmen eines solchen Tages lud ich die Gruppe zu einer Bewe­gungsübung ein, die es allen ermöglichte, sich mit einem Tier zu identifizieren. E. schrieb darauf folgenden Text:

"In meinem Traum gelang es mir, von all meinen Gebundenheiten loszukom­men...Ich verließ die Hochhäuser der Stadt und befand mich auf einmal auf einer Wiese...Die Sonne schien angenehm warm...Es war gegen Mittag...Die Wiese war voller Blumen und auf einer Blume entdeckte ich einen Schmetterling; er war mit sich so sehr beschäftigt, daß er nichts bemerk­te...ich betrachtete ihn ganz aus der Nähe...Sein Körper war vom gelbrotem Staub ganz bedeckt und bewegte sich so leicht als ob dieser bunte Körper gar nicht existierte. Er flog von Blume zu Blume, spielte ein wahnsinniges Spiel in der Luft...Er flog schnell weg, und ich folgte ihm...Ich war neidisch auf ihn, weil er so leicht fortfliegen konnte, weil er nicht kannte, was es heißt, an etwas gebunden zu sein...Sein Gespräch mit den Blumen dauerte nur kurz, dann flog er weiter...Wenn er müde geworden ist, ruhte er sich in einem Blumenkelch aus...und wieder machte er sich für die Reise fertig...Es war nur Weinen zu hören, wo er vorbeigeflogen war...Die Blumen wollten ihn noch bei sich behalten...aber er kannte nicht, was es heißt, an etwas gebunden zu sein...Leichtsinnig setzte er sich auf eine andere Blume, dann flog er weiter und immer wieder weiter...Er wußte nicht, was der Begriff 'zu Hause' bedeutete...überall war er und fühlte sich zu Hause...Er machte sich keine Gedan­ken darüber, wo er die Nacht verbringen wird...Er konnte daran noch nicht denken...Jetzt scheint noch die Sonne...alles ist hell und lichtvoll...Ob die Dunkel­heit kommen wird, wollte er nicht wis­sen...Er setzte seine Reise immer weiter fort, und auf einmal befand ich mich mit ihm zusammen auf einer anderen Wiese, wo eben so viele Blumen standen...Und ich reiste mit ihm bis die Sonne unter­zugehen begann...Aber ich kenne seine Geschichte nicht weiter, weil ich auf­wachte...Ich befand mich wieder in der Mitte der Steinstadt, und ich fühlte all' diese Steine der Gebäude auf meiner Brust...Ich konnte nicht mehr einatmen, aber ich dachte noch immer an den Schmetterling, der nicht kannte, was es bedeutete, an etwas gebunden zu sein...oder: ohne Freiheit zu leben." (E., 1998)

In der Feedbackrunde auf diese Geschichte meinte eine Teilnehmerin, vielleicht sei ja aus dem Pferd ein Schmetterling geworden, und es käme ihr so vor, als würden sich die Bilder von E. immer wieder neu wandeln. Freiheit, so wurde in E.'s Geschichten und Symbolen deutlich, bedeutet auch Befreiung zum erotischen Erlebnis. Gerade das Bild des Schmetter­lings drängt sich dazu auf, und als ich E. diesen Interpretationsvorschlag anbot, nickte sie zustimmend. Welche Macht aber, so fragte ich mich weiter, bremst diese innere Kraft, so sehr, daß sich E. am Schluß wieder in der steinernen Stadt befindet, und die Steine schwer auf ihrer Brust lasten?

Schon wenig später lud ich die Teilneh-merInnen zu einer weiteren Übung ein: Sie sollten sich vorstellen, die Figuren und Symbole, denen sie an diesem Tag begegnet seien, wären nun allesamt beisammen in einer Zirkusmanege und würden dort miteinander in Interaktion treten, auch könnten sich neue Gestalten hinzugesellen. Eine solche Übung verlangt eine etwas intensivere Hinführung und Beruhigungsphase, denn sie verlangt von den Schreiben­den, den Gruppentag in seiner Bildhaftigkeit zu bilanzieren, einen Blick von außen auf sich zu werfen und dies alles in ein Textgewebe zu verdichten. E. schrieb:

