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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 407-408

 

 

Bücher- und Zeitschriftenschau

 

Vasile Voia, Tentaþia limitei ºi limita tentaþiei. Glose la mitul faustic,

Editura Dacia, Cluj 1997. 209 S.

 

Vasile Voias Untersuchung Die Anziehungskraft des Limits und das Limit der Anziehungskraft unternimmt den Versuch, aus der Sicht einer modernen Komparatistik philosophisch und ästhetisch ausgerichtete Beobachtungen am Rande der Rezeption des Faust-Motivs anzustellen. Bereits in der deutschen Übersetzung des rumänischen Begriffs "tentaþie" durch den Verfasser selbst - soweit die Übertragung der dem Band beigegebenen Zusammenfassung von ihm stammt - als "Versuchung" verrät eine Entfernung von Goethes Begrifflichkeit, der in seiner grundlegenden Auffassung von der phänomenologischen Welt bekanntlich von "Anziehung und Abstossung" gesprochen hat. Das ist jedoch nichts anderes als ein Zeichen jenes Rezeptionsmechanismus, der Gegenstand der Untersuchung ist und nun unmittelbare Wirksamkeit zeigt. Der Klausenburger Komparatist Voia geht dem Motiv des Grenzgängertums nach, der philosophisch und erkenntnistheoretisch als die Überwindung der dem Menschen gesetzten Grenze angesehen wird mit dem Ziel, nach neuen Erkenntnissen zu streben. Dabei erkennt die typologisch gewordene Faust-Gestalt das Aufheben jeglicher seiner menschlichen Grenze als - wie Jaspers es einmal sagte - eigene Grenze.

Das Faust-Motiv wird von Goethes Faus-Hyposthase wesentlich geprägt, wobei die moderne Rezeption dieses Motivs im Grunde genommen eine Auseinandersetzung mit Goethes Faust als einem Vertreter des gesamten Menschengeschlechts darstellt. Der Verfasser geht dabei auf die Verabsolutierung Goethescher Aussagen und philosophischer Gedankengänge in der gegenwärtigen Literatur- und Philosophiekritik und macht auf die Deutung von Faust II vor allem als Kritik an der technisierten Industriewelt der letzten zwei Jahrhunderte oder auch - in ästhetischen Sinne - als "Poetik des Antipoetischen", wobei allerdings bei Goethe die Kritik an die extrem subjektivistischen Positionen der Romantik eher artikuliert werden. Abgesehen von den vulgärsoziologischen und dogmagerechten Zurechbiegungen der Goetheschen ideologischen Positionen in der DDR, hebt Voia die eigentlichen Dimensionen des Faustischen Mythos hervor, der als "Symbol der modernen, vom Drama der Erkenntnis verwirrten Seele" (Emil Cioran) - wobei die Thematik der Selbstzerissenheit und der Selbstfindung, wie sie in der Moderne bevorzugt behandelt wird, im Keime bereits bei Goethe deutlich vorliegt. Über Michel de Ghelderode oder Paul Valéry, Michail Bugakov oder Thomas Mann sowie zahlreiche Philosophen gelangt Voia auch bei rumänischen Bearbeitungen des untersuchten Mythos, sei es in der Philosophie (Blaga, Noica), sei es in der Literatur selbst. Er vertritt dabei die allgemein geteilte These von der Gleichzeitigkeit der Herausbildung der modernen rumänischen und des zunehmenden Interesses für die deutsche geistige Welt - von Iancu Vãcãrescu über Bolintineanu, Eminescu und Titu Maiorescu bis zu den ersten, auf harte Kritik stossenden Übersetzungen von Goethes Faust ins Rumänische, aus deren Anlaß die Identifizierung des rumänischen Lesers mit der Faust-Figur kund getan wurde: Fausts Suche sei "unsere ständige und vergebliche Suche" (Maiorescu). Mit Schopenhauerschem Gedankengut verfrachtet, liege Eminescus daramatisches Gedicht Mureºanu größtenteils im Einflußbereich von Goethes und Byrons Faust-Bearbeitungen, wobei auch einheimische Mentalitäten und Gedankengänge zur Schaffung einer eigenen, teilweise national gefärbten Mythologie beitragen.

Das spätere 20. Jahrhundert zeichnet sich im rumänischen geistigen Raum durch eine neue Aneignung und Auseinandersetzung mit dem Goetheschen Faust-Werk aus, wie sie in Blagas philosophischem Werk (Das Urphänomen, 1925, oder Daimonion, 1926 u. 1930) zum Ausdruck gebracht wurden: Intuition, Polarität, organische Entwicklung vom Niederen zum Höheren. Blaga fühlt sich vom Naturwissenschaftler Goethe eher angezogen als vom Dichter Goethe. Es folgt dann die Periode des Wirkens des Philosophen Constantin Noica, der in Analogie zu Ernst Blochs Das Prinzip Hoffnung seine Erzählungen über den Menschen. Nach einem Buch Hegels verfaßte und sich dabei auf die Reise des Geistes durch die Welt in Hegels Phönomenologie des Geistes in eigener hermeneutischer Anstrengung bezog. Schließlich weist der Verfasser auf die in den siebziger Jahren einsetzende Kritik an Goethes Faust, die derselbe Noica in der suggestiv betitelten Untersuchung Despãrþirea de Goethe (Abschiednehmen von Goethe, 1976) artikulierte, indem er Goethe Verständnislosigkeit gegenüber der Philosophie sowie die Degradierung der (noch deutlicher: künftigen) Welt zu einem Labor vorwarf. In dieser Kritik lägen Parallelen zu Heideggers Stellungnahmen gegenüber der Dichtung Hölderlins.

Schließlich nimmt Voia Stellung zu der Übersetzung des Goetheschen Fausts durch den Dichter ªtefan Aug. Doinaº, die er - im Sinne der Theorie von Doinaº von der kreativen Übertragung - als besonders gelungen betrachtet. (Unsere prinzipiellen Einwände gegenüber einigen Schlüsselstellen in dieser Übersetzung haben wir in der Fachzeitschrift Limbile moderne în ºcoalã, Bukarest, 1/1986, S. 49-61, oder im Band “Die Sprache ist das Haus des Seins”. Sprachwissenschaftliche Aufsätze. Hg. v. George Guþu und Speranþa Stãnescu. Bucureºti, Paideia 1998, S. 305-320, veröffentlicht.)

So begrüßenswert die zweisprachigen Zusammenfassungen am Ende des Bandes sind, umso bedauerlicher ist es, daß die - zumindest - deutsche Fassung sich als stark revisionsbedürftig erweist.

Voias Untersuchung gestaltet sich zu einem bedeutenden, vielschichtig angelegten Beitrag der ru-mänischen Faust-Exegese zur Beleuchtung motivtypologischer bzw. rezeptionsgeschichtlicher Mechanismen, die die traditionelle Wirkungsgeschichte weit übertreffen.

George Guþu

 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 407-408

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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