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IN DER VERTRAUTEN FREMDE

 

Zur Wahrnehmung von Natur und Raum in

Die Fehler des Kopisten von Botho Strauß

Till Matthias Zimmermann

Dass sich der moderne Mensch in einer Welt bewegt, die sich von seiner natürlichen Umwelt komplett unterscheidet, ist bekannt. Die Annahme, dass „die Natur“, also in Reinform, als unverdorbenes Substrat, existiert, darf, ob des langen, eingreifenden und manipulierenden Daseins des Menschen auf diesem Planeten, bezweifelt werden – freilich mit Ausnahme weniger unentdeckter Gegenden wie Arktis, Antarktis, einiger Wüsten, Regenwälder oder Hochgebirge. Die Vorstellung, dass man sich den Strapazen eines Lebens auf dem Land ausliefert, mag abwegig erscheinen, doch in Anbetracht der symbolischen Aufladung des Naturbegriffs nicht unmöglich; ist doch die Natur (an sich) schon das Ergebnis menschlicher Projektionen und Wünsche. Die Idee, in der Natur den Urgrund allen Seins, eine Art höhere Identität des Menschen zu finden, korrespondiert mit dem Gedanken der Alterität, dem Eindruck, dass die Natur auch immer die Fremde, die unzugängliche Gegend ist. Im 1997 veröffentlichten Buch Die Fehler des Kopisten von Botho Strauß begibt sich der Erzähler in die Natur, er baut sich ein Haus in der Uckermark und lebt dort mit seinem Sohn. Warum zieht sich ein Mensch in die Natur zurück, welche Vorstellungen begleiten ihn und wie geht er mit den veränderten Konstellationen in Raum und Umwelt um? Anhand dieser Fragen zu Natur und Raum soll die Naturbetrachtung des Textes nachvollzogen werden, konkret: welche Modelle der Naturwahrnehmung verarbeitet der Erzähler?

Die Fehler des Kopisten ist von der germanistischen Forschung bisher kaum beachtet worden; es liegt eine Dissertation vor und zwei kürzere Artikel, die für diese Untersuchung nicht herangezogen werden[1]. Auf weitere, meist nur kurze Hinweise auf einzelne Textstellen, wird an entsprechender Stelle eingegangen. Eine derart exzessive Darstellung von Naturbildern findet sich in keinem anderen Werk von Botho Strauß, dieser Thematik wurde bisher keine Untersuchung zuteil; diese Lücke möchte der vorliegende Artikel schließen.

Die Natur- und Raumwahrnehmung beschäftigt die Geisteswissenschaften schon seit einiger Zeit. Grundlegend für die Beschäftigung ist immer noch der Artikel von Heinrich Schipperges[2], für die Literaturwissenschaft hat Götz Großklaus seine Aufsätze zu diesem Themenkomplex in einem Sammelband aus dem Jahre 1993 zusammengefasst. Diesen Arbeiten wurde die einleitende Überlegung vorangestellt, die versucht, in drei Thesen europäische Denkmuster zur Naturwahrnehmung der letzten dreihundert Jahre zu bündeln: Nach der ersten These ist der Ausgangpunkt der frühbürgerliche, emanzipatorisch-utopische Diskus im 18. Jh. In Absetzung gegen den feudalistisch-absolutistischen Adel wird die Natur als authentischer Ort des Ursprungs, als Raum der Freiheit und bürgerlichen Individualität verstanden. Mit diesem Verständnis geht die Entdeckung von Alpen, Harz, etc. einher; Kronzeugen für dieses neue Verständnis sind unter anderen Klopstock, Goethe, Caspar Wolf und Rousseau[3].

Während dieser Diskurs noch einheitlich abläuft, kommt es zu Beginn des 19. Jh. zu einer Aufspaltung: die Natur wird einerseits regressiv-eskapistisch als Flucht- und Schutzraum betrachtet und andererseits analytisch-kritisch als Widerstands- und Protestraum, als Ort der Bewahrung existentieller Ressourcen. Großklaus’ zweite These geht von einer Dialektik des Modernisierungsprozesses aus. Die Zeiten massiver Modernisierungsschübe fordern eine ebenso große Thematisierung der Natur heraus. Thematisiert wird immer das, was gerade verloren geht: Heimat, Natur, Sinnlichkeit, etc. Der Modernisierungsprozess verläuft dialektisch zwischen den Polen Verlust und musealer Bewahrung, Destruktion und Rekonstruktion. Die Zeiträume der als krisenhaft wahrgenommenen Modernisierungsschübe sind die Jahre zwischen 1790 und 1830, zwischen 1880 und ca. 1910/20 und zwischen 1970 bis in die Gegenwart[4].

Nach der dritten These sieht die Modernisierung in der Natur einen Fremdraum, dem die Stadt und die Industrie als Inseln der Moderne, im Meer der sie umschließenden Natur gegenüberstehen – meistens handelt es sich um unterentwickelte vorindustrielle Regionen. Die modernen Zonen versuchen im weiteren sich den Naturraum zugänglich zu machen, die Fremde wird ihrer Eigenart entkleidet und domestiziert: zum einen durch Kolonisation der Natur, also Transformation in Industrielandschaft; in einem zweiten Schritt werden die Naturräume durch die medialen Zeichenwelten den Menschen nahe bzw. nach Hause gebracht, eine symbolische Aneignung der Natur durch die Moderne; im dritten Schritt wird die Natur in einer mimetischen Wiederholung als künstliche Einhegung und Parkimitat (Zoo, Botanischer Garten, Freizeitpark, etc.) reproduziert[5].

Diese Überlegungen zur Naturwahrnehmung sind bewusst weit und offen gehalten, um durch eine allzu starre Typologie zu verhindern, dass es zu einem simplen Abgleich des Textes mit einem Katalog von Eignungskriterien kommt. Zudem handelt es sich bei den Naturbildern nur um einen Aspekt des thematischen Spektrums des Straußschen Textes; durch selektiven Zugriff soll verhindert werden, dass großräumige Kategorien zur Interpretation verwendet werden, sondern Kategorien mittlerer Reichweite, die nicht mit ideologischem Erklärungsbalast behaftet sind[6]. Es sollen vielmehr Schneisen in den Text geschlagen werden, anhand derer die Beschäftigung des Autors mit den verschiedenen Modellen der Naturwahrnehmung als Fremdwahrnehmung thematisiert werden können; dabei soll gezeigt werden, dass sich Botho Strauß keineswegs nur eines Modells bedient, sondern verschiedenste Herangehensweisen an die Natur aufgreift und neu zusammensetzt. Die Auswahl der Textstellen wird dem Leser zwangsläufig willkürlich und beliebig vorkommen. Das liegt zum einen an der Form des Textes, der mit seinen elliptischen Beschreibungen und kürzeren essayistischen Reflexionen sich jeder festen Zuordnung oder Strukturierung entzieht – obgleich gewisse Themen immer wieder auftreten, neben der Natur sind das das Vater-Sohn-Verhältnis, der gegenwärtige Stand in Gesellschaft, Kultur und Politik – und zum anderen an der zyklische Struktur des Textes, der das Werden und Vergehen der Jahreszeiten darstellt; so lässt sich eine Textstelle aus dem Kapitel III. (Herbst) mit einer aus dem Kapitel I. (Frühjahr) verbinden, obgleich das bei der Lektüre anachronistisch erscheinen mag.

