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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 310-318

 

 

DAS FLEXIONSPARADIGMA DES VERBS -

DER VERSUCH EINER TABELLARISCHEN ZUSAMMENFASSUNG FÜR DEN DAF-UNTERRICHT

Tóth-Nagy Ildikó



1. Begründung der Arbeit

Den Kern meiner Arbeit bildet eine Tabelle zum Flexionsparadigma des Verbs das quasi als Nebenprodukt meiner Tätigkeit als DaF-Lehrerin entstanden ist. Es ist als eine Art “Periodensystem” gedacht, in dem die wichtigsten Regularitäten und Zusammenhänge der Flexion des Verbs zusammengefaßt werden. Im modernen, kommunikativ orientierten Sprachunterricht sollte eigentlich weniger auf die grammatischen Tiefenstrukturen der Sprache eingegangen werden, hierzulande wird aber immer noch ein betont grammatikzentrierter Sprachunterricht gepflegt, wo eine Zusammenfassung der abschnittsweisen theoretischen Darbietungen sehr wohl eine Funktion hat, außerdem kann ich aufgrund meiner Unterrichtserfahrung behaupten, daß ab einem bestimmten Niveau der Lernende selber auch nach logischen Erklärungen für die empirisch beherrschten grammatischen Inhalte fordert.

Die Tabelle versucht, über die Regularitäten der Bildung der verschiedenen Verbformen (die entweder mit ihrer Hilfe im Unterricht erarbeitet werden können, oder bereits erarbeitet worden sind und zusammengefaßt werden müssen) bzw. über die verschiedenen Ausdrucksmöglichkeiten objektiver Zeit mit Hilfe der grammatischen Tempora eine Übersicht zu verschaffen. Sie ist als Hilfsmaterial gedacht (z.B. als Faltblatt), das z.B. in Wiederholungsstunden eingesetzt werden kann.

 

2. Vorgehensweise bei der Erstellung der Tabelle

Bei der Erstellung der Tabelle wurde in erster Linie auf die traditionelle Grammatik zurückgegriffen: die traditionelle Strukturierung und Benennung der grammatischen Tempora, Modi, Genera wurde beibehalten, da sie auch während des DaF-Unterrichts meist in dieser Form auftauchen, in der Grafik wird aber auf die strukturellen Bezüge zwischen den klassischen morphologischen Begriffen hingewiesen. Wichtig ist dabei die Nebeneinanderstellung der verschiedenen Modi, Genera, Tempora, damit der Lernende auch den Algorithmus der Bildung der verschiedenen Formen der Verbalkomplexe (gesteuert oder selbständig) erkennen kann. Als Gedankenstützen sollen dabei dienen:

1. Das auf die Bildungsspezifika der Verbalkomplexe der Vollverben reduzierte Schema der Hierarchie der Verbalklammern (siehe dazu Kapitel 3)

2. Die Formeln der Bildung der zusammengesetzten Tempora und Genera der Verbalkomplexe, wobei der Lernende beobachten kann, wie z.B. aus der Formel für das Passiv und der Formel des Perfekt die Formel des Passiv Perfekt Indikativ gebildet werden kann


PASSIV: HVPassiv + Partizip Perf.Vollverb : wird abgegeben
(Ind.Präs.)

PERFEKT: HVPerfekt + Partizip Perf.Vollverb: ist geworden
(des HVPassiv) (Ind.Präs.)


INDIKATIV PASSIV PERFEKT ist abgegeben worden       





(oder Konjunktiv I Passiv Perfekt:) sei abgegeben worden





3. Die jeweiligen Hilfsverben des Tempus und Genus sind im Tabellenklopf angegeben, desgleichen die Hauptbedeutungen der Genera und Modi.

4. Es wird zwischen den grammatischen Tempusformen (traditionelle lateinische Bezeichnung) und den durch die grammatischen Tempora ausdrückbaren objektiven Zeitinhalten (deutsche Bezeichnung) unterschieden. Die einzelnen Zeitebenen werden auch graphisch voneinander abgegrenzt. Für den Lerner kann es aufschlußreich sein, daß bei Konjunktiv II und der “Würde”-Form die Verschiebung des grammatischen Tempus auf der Zeitebene auch visualisiert wird. (Konjunktiv II Präsens - oder in einigen Grammatiken immer noch Konjunktiv Präteritum - ist der Form nach zwar eine Vergangenheitsform, da es auf das Indikativ Präteritum zurückzuführen ist, inhaltlich aber drückt es Gegenwärtiges aus und ist die Präsensform eines eigenständigen Modus.)