"Der Sieg des Irrationalismus

Im Hintergrund befinden sich graue und braune Felsen; sie stehen da - kalt, ohne Bewegung. Vor ihnen ein Mann als Haus...das Haus ist verlassen, sein Dach hat viele Löcher...Alles ist still...alles Licht strahlt auf die Bühne von oben...Von oben fällt ein Luftballon herunter...Ein Schmetterling kreist immer wieder um das Haus...Einmal erscheint ein Mann ohne Kopf mit einem riesigen Herz in der Hand, und damit erscheint auf der Bühne auch das Chaos...Es blitzt und es donnert, ein Stock bewegt sich allein in allen Richtungen, für den Schlag be­reit...Plötzlich tritt ein Marschall ein, mit dem Schwert in der Hand...seine Augen blit­zen...Er ist voll Energie, die wie ein Vulkan ausbrechen will...Er bewegt sich voller Kraft auf der Bühne; sein Schwert sucht ungeduldig irgendein Lebewesen, das er töten könnte...Da erscheint der Schmetterling, aber ihm gelingt es, dem Schwert des Marschalls zu entkom­men, weil Don Juan plötzlich singend eingetre­ten ist...Er hat eine Rose bei sich und nähert sich jetzt dem kopflo­sen Men­schen...Der Schmet­terling tanzt so schön, daß das Schwert aus den Händen des Mar­schalls fällt...Der Schmetter­ling fliegt bis zum Rande der Bühne...Von da bringt er mit sich ein schön gekleide­tes Mädchen, das wie eine Porzellanpuppe aussieht...Don Juan gibt ihr seine Rose, der Schmetterling tanzt glücklich um den kopflosen Mann, dessen Herz noch größer geworden ist...Der Marschall sieht sich jetzt bezwungen, er tritt zurück...die Hände wollen das Schwert nicht mehr aufheben...der Irrationalismus, verkörpert von dem geköpften Mann, singt über den Sieg das Happy End..." (E.)

E. hatte sich mit dieser Geschichte, mit dieser Zusammenschau weit vorgewagt. Aber immerhin: Der Marschall war besiegt, und wer waren die Sieger? Die Trias Don Juan, der Schmet­ter­ling und der kopflose Mann, ein Wesen also, das seiner Rationalität beraubt war und nur noch seine leibliche Gefühlswelt zur Verfügung hatte. Die Feedbacks umspielten eine Weile phantasievoll diese lustvolle Dreiheit, bis ich merkte, daß E. immer schweigsamer wurde. Es war viel geschehen an diesem Gruppentag, und es wunderte nicht, wenn E. nun keine weiteren Schritte mehr unternehmen wollte, stattdessen sei sie durcheinander, aber längst nicht mutlos, meinte sie abschließend, und dies klang in ihrem Tagesabschlußelfchen[5] so:

"Was bleibt?

Fragen

bleiben offen

jetzt folgt die

Zeit des Nachdenkens, neue

Versuche" (E., 1998)

Am Ende des Seminars, nach vielen Gruppenrunden und weiteren Texten war es für mich wichtig, die TeilnehmerInnen zu einem vorläufigen Lebenssymbol zu führen, ein Bild, mit dem sie sich identifizieren konnten, in das sie wie in einen Spiegel immer wieder schauen konnten. E. wählte für sich eine Blume, die Wasserlilie:

"Die Wasserlilie

Schon beim leisesten Lufthauch...und schon machen die Wurzeln der Wasserlilie einen Kreis um sich herum...Kreise, die sich ganz langsam dem Seerande nähern und dort auf einmal verschwinden. Die Wasserlilie bewundert diese Ansicht immer wieder und badet sich in ihrer eigenen Fröhlichkeit. Sie fühlt sich wunder­bar in der Mitte des Sees, von dem Schatten eines einzigen Baumes behütet. Nur einige Sonnenstrahlen können sie erreichen...Im Winde beginnt die Wasserlilie sich wieder zu bewegen, und dann verliert sie sich im Spiel der Wasserkreise. Sie folgt den Kreisen bis sie neben der Brücke verschwinden, und sie tröstet sich: Selbst Tautropfen weinen...und immer wieder entstehen neue Kreise, und immer wieder verschwin­den sie...das alle wirkt auf sie auf einmal so ermüdend, daß sie ihren Kelch voll von Tau zusammenschließt, um ihn morgen wieder zu öffnen..." (E., 1998)

Im Bild der kreisschlagenden Wasserlilie schloß sich auch für E. ein Kreis. Sie war in ihrem inneren Haus vielen Bildern auf die Spur gekommen, und jetzt am Ende des Kurses hatte sie ein Bild gefunden, daß als vorzügliches Beispiel für Zentrieren, für innere Heimat, für Ankunft stehen konnte - und, im Symbol des Kreises, für den Wunsch, immer noch weiter­zugehen und das eigene Wesen zu vertiefen. Es sind Texte dieser Art, die in mir als Grup­penleiter immer wieder neu ein Gefühl tiefen Respekts vor dem Mut von Menschen aufkom­men lassen, Mut, sich in der Gruppe zu zeigen, zu öffnen, Ehrlichkeit zu riskieren, damit Seiten sichtbar und prägnant werden können, die unter anderen Umständen vielleicht ein Leben lang verborgen geblieben und damit nicht lebbar geworden wären.