Beginnen wird diese Arbeit mit einer Interpretation der im Text angelegten Hermeneutik; die Äußerungen zu den Aussageabsichten eines Buches und der Rolle der Schrift in der modernen Gesellschaft eignen sich für einen Vergleich bzw. Abgleich mit den Verfahren, die diese Untersuchung anwendet. Im nächsten Kapitel wird die Rückerinnerung historischer Phasen der Naturwahrnehmung betrachtet und auf Vorbilder und Bezugspunkte befragt. Im dritten Kapitel tritt der Erzähler in den Mittelpunkt des Interesses und seine Selbstinitiation in die Natur, während im letzten Kapitel die Rolle des Neubaus und dessen Verhältnis zur Naturlandschaft untersucht werden. Die Trennung, die so zwischen Natur und Raum vorgenommen wird, ist höchst problematisch, denn in der Annahme, dass der Raum etwas kulturell geschaffenes ist und die Natur sein Gegenteil darstellt, bleibt die anfangs getroffene Einsicht unberücksichtigt, dass fast jeder Naturraum sich unter dem Eingriff des Menschen entwickelt hat, also auch kultureller Raum ist.

1. Überlegungen zur Textauslegung – Vorgaben der Fehler des Kopisten

Die Literatur der Moderne hat die Erwartung auf totale Sinneinlösung aufgegeben, das Kunstwerk ist offen und der Interpret hat der Versuchung zu widerstehen, es hermeneutisch nachträglich schließen zu wollen. Der Verlust des scopus wird vom Straußschen Erzähler[7] in dessen Überlegungen zur Unfähigkeit des Autors reflektiert „das maßlos Disparate, das ihm zugespielt wird und eingeblendet wird, als ein Autor zu ordnen, als ein Autor des Verstehens.“[8] Überwältigt von der Fülle an Eindrücken und Beobachtungen ist die Rückbesinnung auf den vormodernen Erzähler, zumindest für dieses Buch, nicht mehr möglich, auch wenn die „jüngere Roman-Literatur […] die Risiken der Moderne in Vergessenheit“ geraten lässt und „eine nachschöpferische Unbefangenheit […] das täuschend echte Simulieren der Erzählung“ (FK 99) wieder möglich macht, in anachronistischer Verkennung der Vorgaben der Moderne. Der Autor, der die Welt nach seiner Vorstellung formt und moduliert, der Kraft seines Bewusstseins seine Umgebung ordnet und ihr eine Struktur verleiht[9], ist vor dem „Ganzen der Welt in Ohnmacht gefallen“, mehr noch, das „unerfindlich Viele […], das machtvoll durch sich selber herrscht, duldet kein anderes Autorenbewusstsein neben sich.“ (FK 96) In diesem Sinne nähert sich der Erzähler in Strauß’ Text der Welt nicht in einer stringenten Erzählung, die in chronologischer Folge das Leben des Protagonisten wiedergibt, sondern in kleinen, oftmals elliptischen Eindrücken, die, in scheinbar wahlloser Reihung, auf den ersten Blick nicht mehr sind als Momentaufnahmen des erzählenden Subjekts.

Der bereits beschriebene Weg sich einem modernen Text interpretierend zu nähern, über Kategorien mittlerer Reichweite, ist in Die Fehler des Kopisten angelegt: „So wie ich mit Worten die erzählbare Geschichte zerstückle, so teile ich hier mit dem Beil das warme Fleisch in passende Portionen.“ (FK 25) Diese kleinen Versatzstücke gilt es nun nicht in die einzige passende Reihenfolge zu bringen, auf den Weg der einzig richtigen Sinneinlösung des Textes – vielmehr sollen ihre verschiedenen Anschlussmöglichkeiten innerhalb des Textes erprobt werden, um des Menschen „mittelbare Instanzen“, wie etwa „das desultorische Gedächtnis“ (FK 96), auf die verschiedenen Interpretationsmomente aufmerksam zu machen. dass bei umfangreicheren Texten nicht alle Textstellen den gleichen Stellenwert haben, sondern es vielmehr die Aufgabe des Interpreten ist, die „Knotenpunkte […] polysemischer Alternativdeutung“[10] zu verbinden, lässt sich vielleicht auch mit Blick auf die „Sehnsucht nach einer Seite, die aus  hunderten  verdichtet  hervorträte  und  […] mir das G e s i c h t [sic!] des Buchs zeigte“ (FK 158) verstehen. Andererseits sollte sich der Interpret über die Vorläufigkeit seiner Auslegungen im Klaren sein, wenn es zutrifft, dass es

für einen Text keine Zeit [gibt], in der er verstanden würde. Ein dichter Text wird sich allezeit nur für jene kurzen lucidae intervallae (Fr. Schlegel) öffnen, aus denen er entstand, und wird sich dann wieder verschließen, eintrüben (FK 170f.).

Die Schwierigkeiten bei der Beurteilung von Literatur und der zeitlichen Umstände ihrer Entstehung, gerade für ihre Deutungen aus fremdkultureller Perspektive, werden deutlich in dem hermeneutischen Gegensatzpaar Text als Objektivation und Text als Kunstwerk. Während ersterer als Ausdruck einer Generations- oder Epochen-Bewusstseinslage verstanden wird, zu dessen Erschließung allein ausreichendes historisches Kontextwissen nötig ist, öffnet das Kunstwerk Assoziationen, Projektionen und Anschlüsse – auch an fremdkulturelle Bild- und Metaphernwelten.

Gerade diese Suche nach Anschlüssen und der spielerische Umgang mit den Verweisungsgeflechten und der bewussten Öffnung des modernen Kunstwerkes gehen im Text einher mit der Scham, die ein Mensch empfinde, wenn seine Urteilsbildung wegen seiner scheinbar „allzu schlüssigen Menschenkenntnis“ vorschnell abgeschlossen sei und er nicht den „Menschen seiner Umgebung [,] mit größerem Nichtverstehen“ ehrt; fähig zu diesem neuen Umgang wird er nur durch das „Nichtverstehen des Ganz Anderen“ (FK 146) – die Erfahrung des Fremden, nicht der Kontakt und das sofortige Durchschauen des Gegenübers, ist nicht nur im zwischenmenschlichen Bereich, sondern auch im Sinne des Text- und Kulturverständnisses nötig, um die eigene Umwelt oder die kulturelle Herkunft zu ergründen.

2. Rückerinnerung historischer Phasen der Naturwahrnehmung

Die Beschäftigung mit der Natur im Straußschen Text beschränkt sich nicht auf das Aufgreifen verschiedener Ideen des Umgangs mit der Natur, sondern bezieht sich auch auf die Rückerinnerung historischer Phasen der Naturwahrnehmung. Diese Widererinnerung ist im strengen Sinne zwar auch eine ideengeschichtliche Rückbesinnung – da sich Naturschwärmer des 19. Jahrhunderts ebenso auf Rousseau bezogen wie die Alternativbewegung der 1970er Jahre, wenn vielleicht auch unbewusst –, doch da sie nicht aktualisierend, also in die Binnenhandlung zwischen Sohn und Erzähler bzw. die Reflexionen des Erzählers eingebunden sind und in die essayistischen Exkurse integriert sind, sollen sie hier extra verhandelt werden.