 

3. Das Schema der Klammerhierarchie nach Harald Weinrich als Gedankenstütze bei der Bildung von Verbalklammern

Einleitend muß erwähnt werden, daß von Weinrich nur die Theorie der Klammerhierarchie der Verbalklammern übernommen wurde, auf seine Terminologie aber (bis auf die Bezeichnung der verschiedenen Verbalklammern) wurde zugunsten der traditionellen Terminologie verzichtet.

Weinrichs Ausgangspunkt zur Beschreibung der Verben ist die Voraussetzung der Zweiteiligkeit als Standardform des deutschen Verbs: Das hat seinen Grund darin, daß auch die lexikalisch einteiligen Verben der deutschen Sprache virtuell zweiteilig sind. Sie können nämlich durch das Hinzutreten von anderen Formen entweder lexikalisch oder grammatisch erweitert und dadurch zweiteilig gemacht werden (Weinrich, 1993, 35).

Es gibt kein Verb der deutschen Sprache, das durch lexikalische oder grammatische Erweiterung nicht zweiteilig gemacht werden könnte. Die Verbalklammer wird “durch das memorielle Zusammenwirken eines Vorverbs und eines Nachverbs erreicht. Das Vorverb ist grundsätzlich eine finite Verbform”. (ebd.)

Je nachdem, ob es sich um eine lexikalische oder grammatische Determination handelt, zeigt die Entfaltung des Verbs eine gegenläufige Richtung: bei der lexikalischen Erweiterung tritt das Lexem (z.B. ein Präfix) als infiniter Verbteil (laut Weinrich: ‘Nachverb’) zum Vollverb als finitem Verb (‘Vorverb’) - siehe in der Tabelle die Beispiele in Aktiv Präsens Indikativ und Konjunktiv - ; bei grammatischen Erweiterungen hingegen tritt das Hilfsverb als finites Verb (‘Vorverb’) zum Vollverb als infinitem Verbteil (‘Nachverb’) - siehe alle zusammengesetzten Tempora in Aktiv und das gesamte Passiv.

Aufgrund des Vorverbs und des Nachverbs unterscheidet Weinrich verschiedene Klammertypen, wobei einfache Verbalklammern aus einem beliebigen Vorverb und einem einfachen Nachverb bestehen. Wenn mehrere einfache Verbalklammern zusammentreffen, werden aufgrund bestimmter Regeln kombinierte Verbalklammern gebildet (Weinrich, 1993, 41).

Es werden drei Grundtypen von Verbalklammern differenziert: Lexikalklammern, Grammatikklammern und Kopulaklammern, wobei Grammatikklammern sich weiter untergliedern in Modalklammern, Passivklammern und Tempusklammern (ihrerseits unterteilt in Perfektklammer und Futurklammer).

Bei der Erstellung der Tabelle wurden nur die dem Flexionsparadigma des Verbs enger angehörenden Verbalklammern berücksichtigt: Lexikalklammer, Passivklammer und Tempusklammer (Perfektklammer und Futurklammer) Auf die Verwendung der Modalklammer und auf ihren Einfluß auf die objektive und subjektive Aussage bzw. Auf die Kopulaklammer wird in dieser Arbeit nicht näher eingegangen.

Bei der Verbindung der verschiedenen einfachen Verbalklammern entstehen - wie schon erwähnt - kombinierte Klammern, wobei der infinite Verbteil (‘Nachverb’) komplexer wird, indem die strukturdominante Klammer die ihr untergeordneten Klammern inkorporiert. Die möglichen Klammerkombinationen unterliegen dabei strikten Hierarchieregeln (siehe Schema).

Laut Weinrich werden die inkorporierten Verbalklammern im infiniten Verbteil (Nachverb’) folgende Veränderungen erfahren:

Sie werden gestaut
ihre Abfolge wird umgekehrt: (Nachverb - Vorverb)
also: eigenständige Lexikalklammer :       
in Futurklammer inkorporierte                   
Lexikalklammer:

                                                               

In der Tabelle werden die für den entsprechenden Tempus, Modus oder Genus wirkenden strukturdominanten Verbalklammern im Tabellenkopf angegeben, auf die graphische Darstellung der jeweiligen Übereinanderordnung der verschiedenen Verbalklammern in den einzelnen Verbalkomplexen ist aus Gründen der optischen Überlastung der Tabelle verzichtet worden, sie kann aber im Unterricht zwecks Veranschaulichung der Regularitäten des Flexionsparadigmas des Verbs mit den Lernenden erarbeitet werden. So z.B. kann für das Auftauchen des Infinitiv Perfekt im infiniten Verbteil des Futur II eine logische Erklärung gegeben werden:



4.Weitere Hintergründe

Es ist versucht worden, auch jenseits der angesprochenen Theorie der Klammerhierarchie nach Weinrich möglichst alle bei der Flexion des Verbs zu berücksichtigenden Faktoren zu erfassen, und sie teils ausführlich, teils andeutungsweise in die Tabelle aufzunehmen. Aus diesem Grunde wurde bei der Erstellung der Tabelle ein Verb als Beispiel gewählt, das ein vollständiges Flexionsparadigma aufweist , auch eine Lexikalklammer bildet und als unregelmäßiges Verb sowohl die spezifischen Züge der Formenbildung im Indikativ (Ablaut) als auch in den verschiedenen Konjunktivformen (Vorhandensein oder Fehlen des Ablauts bzw. Umlauts veranschaulichen kann. Für die einfachen Zeitformen Präsens bzw. Präteritum werden die Flexionsendungen des Indikativs bzw. des Konjunktivs angegeben.