Vor diesem Hintergrund mag nicht nur der Spruch an der alexandrinischen Bibliothek eine neue Bedeutung erfahren, vielmehr geht es um den Platz solchen Tuns innerhalb der Germa­nistik. Freilich bleiben jetzt am Ende dieser Darstellung noch viele Fragen offen[6], auch konnte ich hier nicht näher auf lesetherapeutische Interventionen eingehen, aber schließlich ging es in diesen Zeilen ja auch 'nur' um ein erstes Betrachten einer Anzahl von Texten, die mit "Nicht-Muttersprachlern" eines dritten Studienjahres auf der Basis kreativ-therapeutischen Schreibens ­möglich wurden. Wenn die Texte den Eindruck hinterlassen haben, daß kreatives Schreiben mit therapeutischen Momenten nicht nur sinnvoll sondern auch eine Notwendigkeit in der Germanistik sein könnten, damit Literatur aus der Perspektive von Schreib- und Leseerlebnissen eine neue Lebendigkeit erhalte, dann ist damit das Ziel dieser Darstellung erreicht.  

Literatur:

 

1.     Assagioli, Roberto: Psychosynthese. Handbuch der Methoden und Techniken. Hamburg 1993

2.     Ferrucci, Piero: Werde was du bist. Selbstverwirklichung durch Psychosynthese. Hamburg 1996

3.     Hausmann, Bettina / Neddermeyer, Renate: Bewegt sein. Integrative Bewegungs- und Leib­therapie in          der Praxis. Paderborn 1996

4.     Imaginative Verfahren in der Psychotherapie, hrsg. v. Jerome L. Singer, Kenneth S. Pope. Paderborn 1986


 

 [1] Ich benutze solche Fokussierungen immer wieder. Damit nämlich wird es möglich, im vorhandenen Text, eigene Schwerpunkt zu setzen und somit für den Schreibenden ein wichtiges Ereignis 'auf den Punkt' zu bringen.

 [2] Mit diesem etwas exotisch anmutenden Begriff ist indes etwas sehr Einfaches gemeint: Schreiben und Bewegung oder genauer gesagt: Aus einem Be-wegungsimpuls heraus Bilder für das Schreiben zu entwickeln. Solche leibtherapeutischen Interventionen erachte ich für meine Schreibgruppen als unerläßlich. (vgl. auch: Hausmann/Neddermeyer, 1996)

 [3] Dabei geht es darum, um ein Kernwort assoziativ andere Wörter auf das leere Blatt zu schreiben. Diese Wörter werden dann durch Linien miteinander verbunden, so daß sich für den Schreibenden eine Art Gliede­rung daraus für den späteren Text gewinnen läßt. (Rico, 1983)

 [4] Welche Möglichkeiten liegen gerade für eine solche Arbeit in der Textsorte Märchen oder in der Sprache der Poesie. Wichtig bei der Auswahl von Texten sind dabei immer wieder die innere Beziehung des Gruppen­leiters zum Text und die verdichtete gestaltete Sprache, die erst Identifikation und Katharsis ermöglicht.

 [5] Ein Elfchen ist ein Kurzgedicht aus elf Wörtern und fünf Zeilen. In der ersten Zeile findet sich ein Wort, in der zweiten zwei, in der dritten drei, in der vierten vier und schließ­lich in der fünften Zeile wieder nur ein Wort. Es ist eine nahezu ideale Form, um fokussie­rend zu verdichten.

 [6] z.B.: Ist eine therapeutische Ausbildung für Leh-rende der Germanistik dabei nicht unabdingbar notwen­dig, und wie könnte ein solches Curriculum aussehen? Oder: Welche Interventionen sind innerhalb eines Gruppenprozesses angemessen? Oder: Welche Textsorten und konkreten Texte eignen sich für kreatives Schreiben mit therapeutischen Momenten und welche nicht? usw. usw.

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

 

 

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