In solchen Augenblicken liest sich der Text eher als Objektivation, die Assoziations- und Anschlussmöglichkeiten sind gering; dies lässt sich am Beispiel der Textpassagen verdeutlichen, die, mal offensichtlich, mal versteckt, das Verhältnis zwischen der BRD und der DDR thematisieren. Die Auswirkungen der sozialistischen Planwirtschaft zeigen sich, in den Augen des Erzählers, im „verbrämt“ liegenden Nutzland, es waren „Arbeiter, Agraringenieure und nicht der Bauer, [der] Boden und Vieh bestellt“ (FK 31) hatte. Die Bezeichnungen Arbeiter und Ingenieur fanden erst durch die Industrialisierung bzw. den durch sie neu entstehenden Zweig der Erwerbstätigkeit breite Verwendung; der Bauer hingegen ist eine quasi-archaische Bezeichnung, die Kultivierung des Bodens stellt eine unverzichtbare Entwicklungsstufe menschlichen Lebens dar. Die selbst gewählte Bezeichnung der DDR als Arbeiter- und Bauernstaat wird aufgesprengt, der Bauer ist nicht existent. Der hier konstruierte Gegensatz zwischen langlebiger, überdauernder Vergangenheit und schnelllebiger Moderne wird für die folgenden Ausführungen von Bedeutung sein, wird im Text diese Trennung doch sehr häufig durchgeführt. Zu den Arbeitern und Ingenieuren ist zu bemerken, dass es sie mit dem Ackerbau in ein Gebiet verschlagen hat, was ihrer Profession in keiner Weise entspricht. Möglich war ihre längere Beschäftigung auf diesem Gebiet nur wegen der räumlichen und zeitlichen Abgeschlossenheit der DDR. „Doppelt stehendes Land hier, wo man in Mauern auch die Zeit gefangenhielt.“ (FK 37)[11] Das Phänomen des Stillstandes bei gleichzeitiger Ausrichtung der (Land-) Wirtschaft auf den Fünf-Jahres-Plan konnte man nach dem Zusammenbruch der UdSSR weltweit beobachten. Die Reste dieser Zeit verfolgen auch Jahre nach der Wiedervereinigung den Erzähler auf Schritt und Tritt. Bei einem Spaziergang bemerkt er, dass „letzter DDR-Geruch im Wald“ bzw. in der Luft hängt, der in seltsamem Kontrast steht zu den Versuchen, die Natur zu bewahren und zum geschützten Raum zu erklären. Der Spaziergang auf den „verbotenen Pfaden der Schutzstufe I des Biosphärenreservats“ wird begleitet von dem Geruch der ausdünstenden Holzpfosten, die mit Maschinenöl gestrichen wurden, penetrantes Nachwehen einer unsachgemäßen Behandlung; sei es aus Unachtsamkeit oder mangels anderer Möglichkeiten.

Dass das Leben in der Uckermark langsam verfällt, betrifft nicht allein die Arbeit der Genossenschaften, es sind auch die Annehmlichkeiten, die mit der Globalisierung Einzug gehalten haben: ein verwaister „alter Waggon für LPG-Arbeiter wurde kürzlich vom Wiesenrain geschleppt, jetzt steht nur noch der verfallenen Bienenwagen dort.“ Es besteht keine Veranlassung, wieder Felder zu bewirtschaften oder Bienenzucht zu betreiben, denn „wer züchtet noch Bienen, wer pflückt noch das Obst? Alles gibt es ohne Arbeit und billig im Einkaufscenter vor der Stadt.“ (FK 154) Die Abwendung der Industrie von den teuren Produktionsstätten des Westens, erzeugt eine irritierende Leere, Ausdruck der Fremde sind alte, vor scheinbar langer Zeit genutzte Gegenstände. Dieser Abschied von der Industrie korrespondiert mit einem Abschied von der Natur bzw. von den Angeboten der natürlichen Umgebung.

Während der Erzähler meistens nur mit seiner Umwelt oder Überbleibseln der DDR beschäftigt ist, wird er in einigen wenigen Passagen des Textes mit seinen neuen Mitbürgern konfrontiert. Zwischen ihnen ist noch keine Normalisierung eingetreten, zumindest der Erzähler ist höchst erstaunt über die ungewohnte Nähe. „Nun trennt uns nur der Gartenzaun, als hätten wir nicht vierzig Jahre lang in zwei verschiedenen Welten gelebt.“ Der trennende Zaun zwischen den Grundstücken wirkt lächerlich, beinahe grotesk, wenn man sich die jahrzehntelange Spaltung des Landes vor Augen führt und die Wahrnehmung des jeweils anderen Staates, der als Bedrohung und Gefahr angesehen wurde[12]. Trotz der räumlichen Nähe gelingt es nicht immer, die lange Trennung vergessen zu machen. Der Bruch zwischen der Raum- und der Zeitwahrnehmung wird deutlich in den „Stimmungsschwankungen zwischen ‚ihr‘ (drüben damals) und ‚wir‘ (beide heute).“ (FK 162) Die neuen Nachbarn schwanken unsicher zwischen ihrer früheren Überzeugung und der momentanen Befindlichkeit. Es scheint, als würden sie auf wenigen Quadratmetern die Geschichte wiederholen; der Garten bzw. die Grenzen ihrer beiden Grundstücke versinnbildlichen die deutschen Staaten in Ablehnung und Anziehung. Eine endgültige Gewöhnung oder gar Entscheidung für einen Zustand scheint noch nicht getroffen worden zu sein.

Die Erinnerung historischer Phasen der Naturwahrnehmung und die Dichotomie zwischen archaischen Figuren und der Gegenwart werden verknüpft im Bild des Schäfers, „dem Einsamen vom Feld“ (FK 18). Die Figur des Schäfers, dem bestimmte Eigenschaften wie Naturverbundenheit, ein bedürfnisloses Leben fernab der Städte und die ideale Vorstellung eines goldenen Zeitalters attribuiert werden, diese Mischfigur aus doppelten Archaismen – christlicher und säkularer Vorstellung („Keinen anderen umgibt so viel Mythos und ursprüngliche Religion.“ FK 19) – taucht intermittierend bei verschiedenen Naturbewegungen auf, z.B. dem Wandervogel in den 1920er Jahren und der Grünen-Bewegung Anfang der 1980er Jahre in der Hoffnung eines Rückfalls in eine Quasi-Subsistenzwirtschaft. Die Bukolik wurde von den europäischen Kulturen aufgenommen, der Schäfer ist als Vorbildgestalt und Archetyp mit einem Kollektivvorrat an Rollenmustern ausgestattet, die sich in den verschiedensten Vorstellungen äußern. Im Straußschen Text wird er mit einem elektrischen Zaun und einem Allradtransporter geschildert, eine scheinbar unüberbrückbare Kluft liegt zwischen den modernen Geräten – die er mühelos benutzt – und seiner historischen Gestalt[13]. Seine Vorgeschichte scheint für die heutige Zeit nicht mehr zugänglich, mehr noch, der Schäfer selbst weiß nichts von seiner Legende, nur die Einsamkeit bleibt und so „geht der Hirte abgetrennt von seiner überzeitlichen Gestalt“. (FK 19) Der Erzähler beklagt nicht einfach den bedauernswerten Hirten, der mit seiner Idealgestalt in der falschen Zeit gefangen ist, bei Strauß hat die Geschichtsvergessenheit sogar den Helden selber erreicht, der sich noch nicht einmal mehr seiner Instrumentalisierung durch verschiedenste Interessengruppen erinnern kann, geschweige denn seines großen Ursprungs[14].

Im Kontext der Erzählung des Schicksals des Hirten wird erneut die unsachgemäße Handhabung der Landwirtschaft durch die Führung der DDR angesprochen. Der Glaube an die Planbarkeit landwirtschaftlicher Produktion führte dazu, daß

der Sozialismus […] die letzten Reste von übersinnlichem Wissen, von ländlichen Mysterien vertrieben, Acker und Weide dem alles zugrunde planenden Ingenieurswesen geopfert (FK19)

hat und das Wissen, ähnlich wie der Schäfer der Bukolik, ausgestorben ist. Nicht mehr eine Person war zuständig für ihren Acker, sondern ein Apparat, beim dem sich die dringend benötigte Kenntnis finden ließen; durch Systematisierung wurden bäuerliche Gedanken und Wissen zerstört:

Man weiß hier überhaupt nur eine arme Handvoll nützlicher Dinge – und auch dabei fehlen meist zwei, drei entscheidende Kenntnisse, die man eigentlich besitzen sollte, die aber immer der LPG-Vorsitzende oder die Partei für einen besaß. (KF 19)

Erst nach dem Zusammenbruch der DDR wird die Abhängigkeit der Zuständigen von ihren Vorgesetzten sichtbar.

