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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 414-416

 

 

HERTA MÜLLER, HEUTE WÄR ICH MIR LIEBER NICHT BEGEGNET.

 ROMAN. 240 S., Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, 1997.



Seit 1987 lebt die aus Nitzkydorf im Banat stammende Herta Müller in Deutschland. Schlug sich dies anfangs in einer Erzählung, Reisende auf einem Bein <Berlin 1989>, nieder, die die ersten Erfahrungen einer (nicht mit der Autorin zu verwechselnden) Aussiedlerin in dem (für sie, aber auch Herta Müller) Neuland zum Gegenstand hat, so war bereits Müllers nächstes Buch - Der Fuchs war damals schon der Jäger <Reinbek bei Hamburg 1992; rumän.: Încã de pe atunci vulpea era vînãtorul, Bucureºti, Editura Univers, 1995> - wieder in Rumänien angesiedelt.

Wohl nicht nur deshalb, weil es sich dabei um das nachträglich in einen Roman verwandelte Drehbuch zu dem im gleichen Jahr von Stere Gulea realisierten Spielfilm Vulpe vînãtor handelt, hielt diese Publikation den (freilich hochgespannten) Erwartungen der Literaturkritik nicht ganz stand. Der erzähltechnische Kunstgriff, die Protagonisten Adina und Paul die Ereignisse des Dezember 1989 fern von dem den Roman bis dahin beherrschenden Schauplatz Temeswar, nämlich auf dem Land, und damit auch fern von der Hauptstadt erleben zu lassen, kaschiert den Umstand, daß Müller hier wie auch anderswo in dem Buch nur aus zweiter Hand zu erzählen vermag, derart notdürftig, daß die Ursache für das Mißlingen des Roman-(wohlgemerkt nicht des Film-)Projekts sich dahinter in Umrissen abzeichnet: Mehr noch als ihre Protagonisten war die Autorin auf medial vermittelte Informationen und Bilder aus einem Land angewiesen, in dem sie nicht mehr zu Hause war. Die von Fritz J. Raddatz damals zu Recht (wenn auch selbst nicht in völlig makelloser Fügung) gerügten “schiefe[n], verunglückte[n], manchmal lächerliche[n] Entgleisungen” der in anderen Passagen gleichwohl exakt beschreibenden und sehr präzise (auch und gerade Empfindungen) evozierenden Prosa (1) dürften nicht zuletzt der Tatsache geschuldet sein, daß das Erzählte der Lebenswelt Müllers und ihren Erfahrungen teilweise fremd war.

So fällt der Befund nur scheinbar paradox aus. Obwohl niemand anders als sie den Roman hätte schreiben können, hatte Herta Müller sich mit dem Sujet der Dezemberereignisse übernommen. Im Resultat ergab das zwar mehr als, so seinerzeit Raddatz, “ein wenig wenig” und in der Retrospektive gewiß “[k]ein verdorbenes Buch” (2). Hinter den Standards, die Müllers Prosa zuvor selbst gesetzt hatte, blieb der Roman aber nichtsdestoweniger deutlich zurück. Die Autorin, so scheint es, hat dies erkannt und daraus Konsequenzen gezogen. Zwei Jahre später zeigt die atmosphärisch beklemmend dichte, bis an die Schmerzgrenze der Präzision vorangetriebene Erzähl- und Beschreibungsprosa ihres zweiten Romans, Herztier <Reinbek bei Hamburg 1994; rumän.: Animalul inimii, Bucureºti, Editura Univers, 1997>, Müller auf einer bis dato von ihr nicht erreichten Höhe der Kunst.

Im Rückblick könnten sich mithin die beiden Veröffentlichungen von 1989 und 1992 als eine Art Wegkreuz und Wasserscheide im Werk der Autorin erweisen. Vielleicht aber drängt dieser Eindruck sich nach der Lektüre des im vergangenen Herbst bei Rowohlt erschienenen jüngsten Romans von Müller auch etwas zu voreilig auf. Prognosen sind allemal heikel. Angesiedelt ist Heute wär ich mir lieber nicht begegnet jedenfalls wieder im Temeswar der Achtziger Jahre, so wie schon Herztier und Der Fuchs... Während der letztgenannte Roman die Identität des Hauptorts seiner Handlung jedoch noch an die außerfiktionale - von Kartographen und Geschichtsschreibern verbürgte - Real-Existenz der Stadt im Banat meinte koppeln zu müssen (3), folgt Heute... dem Vorgänger Herztier darin, seinen Schauplatz nicht mehr beim Namen zu nennen. Mehr noch: Indem das reale Vorbild sich zusehends in eine nicht mehr eindeutig identifizierbare west-rumänische Großstadtsilhouette verwandelt, entwerfen Herztier und Heute... die Stadt als literarische Landschaft, vergleichbar dem (freilich lichteren) Mecklenburg Uwe Johnsons oder William Faulkners fiktivem Yoknapatawpha County.

