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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 239-244

 

 

ERGEBNISSE EINER UMFRAGE ZUM ANREDEVERHALTEN

Vlad Cucu


Im folgenden werden die Ergebnisse einer Umfrage zum Thema Anredeverhalten der Lehrenden und Studierenden (im Bukarester und Berliner universitären Milieu) vorstellen. Als Masterandenteam haben wir diese Umfrage im Januar-Februar 1998 durchgeführt. Vorliegender Kurzbericht soll durch weitere Recherchen im deutschsprachigen Raum zu einer kontrastiven Studie ausgebaut werden.

Der Fragebogen (den wir in rumänischer und deutscher Sprache wiedergeben) umfaßte zwei Fragen:
 

Rumänische Variante:

Cum se adreseazã cadrele didactice studenþilor?

Cum aþi prefera sã vi se adreseze cadrele didactice?

1. tu + prenume………………………..…….

…………………………………………………….

2. tu + nume………………………………..

…………………………………………………….

3. dumneata + prenume…………………….

…………………………………………………….

4. dumneata + nume……………………….

…………………………………………………….

5. dumneata, drã/dle + prenume……………

…………………………………………………….

6. dumneata, drã/dle + nume……………….

…………………………………………………….

7. dumneavoastrã, drã/dle + nume…………

…………………………………………………….

8. altfel (cum?)…………………………….

…………………………………………………….

9.                                                                         indiferent

 

Variante in deutscher Sprache

Wie sprechen Lehrende ihre Studierenden an?

Wie sollten Lehrende ihre Studierenden ansprechen?

1. du + Vorname……………….…………….

…………………………………………………….

2. Sie + Vorname…………………...……….

…………………………………………………….

3. Sie + Nachname……….…….……………

…………………………………………………….

4. Sie, Fr./Hr. + Nachname……………..……

…………………………………………………….

5.                                                                  mir gleichgültig

 

Die Antworten sind je nach der Kommunikationssprache unterschiedlich gestaltet. Gegenübergestellt werden Realität (Frage 1) und Wunschbild (Frage 2).

Weiter sollen die in einer sorgfältig vorbereiteten Aktion ermittelten Daten vorgestellt werden, die nach der Umfrage bearbeitet wurden:

 

Ausgefüllte Fragebögen

in rumänischer Sprache: 237

in deutscher Sprache: 92

 

 

Die Fragebögen in rumänischer Sprache stammen wie folgt von verschiedenen Bukarester Universitäten bzw. Hochschulen, deren Studenten und Studentinnen im Sinne der Fragebögen, also der Zielsetzung dieser Erhebung erfragt wurden:

Universität/Hochschule

% von der Gesamtzahl der Befragten (GZB)

Universität Bukarest: ………………….……165

69,6

Wirtschaftsakademie: ………………….….….18

7,6

Universität Politehnica (TU) …………………10

4,2

Medizinakademie: ………………………..……3

1,3

Privatuniversitäten: …………………….…….41

17,3

 

Recherchierte Sektionen der Universität Bukarest

Sektionen

Anzahl der Befragten

Journalistik

31

Biologie

27

Philologie

25

Psychologie, Soziologie

23

Geschichte

19

Jura

17

Geologie, Geographie

12

Mathematik

6

Politikwissenschaft

3

Philosophie

3

Chemie

3

 

Wie schon erwähnt, handelt es sich bei diesen Angaben und Überlegungen nur um die Zielsetzungen und Ergebnisse einer Teiluntersuchung, deren Ergebnisse Augangspunkt weiterer Überlegungen und Beobachtungen sein sollen. Die Ergebnisse, die hier zugänglich gemacht werden haben repräsentativen, d.h. Mustercharakter.

Wie werden die an den Bukarester Hochschulen Studierenden angesprochen?

(Anzahl der Befragten: 237)

1. tu + Vorname

38 (16%)

2. tu + Nachname

10 (4,2%)

3. dumneata + Vorname

8 (3,4%)

4. dumneata + Nachname

15 (6,3%)

5. dumneata, drã/dle + Vorname

5 (2,1%)

6. dumneata, drã/dle + Nachname

22 (9,3%)

7. dumneavoastrã, drã/dle + Nachname

127 (53,6%)

8. anders

12 (5,1%)

 Zunächst einmal zu diesen 5,1% der GZB, die anders angesprochen werden. Manche werden mit einfachem “Dumneata” angesprochen, ein Medizinstudent (23) hat in seinen Fragebogen “Domnule doctor” eingetragen. Dann gibt es andere Varianten wie “Domnule student” oder “Dumneavoastrã, domnule student”. Manche Befragten finden eine solche Anredeweise geeignet, die allgemeine Tendenz ist jedoch die zur Personalisierung der Anredeformel (z.B. diejenigen, die mit einfachem “dumneata” angesprochen werden, wünschen sich auch ihren Vornamen dazu).