Eine Vermischung des Gegensatzpaares „bäuerliche Idylle“ und „sozialistischer Arbeiter“ findet sich in dem Ausdruck: „Ein Arkadien der Arbeit wird man uns versprechen“ (FK 91). Dieser Satz steht allein und völlig separiert von übrigen Text – bei dem, trotz der Kürze der Reflexionen und Beschreibungen, meist mehr als zwei Sätze beisammen stehen – und lässt sich als dystopische Vorrauschau werten: die Beschränkung des Menschen auf seine Arbeitskraft und deren Steigerung in idealem Maße, hat nichts mit der Feldarbeit eines Bauers oder Hirten zu tun, meint im Gegenteil die Ausbeutung der menschlichen Produktionsfähigkeit in für den Staat idealem Maße; nach dem Ende aller Idyllen und Utopien bleibt nur noch die Arbeit.

Das Denken in Gegensätzen wird auch bei der unterschiedlichen Wahrnehmung des Lebens in der Stadt und auf dem Land fortgesetzt. Während sich der Körper in der Stadt der Hektik und Schnelllebigkeit anpasst – „im Kommerz der flüchtigen Berührungen war ich wach“ (FK 49) – sorgt das Leben auf dem Land für eine Beruhigung der Sinne, der Körper richtet sich anders mit seiner Umwelt ein. „Hier draußen verfällt die Wachsamkeit und das Vertrauen nimmt zu“, diese Ruhe und das daraus resultierende Gleichgewicht mit dem natürlichen Leben – etwa die Orientierung auf den Wechsel der Jahreszeiten, die Einteilung des Lebens nach dem Auf- und Untergang der Gestirne – ist ein Topos der archaischen Naturbegeisterung, der Bauer, der in stoischer Ruhe den Pflug über seine Felder führt, wird zum Gewährsmann für ein Leben in der Abgeschiedenheit. So wechselt im Laufe des Textes auch des Erzählers Verhältnis zu seinen Mitmenschen; seine neue Rolle als Landbewohner macht ihn immun gegen die Aufgeregtheiten seiner Mitmenschen; alles, was sie bewegt, lässt ihn verharren. „Was sie ‚vom Hocker reißt‘, lässt einen Mann vor seinen Feldern um so ungerührter sitzen bleiben.“ (FK 69)

Doch nicht nur auf das Bild des gelassenen Bauern wird rekurriert, sondern auch auf die weise, alte Frau. Anders als der moderne Schäfer, der seine Beziehung zur Natur vergessen hat, bewahrt sie immer noch das Wissen über die Kultivierung des Bodens. Ein „Bild zum Verwahren“ (FK 17) nennt der Erzähler die Sicht auf seine Mutter, die vor dem Acker sitzt und „mir Ratschläge gibt, wie die Möhren zu setzen sind.“ (FK 19) Neben der Frau mit dem größeren Erfahrungsschatz als der Nachgeborene, wird an dieser Stelle noch etwas erinnert: der „Acker und die alte Frau“, die scheinbar „in ein stummes Zwiegespräch vertieft“ (FK 19) sind, knüpft an die Bilder von Altersweisheit, einem idealen Zustand goethischen Zuschnitts an. Aus bäuerlichen Kulturen ist die Vorstellung überliefert, dass der Dorfälteste aufgrund seiner Erfahrung die Gemeinschaft führt; in anderen Kulturkreisen ist es analog die alte Frau. Die Bezeichnung Mutter Erde geht auf dieses Bild zurück, die den Menschen versorgte, bis im 19. Jahrhundert Vater Staat mit seinen Sozialgesetzen diese Stelle einnahm. Eine Rückerinnerung an Leben auf dem Land drückt sich auch in dem Bild der alten Frau aus, die

nur eine weiße Bluse und einen roten Rock trägt […] und ginge sie nicht ein wenig unsicher – ihre Schritte suchen den Bürgersteig, wie sie ihn von ihrem Städtchen kennt –, so gäbe sie das Inbild einer ländlichen Ahne ab. (FK 62)

Zwar öffnet das äußere Erscheinungsbild der Frau eine Assoziationskette von Formen bäuerlichen Lebens bis in vorindustrielle Zeiten, doch die eingeschobene Bemerkung sprengt das Bild und stellt die Frau auf eine Stufe mit dem vergessenen Hirten – auch sie sucht die zivilisatorischen Errungenschaften und relativiert die ihr zugedachte Vorbildfunktion.

Im Bild des Ackers und der alten Frau wird harmonisches Leben des Menschen auf dem Land in Erinnerung gerufen. Ähnliches gilt auch für den „alten Obstgarten mit einer bald achtzigjährigen Eiche, einer Friedenseiche, die der Vater des Nachbarn pflanzte um 1918.“ (FK 11) Die Manifestation eines Zustandes durch einen Baum, oder auch die mahnende Funktion, hat auch seine Vorfahren in der Literatur[15].

Bei Botho Strauß ist der Baum zwar jüngeren Datums, doch auch hier ist er Ausdruck einer urbildlichen Naturbegeisterung, in deren Sinne er zum Frieden gemahnen soll. Allein die Erscheinung des Baumes, ihre Wirkung im Garten, scheint der Szenerie einen archaischen Anstrich zu geben; das Alter ist dabei fast nebensächlich, wichtig ist der Symbolgehalt des Baumes: „Und doch weht diese achtzigjährige Eiche in meinen Garten […] besitzt hier alles, Farbe und Windstrich, ein nahes ‚Vorzeiten‘.“ (FK 37) dass die Eiche sich durch Stetigkeit auszeichnet – die Deutsche Eiche als Sinnbild für Verlässlichkeit – wird dem Erzähler beim Vergleich mit seinen Mitmenschen deutlich:

Nicht viel übriggeblieben vom streunenden Zeitgenossen. Nun begreifst du allmählich, was es heißt, nicht wie die Eiche zu sein, die hier doch dein nächster ist, unausweichlich vor Augen, längst im Sinn und doch nicht zu fassen […] (FK 11).

Warum sie trotz der physischen und psychischen Gegenwart „nicht zu fassen ist“, macht eine Textstelle aus dem dritten Teil des Buches deutlich:

einen Baum zu blicken, vielleicht über Jahre, ohne je einen Zugang zu gewinnen, einen Begriff davon, was er einem bedeutet, wie tief er reicht. […] Alle Umarmungen der früheren Jahre verdrängt die Umarmung des Baums. Dieser Konter-Akt der Vereinigung … (FK 134)

Die Vorstellung des Baums, der die Zeit überdauert und sich aufgrund seiner Geschichte gegen jede schnelle Annäherung sträubt – und so auch die „Umarmung“ eher zu einem Erlebnis der Abstoßung werden lässt – macht verständlich, warum die Eiche nicht zu ergründen ist; in klarer Differenz zu den „streunenden Zeitgenossen“.

Die ländliche Umgebung assoziiert der Erzähler nicht nur mit der bukolischen Idylle, sondern auch mit christlichen Paradiesvorstellungen. In der Hoffnung, „mitten im Leben zu stehen“ und „niemals vom Einstweh überwältigt zu werden, niemals von einer Erinnerung, die uns im Garten triff wie die letzte Bö, der letzte Windstoß vor der Vertreibung …“ (FK 64), sieht er sich weit entfernt vom Tod, der das Ende seines Daseins im Garten bedeuten würde. Die Verknüpfung des Begriffspaares „Garten“ und „Vertreibung“ zum Paradies wird vielleicht durch die Nennung des Garten Edens gestützt[16], doch die Mitte des Lebens geht mit Alter und Tod zu Ende, auf den nach christlicher Vorstellung das Paradies folgt. Wenn also die Überwältigung durch das „Einstweh“ den Tod und damit die Vertreibung aus dem Garten bedeutet, dann wird mit christlichen Vokabeln ein Gegenprogramm zur Erlösungstheologie verkündet.