Beherschendes Element dieser imaginären Stadtlandschaft, die in Herztier zugleich eine Landschaft des Totengedächtnisses und der Erinnerung war, ist die Angst nicht so sehr angesichts des Diktators und der Organe staatlicher Macht als vielmehr die Angst, unter deren Druck fast unmerklich irre zu werden sowohl an der eigenen Urteilskraft und Person als auch an den wenigen, die als Gefährten verbleiben, wenn eineR auffällig wird. Die Ich-Erzählerin des neuen Romans (namenlos übrigens, so wie die Stadt) ist “bestellt” (S.7), nicht zum ersten Mal: “Ich werde immer öfter bestellt: Dienstag Punkt zehn, Samstag Punkt zehn, Mittwoch oder Montag [...], mich wundert schon, daß es dabei nach dem späten Sommer bald wieder Winter ist.” (S.7) Während sie mit der Straßenbahn durch die vorherbstliche Stadt zum Verhör fährt, setzt ihre Erinnerung ein. Sie lenkt die Gedanken von dem ab, was der Erzählerin, wie sie fürchtet, bevorsteht, führt sie jedoch wie auf einer Kreisbahn stets wieder dahin zurück. Die einzelnen Episoden und Fragmente fügen sich nach und nach zu Stationen und Strängen nicht nur einer Lebensgeschichte. Die Splitter und perspektivisch gebundenen (Teil-)Ansichten geben zudem wiederholt für Momente den Blick frei auf ein Panorama, das scheinbar en passant nur als Hintergrund mit entworfen ist, als work in progress aber seit Der Fuchs... an Details und historischer Tiefe gewinnt.

Den knapp zwei Stunden erzählter Zeit entsprechen in Heute... vier Stunden Erzählzeit. Sekunden der Angst verrinnen bekanntlich zäher als solche des Glücks. Psychologisch plausibel finden daher der fehlgeschlagene Versuch der Pubertierenden, den eigenen Vater zu verführen; die gescheiterte erste Ehe mit dem Sohn jenes Mannes, der nach dem Krieg als Parteisekretär für die Deportation der Großeltern in die Bãrãgan-Steppe verantwortlich war; und die Freundschaft mit Lilli, der Arbeitskollegin, die zeit ihres Lebens ältere Männer, darunter auch ihren Stiefvater, liebte (und bei dem Versuch, nach Ungarn zu fliehen, erschossen wurde), auf den 240 Seiten des Romans ebenso Platz wie: das Verhältnis zu Nelu, dem Arbeitskollegen, der die Erzählerin angezeigt hat; die Beziehung zu Paul, ihrem zweiten Mann, mit dem sie, seit sie ihn kennt, sein Apartment “in dem verrutschten Turmblock” (S.30) bewohnt, mit dem es aufgrund seiner Trunksucht jedoch immer schwieriger wird zusammenzuleben; und die Verhöre durch Major Albu, deren letztes, wie die Erzählerin fürchtet, ihr an diesem “Donnerstag Punkt zehn” (S.7) bevorsteht - nimmt sie doch an, “daß Albu mich heute unter sein Büro in die Zelle führen könnte.” (S.8)