Jetzt zu den anderen Anredeformeln.

Wir haben hier mit zwei großen Kategorien zu tun:

- der Geduzten – ungefähr 20% der Befragten
- derjenigen, die mit einer pronominalen Distanzform angesprochen werden – die größte Mehrheit.

Jede Gruppe hat Untergruppen.

Es besteht ein wichtiger Unterschied zwischen den Geduzten + Vorname und den Geduzten + Nachname. Die zweite Anredeform drückt Distanz und Überlegenheit des Lehrenden aus. In der Grund- und Mittelschule üblich, wird sie von den Studenten als ziemlich unhöflich empfunden. Es gibt jedoch einige Lehrkräfte, die zu den Studenten tu + Nachname sagen. Hingegen ist die Kombination tu + Vorname ziemlich verbreitet (auf dem zweiten Platz als Frequenz). Es wird sich zeigen, daß sie die beliebteste Anredeform bei den Studenten ist.

Hier hebt sich Dumneavoastrã, drã/dle + Nachname deutlich ab: 67,2% der Nicht-Geduzten werden gesiezt; überhaupt ist “Sie” die verbreiteste Anredeform (absolute Mehrheit). Was die anderen Anredevarianten betrifft: sie sind wenig verbreitet. Unter diesen werden diejenigen mit Nachnamen mehr gebraucht – sie sind formeller, liegen der Antwortvariante 7 näher. Aussagekräftig ist dabei der beträchtliche Unterschied zwischen den Kategorien 5 und 6, bei denen nur der verwendete Name unterschiedlich ist.

Eine Teilschlußfolgerung lautet also: Allgemeine Tendenz ist die formelle Anredeweise der Lehrenden gegenüber den Studierenden.

I. Allgemeine Betrachtung (1 – 7 machen 36,3% der GZB aus):
 

Wie wünschen sich die Studierenden, angesprochen zu werden?

1. tu + Vorname

90 (38%)

2. tu + Nachname

15 (6,3%)

3. dumneata + Vorname

9 (3,8%)

4. dumneata + Nachname

5 (2,1%)

5. dumneata, drã/dle + Vorname

4 (1,7%)

6. dumneata, drã/dle + Nachname

11 (4,6%)

7. dumneavoastrã, drã/dle + Nachname

57 (24%)

8. anders

9 (3,8%)

9. mir gleichgültig

36 (15,2% der GZB)

Diejenigen, die es vorziehen, mit einer pronominalen Distanzform angesprochen zu werden, stellen insgesamt 36,3% aller Befragten dar. Die Mehrheit ziehen also die tu + Vorname-Anrede vor.

Durchaus überraschend ist der oft vorkommende Umstand, daß sich einige der Befragten auch die tu + Nachname-Anrede wünschen.

Die dumneata-Varianten sind auch hier wenig beliebt.

Ein Viertel aller Befragten wünscht sich eine Sie-Anrede. Manche beachten die Anredeform gar nicht.
Eine ältere, ein Jahr zurückliegende Umfrage zum ungefähr gleichen Thema stellte unter anderen folgende Frage:
Mögen Sie von Ihren Professoren geduzt werden?

Im folgenden werden einige Kategorien von Antworten erwähnt, mit denen die befragten GermanistikstudentInnen des ersten Jahres ihre Optionen begründet haben, um die subjektive Einstellung der Studierenden über die vorgestellten Zahlen hinaus zu nuancieren und anschaulicher zu machen:

Mit “JA”

“Du” schafft Nähe (intellektueller und persönlicher Natur; die Distanzform wird als solche empfunden und der Abstand Lehrender – Studierender kann durch “du” abgebaut werden).”Du” bedeutet Kommunikationserleichterung und angenehmere, intimere Atmosphäre sowie mehr Vertrauen in der dialogischen Kommunikation.

 Es gibt unter den Studenten das Bewußtsein einer Distanz und eines Statusunterschiedes zwischen Lehrendem und Studierendem, die jedoch nicht stört, sondern als selbstverständlich empfunden wird. Der Student fühlt sich dem durch “Sie” ausgedruckten Respekt nicht würdig.