3. Selbstinitiation in die Natur zwischen Umgarnung und Abstoßung

Die Selbstinitiation des Autors und der erste Schritt zu einer intensiveren Wahrnehmung der Natur, setzt direkt nach dem Bezug des Hauses ein: trotz der Schwierigkeiten des Erzählers sich wegen seiner fehlenden Vorgeschichte in dieser Gegend heimisch zu fühlen[17], nehmen die Tiere, denen historisches Bewusstsein fremd ist, sein Haus in Besitz:

Wilde Bienen riechen das neue Holz und wollen ihren Bau an den Sparren hängen. Die Schwalben mauern unter dem Dachvorsprung vor dem Eingang […]. Ich habe nichts entgegenzusetzen der langsamen Umgarnung, mit der die Geschöpfe der Luft, der Erde, des Gesträuchs mich fesseln. (FK 8)

Dieses Fallenlassen in die Natur, die unbedingte Auslieferung, kennzeichnet viele Episoden der Fehler des Kopisten. Nach den anfänglichen nötigen Baumaßnahmen am Haus haben die Tiere es sich häuslich eingerichtet:

Die Schwalben haben in Kolonien das Haus erobert. Vor jedem Lüftungsloch unter dem Dachvorsprung haben sie ihr Nest gemauert. […] Unter den Giebeln die Spatzen hier gehört nichts mir. (FK 30f.)

Doch in all diese tierische Eroberung des Hauses mischen sich auch andere Töne. Der Erzähler hat zwar seine Außenmauern an die Vögel verloren und wird vom den Tieren beinahe hermetisch abgeriegelt, gewisse Abstoßungen der neuen Verwandtschaft bleiben jedoch nicht aus. Wird auf der einen Seite die Aufnahme in die Natur beschrieben, die allein auf dem guten Willen der Tiere fußt – „Die Vögel erlauben, dass unser Haus an ihre Luft grenzt, und das volle Licht in seinen Räumen zittert von ihrem Flügelschlag.“ (FK 16) – und deren Flügel, der die Luft des Hausbewohners erzittern lässt, beinahe wie ein Zeichen der Stärke wirkt, gibt es auch Teile der natürlichen Umwelt, für die der Rückzug des Erzählers auf das Land den Tod bedeutet:

Ein Steglitz lag heute morgen auf dem Balkon. Entweder von der Katze getötet und apportiert oder, wahrscheinlicher, gegen das große Fenster geprallt, erschüttert und gestorben. (FK 14).

Und so stehen Beglückung und Tod in einem Gegensatz zueinander, der bis zum Ende des Textes scheinbar im Sinne eines Ankommens, einer Aufnahme in die Natur entschieden wird. Die Umgebung des Hauses wird „sobald die Schwalben verziehen […] etwas wesenlos“ (FK 197) und ihre Fixierung auf das Haus geht soweit, dass sie sogar Nachteile beim Nestbau in Kauf nehmen:

Die Schwalben klopfen ans Haus, […] wo sie ihre Nester zu mauern beginnen, obwohl sie keinen geraden Abschluß haben, sondern den spitzen Winkel, den sie bisher verschmähten. (FK 51)

Nicht allein die Schwalben umgarnen das Haus, auch „vier kreischende Raben bewachen“ (FK 206) es am Ende des Buches und zwischen dem Erzähler und seiner Umwelt hat sich eine Vertrautheit eingestellt, deren Nähe den Protagonisten in großes Erstaunen versetzt:

Jeden Morgen in der Frühe die Wildhecke abgehen, jeden Strauch und jedes Gehölz prüfen und begrüßen. Die Schwalben fliegen wieder ihre Umgarnungen des Hauses […]. Wie nah das alles, wie unfaßbar nah!… (FK 205)

Daß sich täglich wiederholende Begrüßen der Umwelt, dieses Ritual der Begegnung beschreibt einen hohen Grad der Vertrautheit zwischen Mensch und Natur. Die Beschreibung dieses harmonischen Zusammenlebens endet allerdings in einer zweideutigen Emphase: das Wort „unfaßbar“ könnte sowohl eine Beschreibung der Stufe der Annäherung an die Natur, die für den menschlichen Geist nicht mehr zu begreifen, zu fassen ist – oder aber das Paradoxon ausdrücken, dass die Nähe gleichzeitig auch die unüberwindbare Ferne beinhaltet, die Natur dem Erzähler also fremd bleibt – dieser Gegensatz teilt mehr über die der Beziehung zwischen Mensch und Natur immanente Distanz mit als die affirmative Begeisterung des Erzählers.

Die Schwärmerei bedient sich alter Vorstellungen von der Erhabenheit der Natur, etwa in den Bildern der Bäume als Könige des Waldes:

Nun stehen sie wie abgedankte Könige in alten Festgewändern, meine Bäume, die starr zurückschauen auf den Thron – ein Jahr voll Pomp war das, und große Tage liegen hinter euch! Doch erst entmachtet kleidet ihr euch reich und leuchtet um die Wette mit dem schwarzblau fetten Glanz der Schlehenfrüchte und der Purpurlohe aller Pfaffenhütchen. (FK 130)

Der herbstliche Glanz der Blätter verleiht den Bäumen eine herrschaftliche Aura, obwohl sie ihre Herrschaft beendet haben und sich durch ihr Aussehen der Herbst ankündigt. Die Jahreszeiten werden als den Bäumen feindlich gesinnt dargestellt: während sie im Herbst wenigstens reich gekleidet waren, kündigt sich mit dem Winter der drohende Untergang und schließlich das Ende an:

Wenn die Bäume in dunklen Farbreihen sich zum Waldheer formieren, ein wunderbares Heer, das aufgereiht zur Abwehr stillsteht, […] – es gibt nichts zu kämpfen, es steht geschlossen gegen den gewaltigen Norden, den Winter, dem es ohnedies erliegen wird. (FK 139)

Das Heer, das seinen abgedankten König in einer letzten Schlacht verteidigen will, das treu an seiner Seite steht, obwohl es verlieren wird, mit solchen übersteigerten Stereotypien und Bildern heroischer Helden erscheint der Wald als wunderbare Märchenwelt, in der dem Lauf der Natur trotzdem nichts entgegengesetzt werden kann. Mitunter äußert sich diese Begeisterung auch in quasi-religiösen Vorstellungen, erscheint das Ernten von Äpfeln als ein sakraler Akt. „Diu kletterte in das höhere Geäst, pflückte, und ich fing unten die Früchte auf. So wird jedes leidige Heute unterbrochen von einer kleinen ewigen Handlung.“ (FK 168) Vater und Sohn versorgen sich in der Natur, finden ihr Essen fernab aller Zivilisation einfach auf den Bäumen, paradiesische Zustände werden beschrieben.