Tatsächlich steht ihr Schlimmeres bevor: “Ha, ha, nicht irr werden” (S.240), lautet die Ermahnung der desperaten Erzählerin an sich selbst und zugleich das beklemmende Fazit, nachdem der Roman auf den letzten Seiten die schlimmstmögliche Wendung genommen hat. Sie kommt nicht unvorbereitet und doch überraschend. Und es gehört zweifellos zu den Qualitäten von Heute..., daß die die raison d’être der Protagonistin von Grund auf erschütternde Beobachtung und Begegnung am Schluß und nicht zu Beginn der Geschichte placiert ist; daß die Erzählbewegung hier nicht - wie auch immer romanimmanent vermittelt - durch eine Erschütterung ausgelöst wird, sondern im Gegenteil auf jene (übrigens zufällige) Entdeckung zuläuft, die der Protagonistin gleichsam den Boden unter den Füßen wegzieht. Wäre dem anders, so würde sei’s offen, sei’s unter der Hand die Chance einer psychischen Neukonstitution des Subjekts mitverhandelt. Herta Müllers Erzählen heilt jedoch nichts, sondern möchte im Gegenteil gerade ein beschädigtes Leben gestalten. Der Verrat, der am Ende von Heute... steht, ist der reziproken Relation, die von Ernst Meister (1911-1979) als “Liebe - / Verlaß / und Verlassen” prägnant formuliert worden ist (4), so fundamental entgegengesetzt, daß eine ich-basierte Erzählung ihn in der Tat glaubwürdig weder einholen könnte noch subjektiv - qua Reflexion - zu durchdringen, geschweige denn einzuordnen und dadurch zu egalisieren vermöchte. Nicht eine bloße Krise tritt ein: die wäre behebbar durch den Erzählakt. Es handelt sich für die Betroffene vielmehr um die Katastrophe schlechthin. Deren Eintritt sistiert die Erzählbewegung. Indem er die Protagonistin desjenigen Haltes beraubt, der ihr bis zuletzt ein wenn auch gefährdetes Glück garantiert hat, bleibt ihr am Ende keinerlei Ausflucht.

Man mag Herta Müller vorwerfen, daß Heute... der Protagonistin wie auch dem buchlang an deren Perspektive gebundenen Leser noch das kleinste Schlupfloch verstopft. Nicht nur gibt es in diesem Roman keine Chance für ein richtiges Leben im falschen (5). Die Allianz von Staatsmacht und Virilität, die die Welt der Erzählerin dominiert, bringt vielmehr auch die letzte von ihr gehegte Hoffnung auf Glück noch zur Strecke. Als Vorausdeutung dessen entpuppt sich im Rückblick die Lilli-Geschichte, führt sie doch vor Augen, wie beide Dispositive - Staatsmacht und Virilität - einander selbst da in die Hände spielen, wo sie in Konflikt miteinander geraten: “Heute glaube ich, daß der alte Offizier Lilli suchen mußte, weil seine Abmachung mit ihrem Tod getroffen war, bevor er sie kannte. [...] Einer wie er wußte genug über Soldaten, Hunde und Kugeln an der Grenze. Seine Angst, daß der Tod Lilli genauso begehrt wie er, verstieg sich zum Glauben, daß Lilli den Tod einschüchtert, auch für ihn. [...]. Der Rotzkerl, der Lilli erschoß, glich dem Alten, wenn der zurückdachte. [...] Lilli blieb liegen.” (S.69f.) Man mag Müller diese geschlechterspezifisch gegründete Allegorie der Macht im Ceauºescu-Staat so nicht abnehmen wollen. Nur: War es in Wirklichkeit wesentlich anders?

Man mag ihr, und dies aus westdeutscher Sicht, auch vorhalten, daß “der gesamte Roman unentschieden zwischen Sozialkolportage und literarischer Totalitarismuskritik hin und her [schwankt...,] das Trauma in Serie [geht...] und sich Herta Müllers Roman immer für die schlimmstmögliche Variante entscheidet.” (6) Nur muß man in diesem Fall Stellung beziehen, ob man, wie einst Friedrich Dürrenmatt, eine Geschichte erst dann für zu Ende gedacht halten will, “wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat” (7), oder stattdessen für einen (gleichwie unerläuterten) Realismus plädiert. Und falls letzteres: War es in Wirklichkeit anders? Ist nicht gerade das alle Parameter kontrollierende Experiment genau jenes (Erzähl-)Modell, das der geschlossenen Gesellschaft am ehesten beikommt? - Allein der kritische Hinweis darauf, daß “manche Motivkonstellation [...] dem Leser aus früheren Büchern bereits vertraut [ist]” (8), genügt in diesem Zusammenhang nicht; provoziert er doch nicht nur die Frage ‘Aus welchen?’, sondern darüber hinaus die Vermutung, daß der Müllers Motivkonstanz offenbar müde gewordene Rezensent jene Tristesse, wie sie real existiert hat, weder aus eigener Anschauung noch auch nur aus Berichten von Zeitzeugen kennt.