“Du” ist Gewohnheitssache: So war es auf den unteren Stufen der Schule üblich.

Mit “NEIN”

Die Studenten sind schon erwachsene Personen und verdienen Respekt. Obwohl die Parteien nicht den gleichen Status haben, gilt es, gegenseitig Respekt zu zeigen.

Manche Lehrende schüchtern die Ageredeten durch das Dutzen ein.

Bis jetzt wurde in der Vorstellung der Ergebnisse ein einziges Parameter (eine einzige Frage) in Betracht gezogen. Weiterhin wird auf zwei solche Parameter zugleich Bezug genommen.

Es gibt 38 Geduzte, von denen 27 (d.h. 71%) geduzt werden möchten, und zwar 20 Frauen (66,6% der geduzten Frauen) und 7 Männer (87,5% der geduzten Männer), was zeigt, daß sich die Männer in höherem Maße als die Frauen duzen lassen. 11 (29%) von den 38 Geduzten ziehen es vor, anders angesprochen zu werden: Von diesen 11 möchten z.B. 5 (45,4%) gesiezt werden.

Von den 127 Gesiezten finden 44 (34,6%) die Sie-Anrede geeignet, während 83 (65,4%) anders angesprochen werden möchten. Unter diesen gibt es z.B. 45 (35,4% aller Gesiezten), die sich die tu-Anrede wünschen.

Es gibt 189 Nicht-Geduzte (80% aller Befragten), von denen 70 (37% der Nicht-Geduzten) per tu angesprochen werden möchten.

Zufrieden mit der Art und Weise, wie sie angesprochen werden, sind nur 91 Personen, d.h. 38,4%der GZB.
 

Wie die Studenten angesprochen werden – je nach ihrem Alter

Alter

Anzahl / Prozentsatz

18-19 J.

35  (14,8%)

20

41  (17,3%)

21

41  (17,3%)

22

51  (21,5%)

23

34  (14,3%)

24®

35  (14,8% der GZB)

Die Befragten wurden in sechs zahlenmäßig fast gleiche Gruppen eingeteilt, die ungefähr den jeweiligen Jahrgängen entsprechen. Nach den jeweiligen, hier berücksichtigten Altersstufen (6 Kategorien) ergibt sich folgende Übersicht:

Antwort

A: 18-19

B: 20

C: 21

D: 22

E: 23

F: 24®

 

35

%

41

%

41

%

51

%

34

%

35

%

1: tu+Vorname

7

20,5

9

21,9

8

19,5

6

11,8

5

14,7

3

8,6

2: tu+Name

3

8,6

3

7,3

2

4,9

1

1,9

0

0

1

2,8

3: dta+Vorna-me

0

0

1

2,4

3

7,3

0

0

4

11,8

0

0

4: dta+Name

2

5,7

2

4,9

3

7,3

2

3,9

3

8,8

3

8,6

5: dta+dnã/dle+

Vorname

0

0

1

2,4

1

2,4

3

5,9

0

0

0

0

6: dta+drã/dle+

Name

3

8,6

4

9,8

4

9,8

2

3,9

3

8,8

6

17,2

7: dv.+drã/dle+

Name

18

51,4

18

43,9

18

43,9

35

68,6

17

50

21

60

8: anders

2

5,7

3

7,3

2

4,9

2

3,9

2

5,9

1

2,8

 

Unabhängig vom Alter werden die Studenten in erster Linie per “Dumneavoastrã, drã/dle + Name” angesprochen. Die tu-Anrede hat eine bemerkbar niedrigere Frequenz bei den höheren Altersstufen (s. Gr. A, B im Vergleich zur Gruppe F). Die Lehrenden machen also gewisse Unterschiede zwischen den Studenten je nach dem Alter.

Variante 2: Es gibt eine deutliche Tendenz zu null, je höher das Alter ist. Die dumneata-Antwortvarianten 3 und 5:

Es gibt eine deutliche Tendenz, daß diese Anredeformeln bei den mittleren Altersstufen häufigeren Gebrauch finden als bei den etwas älteren. Der Grund dafür kann darin erblickt werden, daß die niedrigeren Altersstufen (Gr. A) viel mehr per “tu”, während die höheren mehr per “Dumneavoastrã, drã/dle + Nachname” angesprochen werden.

Es gibt eine gewisse Tendenz zu höherer Frequenz je nach der Altersstufe, so wie auch aus der nächsten Tabelle ersichtlich wird.
 