Die Schilderungen der Natur sind bestimmt von einem schier unerschöpflich scheinenden Reichtum an kleinen und kleinsten Einzelheiten. Die Fähigkeit, die Farben und Gestalten seiner Umwelt kleinteilig wahrzunehmen, hat der Erzähler

von anderen empfangen, auch den Sinn für die Farben des Herbstes. Die anderen haben mir die Nuance geschenkt. Nur ihrer Begegnung verdanke ich Wachsamkeit und Detailtreue der Wahrnehmung (FK 131),

wobei nicht erkenntlich ist, ob mit diesen anderen die Gegenstände der Natur selber gemeint sind, also die Fähigkeit zur Beschreibung am zu Beschreibenden gewachsen ist, oder die Wirkung seiner Verwandten, ihm nahe stehender Menschen, eine Möglichkeit, die in Anbetracht seiner Scheu vor der Welt (vgl. FK 167) unwahrscheinlich wirkt. Diese Miniaturbeobachtungen leiten beim Beobachtenden einen Verstehensprozess ein, der ihn, ähnlich wie die „unfassbare Nähe“ (s. o.) zwar die Natur beinahe durchschauen lässt, dessen Ende allerdings nicht abgewartet wird; der Erzähler tritt vom begonnenen Durchschauen zurück:

Der Stieglitz mit zitronengelben Flügelbinden, mit blutroter Gesichtsmaske fraß kopfnickend kleine Insekten vom Halm, ich kam ihm auf zwei Schritte zu nah. Doch auf einmal fürchtete ich, mit dem nächsten Schritt in ein abgründiges Begreifen zu stürzen … (FK 174f.)

Die Fähigkeit, aus der Natur zu lesen, beweist der Erzähler auch bei anderen Beobachtungen, wenn er z. B. die Zeichen der vier Jahreszeiten in seiner Umgebung im Hochsommer erkennen will:

Im Zenit des Jahres, im Stillstand das Ganze. Alle Färbungen, Stimmungen der vier Temperamente überblendet. Ich erkenn die Dürre am blühenden Strauch, erkenne die Dunkelheit und den Rauhreif im Sonnenglast. (FK 35f.)

Der Hintergrund, vor dem sich diese Gedanken ausbreiten, ist die Vorstellung vom Buch der Natur, explizit gleich zu Beginn des Textes:

Meine Zeit hier: aufstehen, hinausschauen und es nicht fassen können. Das Buch aufschlagen, lesen, es nicht mehr verstehen. So befangen vom Staunen, verlernt der Geist sein deuten. (FK 12)

Während jedes andere Thema der Fehler des Kopisten – sei es aus den Bereichen Kunst oder Kultur, Politik oder Gesellschaft – analysiert, gedeutet und hinterfragt wird, fallen bei der Betrachtung der Natur diese interpretatorischen Vorregeln fort, sie wird begeistert, fast träumerisch beschrieben. Das Buch der Natur wird aufgeschlagen, doch die natürlichen Bedingungen, die man dort vorfindet, werden nicht mehr verstanden; die typisch-deutsche, logozentrische Orientierung wird auf die Natur übertragen, ist den satten Bildphantasien allerdings nicht gewachsen.

Doch erneut ist diese Auslegung nicht konsistent, so wie auch andere Interpretamente bei konsequenter Übertragung auf den ganzen Text schnell an ihre Grenzen stoßen, so lässt sich weder die kleinteilige Beschreibung, noch die bewundernde, fast ehrfürchtige Annäherung an die Natur im ganzen Text beobachten. Diese Vorgänge werden kontrastiert von Naturwahrnehmungen, die gerade die Masse hervorheben, diese Menge nicht kleinteilig, sondern als Ganzes beschreiben: „Manchmal betastet ein Schwarm wilder Bienen das Haus an seinen Kanten, eine grieslige Windhose von Insekten untersucht die Sparren. Ein Schwarmauge prüft sie.“ (FK 40) Der Schwarm zerfällt eben nicht in hunderte einzelner Bienen, er nähert sich vielmehr als ein Organismus dem Haus, um es zu inspizieren. Im Sinne der Naturwissenschaft scheint diese Darstellung allemal, sind Bienen doch Tiere, die als Volk zusammen auftreten; das eine Auge des Schwarms wirkt jedoch auch bedrohlich und nicht allein wie die zoologisch korrekte Beschreibung einer großen Menge Bienen. Die Natur ist nicht allein Gegenstand der Ergötzung des Erzählers, sie ist der Gegenüber, der den Eindringling beobachtet.

Die Bewunderung für die Natur geht manchmal über in den Stolz des Besitzers: „Heut abend wieder bist du meins, Land der runden Büsche, Feldsölle, Weizenhügel.“ (FK 12) Es scheint, als hätten sich die Rollen vertauscht; nicht mehr der Natur gebührt die Bewunderung, sondern allein dem Menschen, um dessen Haus die Sträucher, Bäume und Büsche sich versammelt haben. Das ihn umgebende Land erscheint wie eine Arena, in der der Erzähler in der Manege den Beifall der jubelnden Natur entgegennimmt:

Ich konnte nicht oft genug vors Haus treten am Abend in der Schönheit des Dämmerlichts. Es war, als empfingen mich Ovationen für meine Existenz, jedes Mal wenn ich über die Schwelle kam, vom Rang und den lichten Balkonen des Himmels und aus dem Parkett der sanften Wiesen. (FK 28)

Der Stolz über seine Nachbarschaft mischt sich allerdings mit der Abhängigkeit von diesen Erscheinungen, denn es ist nicht der Schauspieler, der vom Klatschen des Publikums an die Rampe gerufen wird, sondern der einsame Landbewohner, der sich an seiner Umwelt ergötzt.

Getrübt werden solche Eindrücke von Naturkatastrophen kleineren Ausmaßes, wie der Überflutung des Kellers nach anhaltenden Regenfällen. „Ich geriet in Panik, heulte und schrie. […] In einer halben Stunde war das Debakel behoben, das für mich das Ausmaß einer Naturkatastrophe angenommen hatte.“ (FK 53) Der Naturentwöhnte steht alltäglichen Phänomenen hilflos gegenüber, sobald sie nicht ausschließlich zu bewundern sind oder sein Eigentum bedrohen. Seine eigene Unzulänglichkeit fällt ihm auf und lässt ihn an seiner Tauglichkeit für ein solches Leben auf dem Land zweifeln: „Vor allem hatte mich schockiert, dass ich mir nicht selber zu helfen wusste.“ (FK 53) Von einer Gefährdung des Menschen durch die Natur kann in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden, eher von einer mangelnden Gewöhnung und Erfahrung. Ansonsten gelingt die Annäherung an die Tiere – „Und nehmen noch ein Bad im Flechtner Weiher zusammen mit dem Haubentaucher.“ (FK 16) – und sogar unbelebte Materie wird zu einem gleichwertigen Gegenüber, „wenn ich auf meinem Weg den ein oder anderen toten Baumstumpf, armlosen Kerl, vom guten Bekannten zum Freund befördere“ (FK 50), so scheint tatsächlich eine Initiation in die Natur stattgefunden zu haben und die Einleitung: „Versuchen wir dennoch eine Rechtfertigung des Glücks aus den verwirrenden Lüften am Ende des Aprils!“ (FK 204) in eine minutiöse Bestandsaufnahme der umgebenden Natur entspringt weniger einer emphatischen oder überdrehten Wahrnehmung, sondern vielmehr dem Gefühl, soviel Glück nicht verdient zu haben und sich nachträglich für die Erwählung rechtfertigen zu müssen. Eine Art Fazit wird gezogen, dessen glückseliger Ton nicht über die Schwierigkeiten des Einlassens auf die Natur hinwegtäuschen soll; doch die Abwendung von der Stadt und die Bereitschaft des Erzählers, sich auf das Land einzulassen, sind in seinen Augen belohnt worden.