Bei der Strukturierung der Tempora gilt das Indikativ Aktiv als Ausgangsform; die flexionsspezifischen Formveränderungen lassen sich durch alle weiteren Modi und Genera verfolgen. Dabei wird auf die Zusammenhänge zwischen den grammatischen Tempora und der “objektiv-realen” Zeit auch graphisch hingewiesen. Für diesen Begriff habe ich mich aufgrund der von Helbig und Buscha verwendeten Terminologie entschieden, da er vom Lernenden leicht zu erfassen ist und keiner weiteren Problematisierung bedarf, obwohl die Dudengrammatik einräumt: “ `Gegenwart`, ‘Vergangenheit und ‘Zukunft’ sind /.../ keine absoluten, kalendarisch-objektiv bestimmbaren, sondern relative Größen, die sich in der Zeiterfahrung des Sprechers/Schreibers jeweils neu bilden.”
Die Verschiebung der objektiv-realen Zeit bei der Bildung der Konjunktivformen wird - wie schon erwähnt - graphisch hervorgehoben. Das erleichtert dem Lernenden sowohl das Verständnis als auch die Anwendung. Bei den einzelnen Tempusformen wird auch auf ihre Funktionsbestimmung und Verwendungsweise gedeutet , aus Platzmangel konnten aber die Beispiele in der Tabelle nicht angeführt werden.

5. Abschlußbemerkung:

Ich möchte diese aus meiner Unterrichtserfahrung hervorgegangene Tabelle mit der Hoffnung den das Deutsche Lernenden und Lehrenden zur Verfügung stellen, daß sie als Zusammenfassung des Grundwissens über das Flexionsparadigma des Verbs eine Unterstützung bei der Erschließung seiner strukturellen Zusammenhänge gute Dienste leisten kann.

Kliken Sie hier um die Tabellen zu herunterladen [Save Target As...] !



Literatur:

  1. Dreyer, Hilke, Richard Schmidt - 1984 . Lehr- und Übungsbuch der deutschen Sprache, Verlag für Deutsch Ismaning/München

  2. DUDEN, Bd. 4, Die Grammatik - 1984 - 4., völlig neu bearbeitete Auflage, Dudenverlag Mannheim
    Engel, Ulrich - 1988 - Deutsche Grammatik, Julius Groos Verlag Heidelberg

  3. Engel, Ulrich, und Mitarb. - 1993 - Kontrastive Grammatik deutsch-rumänisch Bd.1, Julius Groos Verlag Heidelberg

  4. Götze, Lutz, E.W.B. Hess-Lüttich - 1993 - Grammatik der deutschen Sprache - Sprachsystem und Sprachgebrauch, Bertelsmann Lexikon Verlag Gütersloh

  5. Hall, Karin, Barbara Scheiner - 1996 - Übungsgrammatik DaF für Fortgeschrittene, Verlag für Deutsch, Ismaning/München

  6. Helbig, Gerhard, Joachim Buscha - 1994 - Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht, Langenscheidt Leipzig

  7. Helbig, Gerhard, Joachim Buscha - 1992 - Übungsgrammatik Deutsch, Langenscheidt Leipzig

  8. Jung, Walter - 1982 - Grammatik der deutschen Sprache, Bibliographisches Institut Leipzig

  9. Karácsony, L., Tálasi, I. - 1990 - Német nyelvtan a középiskolák számára, Tankönyvkiadó Budapest

  10. Savin, Emilia 1996 - Gramatica limbii germane, Ed. Maºina de scris, Bucureºti

  11. Schade, Günter - Einführung in die deutsche Sprache der Wissenschaften, 11. Aufl., Erich Schmidt Verlag

  12. Schulz-Griesbach - 1970 - Grammatik der deutschen Sprache, 8. Aufl., Max Hueber Verlag München

  13. Weinrich, Harald - 1993 - Textgrammatik der deutschen Sprache, Dudenverlag Mannheim

  14. Wolf, Johann - 1972 - Sprachgebrauch, Sprachverständnis, Kriterion Verlag Bukarest

     

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Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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