Wie sich die Studierenden wünschen, angesprochen zu werden, je nach ihrem Alter

Antwort

A: 18-19

B: 20

C: 21

D: 22

E: 23

F: 24®

 

35

%

41

%

41

%

51

%

34

%

35

%

1: tu+Vorname

20

57,2

22

53,6

18

43,9

11

21,6

11

32,4

9

25,7

2: tu+Name

1

2,8

3

7,3

4

9,7

2

3,9

2

5,9

3

8,6

3: dta+Vorna-me

3

8,6

1

2,4

2

4,9

1

1,9

1

2,9

1

2,8

4: dta+Name

0

0

0

0

1

2,4

1

1,9

1

2,9

2

5,7

5: dta+dnã/dle+

Vorname

0

0

0

0

2

4,9

1

1,9

0

0

1

2,8

6: dta+drã/dle+

Name

1

2,8

0

0

1

2,4

0

0

5

14,7

4

11,5

7: dv.+drã/dle+

Name

5

14,3

7

17

8

19,5

23

45

9

26,5

7

20

8: anders

1

2,8

3

7,3

0

0

1

1,9

0

0

2

5,7

9: gleichgültig

4

11,5

5

12,2

5

12,2

11

21,6

5

14,7

6

17,2


Variante 1: Die jüngeren Studierenden (Angehörige der Gruppen A,B, C) wünschen sich in beträchtlich höherem Maße, als ihre älteren Komilitonen (Gr. D,E,F), geduzt zu werden.

Variante 7: Je älter die Studenten sind, desto höher sind ihre Ansprüche auf “Sie”: Die Prozentsätze nehmen stets von links nach rechts zu. Die niedrigeren Prozentsätze bei den Gruppen E und F werden von denen von der Variante 6 ausbalanciert; da – wie bereits angedeutet –, diese Anredeform der Höflichkeitsform Sie am nächsten zu rücken vermag.

 

Vergleich zwischen den Ergebnissen der rumänischen und der deutschen Fragebögen

Sehr wichtig zu erwähnen ist, daß der Altersdurchschnitt der deutschen Studierenden 26 Jahre und 5 Monate, wärend der der rumänischen 20 Jahre und 2 Monate ist. Dieser Altersunterschied kann die Ergebnisse des Vergleichs beeinflussen.

Wie reden deutsche Lehrende ihre Studierenden an?

Anredeform

Berlin

(vergleichsweise Bukarest)

du + Vorname

4,3%

16%

Sie + Vorname

6,4%

3,4%

Sie + Nachname

10,7%

6,3%

Sie, Fr./Hr. + Nachname

73,1%

53,6%

anders (wie?)

5,3%

5,1%

Die Geduzten sind also – wie die Statistik beweist – beträchtlich zahlreicher an der Bukarester Universität. Sonst kommen alle Distanzformen häufiger an den Berliner Universitäten vor. Daraus ergibt sich, daß die deutschen Lehrenden ihre Studierenden im allgemeinen formeller ansprechen als ihre rumänischen Fachkollegen.
 

Wie sollten Lehrende ihre Studierenden anreden?

Anredeform

Berlin

(vergleichsweise Bukarest)

du + Vorname

9,6%

38,4%

Sie + Vorname

26,8%

3,8%

Sie + Nachname

5,3%

2,1%

Sie, Fr./Hr. + Nachname

38,7%

24%

mir gleichgültig

20,4%

15,2%

 

Hier zeigt der Vergleich deutliche Unterschiede. Die meisten deutschen Studierenden wünschen sich, in erster Linie per Sie, Fr./Hr. + Nachname und dann per Sie + Vorname angesprochen zu werden. Die Rumänen ziehen unter diesen zwei nur die Variante 4 vor. Dagegen mögen sie sehr die du + Vorname-Anrede, die von den deutschen bei weitem nicht so beliebt ist. Die Rumänen entscheiden sich also vor allem für Vertrautheit und Nähe, und erst dann für Förmlichkeit (oft Ausdruck von Distanz), und Anonymität ist bei ihnen unbeliebt, während die Deutschen praktisch nur förmliche Anredeweisen vorziehen (darunter die “allerförmlichste”, die Antwortvariante 4), wobei – wie schon angedeutet – der beträchtliche Altersunterschied nicht vergessen werden dürfte.

 

Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., Heft 13-14 / 1998, S. 239-244

 

 

Coordonator sectiune: Madalina Marcu | Asistenti: Cristina Caramihai | Andreea Baranga

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