4. Befestigung und Ausblick eines neuen Raums – das Haus auf dem Hügel

Es ist eine fast lapidare Bemerkung, mit der der Erzähler vom Haus berichtet: „Ich baute uns ein Haus draußen auf dem Hügel.“ (FK 159) Sie ist Teil einer Gesamtschau, der Vater legt sich selbst (und dem Leser) einen Bericht über das bisherige Leben seines Sohnes vor. Das Haus nimmt in den ersten Lebensjahren des Kindes eine zentrale Stellung ein, war es doch nötig, „um die Scheidung von dieser Gesellschaft auf einigermaßen feste Füße zu stellen“, gemeint ist die Abwendung des Sohnes und des Vaters, der keineswegs enttäuscht darüber erscheint, dass sein Sohn „der freudige und sorgfältige Mitmensch, der er zur Beschämung seines ungeselligen Vaters ist, der durchaus unverträumte Nicht-Sonderling“ (FK 167) wurde. Und das, obwohl zu Hause die Einsamkeit gepflegt wurde und behandelt wie ein kostbares Gut, das man nicht verlieren dürfte. Die räumliche Trennung von der Gesellschaft manifestiert sich im Sackgassenschild, das „auf unseren Antrag hin aufgestellt [wurde] neben dem Friedhof, damit sich auf dem zerschundenen Weg […] nicht ortsfremde LKW-Fahrer verirren.“ (FK 155) Das Haus wird zum Refugium der Familie, die meiste Zeit wird es ausschließlich vom engsten Kreis der Familie bewohnt (neben Vater und Sohn die Mutter des Erzählers und seine Frau, die für wenige Tage zu Besuch kommt) und steht nur den Tieren, nicht den Menschen offen; „mein offenes Haus im Licht, doch nur fürs Ein und Aus der Fliegen, Menschen nicht.“ (FK 18) Es passt sich der umgebenden Natur an, wenn die Landschaft im Winter ob der Schneemassen nicht begehbar ist, so gilt: „Unnahbar das nächste, bald auch mein Haus. Mit gekreuzten Pfosten verschlossen.“ (FK 183) Doch die Uckermark ist nicht nur der Ort der Zivilisationsscheuen, sondern auch eine Zuflucht für Menschen, deren soziale Kontakte und berufliches Umfeld eingegangen sind. Herr Köppel, „der auch ein Häuschen auf dem Wedelsberg bewohnt“, nachdem er die „Anschlüsse“ verloren hatte, „will [...] er sich in die Uckermark zurückziehen.“ (FK 191) Während die Flucht vor der Gegenwart vollzogen wird, gelingt es nicht, die Erinnerung an die Vergangenheit auszuschalten.

Personen des früheren Lebens huschen in meinem Rücken durch die Räume, wo alle Türen offenstehen […] In diesem Haus, das so ungeschützt im Licht und im Wetter steht, gibt es auch kein Versteck im Keller oder Dachboden. (FK 37)

Die Einsamkeit des Erzählers konfrontiert ihn mit Erinnerungen, die jedoch nie so dominant werden wie die Eindrücke der Natur.

Doch bevor sich Vater und Sohn in die selbst gewählte Isolation begeben haben, galt es, ein Haus in die Natur zu setzen. So sicher der Erzähler sich in der Ablehnung des Lebens in der Stadt ist, desto unsicherer, ungewisser ist ihm die Zukunft des Neubaus:

Mehr als die Befestigung einer Aussicht wird es nicht sein, Ein komfortabler Hochsitz mit freiem Blick zurück … Unweit der Stelle, an der das alte Gutsgebäude stand, steigt es nackt, neu, von Null auf und schamlos frisch aus dem mittelschweren Geschiebelehm der Moränenkuppen … (FK 7)

Die Betonung, dass die neue Bleibe etwas Unfertiges, Provisorisches darstellt, ist auch vor dem Hintergrund des Schicksals des alten Gutshauses, also des Vorgängergebäudes zu sehen. Die Endlichkeit des Neubaus wird in der Erwähnung des Hauses – längst verfallen oder zerstört, in jedem Fall nicht mehr existent –, noch verstärkt. Die Möglichkeit des freien Blicks aus dem neuen Haus zurück in die Vergangenheit der direkten Umgebung bringt eine baugeschichtliche Urstufe ins Spiel; das Fundament, der Boden aus dem Lehm der Moränenkuppen, auf dem gebaut wird, markiert einen Wechsel der Zeit: während zuvor die Kulturlandschaft Gegenstand der Betrachtung war, ist es jetzt die Naturlandschaft, die Zeitachse wird in Ur- bzw. Vorzeiten verlängert.

Das Haus ohne Vorgeschichte steht in direkter Verbindung zu seinem Erbauer: auch er hat (noch) kein Heimatbewusstsein für diese Region und betreibt nicht nur die Besetzung der Landschaft mit Erinnerung – also langsame Annäherung als Form der Vergegenwärtigung und darauf folgende Historisierung –, sondern muss sich auch im Haus befestigen. „Wer spricht in einem Haus, in dem noch kein Toter lag, kein Neugeborenes, in dem noch nicht geflucht, gezeugt und geweint, nie gewartet, nie gewohnt wurde? …“ (FK 7f.) Nach der indirekten Aussage des Satzes sprechen Häuser zu den Menschen durch ihre lange Lebensdauer, das Haus gibt den Rhythmus der Umgebung vor; das Defizit eines Neubaus ist die Unfähigkeit, seinem Bewohner eine Geschichte mitzuteilen. Mehr noch: „Vom Zero des Gemäuers kommt ein starker Sog. Räume, in denen nie etwas war, nehmen alles von dir …“ (FK 8) Dieser intensive Subjekt-Objektaustausch, der Energieaustausch zwischen Haus und Besitzer, bündelt die Gedanken zu den Bereichen „Raumwahrnehmung“ und „historische Wahrnehmung“. Der Hinzugezogene steht zwischen der Vorläufigkeit seines Baus und der Betrachtung geschichtlicher Linien bis in landschaftliche Vorzeiten, während das Haus ohne Geschichte, in das er einzieht, ihm diese Vorgeschichte durch die ihm eigene Dynamik wieder nimmt. Die Landschaft und das Haus sind in Die Fehler des Kopisten dem gleichen Organisationsprinzip unterworfen; an einer späten Stelle des Buches wird von einem Nachbarn berichtet, „er hat mein Haus ‚wachsen‘ sehen“ (FK 197), beide sind also einer organischen Vorstellung verpflichtet; vielleicht ein Zeichen der Annäherung des Hauses an die Natur.

Die Betrachtung mehrerer historischer Vorstufen bricht sich nicht nur bei den Beschreibungen des Hauses Bahn, sondern auch bei Spaziergängen des Erzählers mit seinem Sohn:

Wir schreiten, wenn es Abend wird, unseren Gesichtskreis aus. Wir wandern rund ums Blickfeld zwischen Wald und Ackerrand. Von jedem Fleck des Weges erkennen wir das neue Haus auf dem Bühel. Wir wollen dort, wo wir gehen, sobald wir zu Hause wieder aus dem Fenster schaun, vor kurzem gegangen sein. (FK 7)

Die Einteilung des Geländes zwischen Wald und Ackerrand erinnert an die Rohdungs- und Kultivierungsgeschichte vieler Generationen, und schließt die naive Annahme aus, dass Natur immer der Teil des menschlichen Lebens ist, der ohne sein Eingreifen wächst[18] Außerdem wird mit den Wörtern „Gesichtskreis“ und „Blickfeld“ ein Gedankengang eröffnet[19], der sich von der ersten Seite durch den gesamten Text zieht: während diese Schilderung Assoziationen zum stolzen Landbesitzer, der mit großer Geste über seinen Besitz deutet, aufkommen lässt – und sich der Erzähler, durch die Wahl des Perfekts („gegangen sein“), bemüht zeigt, die Begehungen zumindest in eine symbolische Vergangenheit zu setzen, und sich so eine Geschichte an diesem Ort zu konstruieren –, wendet der Erzähler die weiteren Ausführungen eher ins politische Milieu. Er erkenne bei keiner politischen Partei etwas Gutes:

Dies müsste ich Diu von unserem Hügel an Beispielen vorführen und erläutern. Einem Hügel, von dem aus nichts zu lenken oder zu beeinflussen ist, der nur einen entlegenen Aussichtspunkt darstellt, um nüchtern und gespannt die dilatorischen Schachzüge eines unvermeidlichen Schicksals zu verfolgen. (FK 36f.)