Die binnendeutsche und die rumänische Herta-Müller-Rezeption beginnen, so scheint es, einander zu beider Nachteil zu komplementieren: Waren die einen es immer schon leid, in den Spiegel zu schauen, der ihnen mit Müllers Texten vorgehalten wird (9), so wollen die anderen Erzählungen und Romane, die das Exotische wenn schon konstant, dann bitte jedesmal neu und in Farbe und abwechslungsreich präsentieren. Da Müllers Romanwelt - anders als die von Gabriel García Márquez z.B. - fast eintönig grau ist und sich zumal in der eigentümlichen Konsequenz, mit der sie ihr Schreibprojekt weiterverfolgt, quer zur postmodernen Erlebniskultur stellt, wird Müllers Werk hier wie dort bestenfalls als ein sperriges rezipiert (10). Daß sie gleichwohl an ihm nicht irre werden möge, ist der Autorin und ihren (künftigen) Lesern - sei es in Deutschland, sei es in Rumänien (dort wohl vor allem) - zu wünschen.

Wolfgang Schaller


ANMERKUNGEN:

(1) Vgl. Fritz J. Raddatz, Pinzetten-Prosa. Film-Szenen statt Erzähl-Garten: Woran Herta Müllers Roman scheiterte. In: Die ZEIT Nr.36/1992 vom 28.08.1992.

(2) Ebd.

(3) Vgl. Herta Müller, Der Fuchs war damals schon der Jäger. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt 1992, S.285: “Temeswar, sagt Ilije[sic!]. [...] Nur hin, sagt Ilije. Sein Herz klopft.”

(4) Ernst Meister, Die alte Sonne. In: Ders., Liebesgedichte. Herausgegeben und mit einem Nachwort versehen von Reinhard Kiefer. Frankfurt a.M.: Luchterhand 1991 (= Sammlung Luchterhand, 957), S.68.

(5) Zu diesem Aspekt im Gesamtwerk vgl. den Aufsatz von Friedmar Apel, Turbatverse. Ästhetik, Mystik und Politik bei Herta Müller. In: Akzente 44, 1997, H.2, S.113-125.

(6) Ernst Osterkamp, Das verkehrte Glück. Herta Müllers Roman aus der Diktatur. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung Nr.238/1997 vom 14.10.1997.

(7) Friedrich Dürrenmatt, 21 Punkte zu den Physikern. In: Ders., Die Physiker. Eine Komödie in zwei Akten. Neufassung 1980. Zürich: Diogenes 1985 (= detebe, 20837), S.91-93, hier: S.91.

(8) Ernst Osterkamp, a.a.O. (wie Anm.6).

(9) Signifikant ist allein schon die Zahl germanistischer Arbeiten, die im rumänischen Sprachraum seit 1989 zum Werk Herta Müllers erschienen sind. Um sie abzuzählen, bedarf es nicht einmal der fünf Finger einer intakten (Schreib-)Hand.

(10) Für die rumänischen ‘Schwierigkeiten’ mit Herta Müller vgl. jetzt exemplarisch die Formulierungsnot, in die Severina Raica, Existenz und Schaffen. Rezeption und Widerhall der Werke Herta Müllers. <In: Zeitschrift der Germanisten Rumäniens 6, 1997, H.1-2 (11-12), S.209-215> gleich eingangs ihrer Studie gerät: “Fast unverhältnismäßig[!?!] viel beschäftigte sich die Kritik schon mit dieser Schriftstellerin und ihrer literarischen Leistung. An ihrem Fall ist ersichtlich, wie eklatant und ergiebig die Thematik und Problematik des kommunistischen Ostens, der Dissidenz und Landflucht, der Einfügung in die neuen westlichen Verhältnisse sein kann, wobei Übertreibung nicht umgangen, sondern gesucht wurde, [...]. Herta Müller hatte die, nachträglich als Chance erscheinende,[sic!] Erfahrung als Dissidentin und Landesflüchtige gemacht.” (S.209) - Der neidvolle Vorwurf liegt hier nicht fern, daß es sich bei der Romancière objektiv um eine Begünstigte, wo nicht gar eine Gewinnlerin des Kalten Krieges handele.


 

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Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, 7. Jg., 13-14 / 1998, S. 414-416

 

 

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