Die beiden Landbewohner sind von der Möglichkeit der Beeinflussung ihrer Umwelt völlig abgeschlossen, allein die Betrachtung bleibt ihnen. Der Feldherrenhügel, von dem aus die Schlacht geschlagen wird, weil er die Aussicht auf das gesamte zur Verfügung stehende Gebiet öffnet, schwingt zwar in der Wortwahl mit, aber ein Eingreifen ist in diesem Fall nicht möglich, man ist der Welt enthoben und auch jeder künstlichen Aufregung – ebenso „nüchtern“ auf dem Hügel, wie „ungerührt[er]“ (FK 69) vor den Feldern.

Die Wahrnehmung der Natur in Die Fehler des Kopisten schwankt zwischen Begeisterung und Zweifel, zwischen Einlassung auf die neue Heimat und der Ungewissheit über die persönliche Eignung. Dabei werden nicht nur verschiedene Denkmuster der Naturbewältigung aufgegriffen und verarbeitet, der Reiz des Textes besteht vielmehr in der nicht aufgelösten Spannung zwischen den oben beschriebenen Extremen. Bilder archaischer Lebenswelt mischen sich mit den Befürchtungen eines Angehörigen der Moderne, der nicht sicher ist, ob er auf die Errungenschaften der Zivilisation verzichten will, obwohl er dieser Gesellschaft doch um seiner und seines Sohnes willen entkommen wollte.

Die Natur ist vertrauter Nachbar, der mit Freundschaftsbekundungen bedacht wird und dessen Existenz in höchsten Tönen gelobt wird, doch zugleich auch die Ungewissheit und Fremde, die nie ergründet werden kann, die den Eindringling argwöhnisch beäugt und als personifizierte Ablehnung erscheint. Die dritte These Großklaus’ ist noch nicht eingetreten, die Zivilisation hat sich die letzten Inseln der Natur nicht zu eigen gemacht; doch der Naturraum ist trotzdem kein unberührter, die Jahre unter sozialistischer Herrschaft haben ihre Spuren hinterlassen. Gerade diese Verknüpfung der Fremdwahrnehmung der Natur und des fremden Staates – der DDR –, der auch immer der eigene war, die Erfahrung des Anderen in der nächsten Umgebung, in räumlicher Betrachtung und historischer Schichtung machen die Lektüre des Textes so widersprüchlich; weder die neuen Nachbarn haben sich bisher verständigt, noch hat die Natur, trotz aller Annäherung, den Erzähler endgültig akzeptiert. Verbunden mit den einleitenden Überlegungen zur Hermeneutik, dieser Generierung der Maßgaben der Textauslegung aus dem Text selbst, lässt es den Straußschen Text einerseits zum Dokument der Moderne werden, doch auch zu einem Versuch, deutsche und europäische Natur- und Raumvorstellungen zu verarbeiten.

 

Literatur:

 

1.        Föls, Maike-Maren, Literatur und Film im Fadenkreuz der Systemtheorie. Ein paradigmatischer Vergleich, Hamburg 2003 (Schriften zur Medienwissenschaft 4).

2.       Garbe, Joachim, Zeremonien des Abschieds – Botho Strauß: Die Fehler des Kopisten, in: Knobloch, Hans-Jörg/ Koopmann, Helmut (Hgg.): Fin de siècle – Fin du millènaire. Endzeitstimmung in der deutschsprachigen Literatur, Tübingen 2001, S. 171–182.

3.       Groh, Ruth/ Groh, Dieter, Natur als Maßstab – eine Kopfgeburt, in: Groh, Ruth/ Groh, Dieter: Die Außenwelt der Innenwelt. Zur Kulturgeschichte der Natur, Band 2, Frankfurt a. M. 1996, S. 83–146.

4.       Grossklaus, Götz, Einleitung und Rahmen. Natur und Naturdiskurse im Prozeß der Modernisierung: Utopie – Flucht – Widerstand – Simulation, in: Großklaus, Götz: Natur – Raum. Von der Utopie zur Simulation, München 1993, S. 7–14.

5.        Kaiser, Gerhard, Wandrer und Idylle. Goethe und die Phänomenologie der Natur in der deutschen Dichtung von Geßner bis Gottfried Keller, Göttingen 1977.

6.       Keller, Gottfried, Sämtliche Werke. Historisch-Kritische Ausgabe, Band 5, Villwock, Peter et al. (Hgg.): Die Leute von Seldwyla, Band 2, Basel/ Frankfurt a. M./ Zürich 2000.

7.        Michel, Willy, Die Außensicht der Innensicht. Zur Hermeneutik einer interkulturell ausgerichteten Germanistik, Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 17 (1991), S. 13–33.

8.       Michel, Willy, Übertragungen zwischen den Disziplinen und zwischen den Theoriekulturen. Zur historisch-hermeneutischen Situation der Hermeneutik – Kategorientransfer – Perspektivenwechsel – Avantgarde-Theorien – Universalitätsansprüche – Geltungsreichweiten – Polysemie – Medienrahmen – Lese- und Seheprozesse – Säkularisierungsgrade, Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 28 (2002), S. 77–89.

9.       Oldemeyer, Ernst, Entwurf einer Typologie des menschlichen Verhältnisses zur Natur, in: Großklaus, Götz/ Oldemeyer, Ernst (Hgg.): Natur als Gegenwelt. Beiträge zur Kulturgeschichte der Natur, Karlsruhe 1983, S. 15–42.

10.     Schipperges, Heinrich, Natur, in: Brunner, Otto/ Conze, Werner/ Koselleck, Reinhart (Hgg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, Band 4, Stuttgart 1978, S. 215–244.

11.      Strauss, Botho, Die Fehler des Kopisten, München/ Wien 1997.

12.     Thomas, Nadja, „Der Aufstand gegen die sekundäre Welt“. Botho Strauß und die „Konservative Revolution“, Würzburg 2004.

13.     Wassmer, Michaela/ Michel, Willy, Die Reflexion der Medieninterrelation und die Funktionsverschiebung der Literatur im Medienrahmen, Jahrbuch Deutsch als Fremdsprache 28 (2002), S. 205–246.

14.     Willer, Stefan, Botho Strauß zur Einführung, Hamburg 2000.

15.     Wortmann, Elmar, Zwischen Affirmation und Distanz. Rainald Goetz’ Rave und Botho Strauß’ Die Fehler des Kopisten im Vergleich, Literatur im Unterricht 6 (2005), S. 39–48.


 

[1] Beim Artikel von Wortmann (2005) handelt es sich um den Versuch, durch einen Vergleich des Straußschen Buches mit einem Roman von Rainald Goetz Schülern in einem didaktischen Unterrichtsmodell zwei extreme Formen des Umgangs mit der medialen und kulturellen Situation näherzubringen. Garbe (2001) liest den Text als verspätetes Dokument des Fin de siècle, das Denkfiguren der Jahrhundertwende aufgreift, um Bilanz zu ziehen. Der Text habe sich das Ziel gesetzt, die konservative Kulturkritik wiederzubeleben; die Naturbeschreibungen seien Gedichten Georges und Hofmannsthals entlehnt. Da die Artikel andere Schwerpunkte setzen, werden sie nur der Vollständigkeit halber erwähnt. Die Arbeit von Föls (2003) vergleicht den Straußschen Text mit dem deutschen Spielfilm Rossini oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief … und fragt nach den Verbindungen zwischen Schrift, Bild und technischen Bildern aus dem Blickwinkel der Luhmannschen Systemtheorie. Nach Niklas Luhmann ist die Natur Teil der Funktionssysteme der modernen Gesellschaft, die sich in den verschiedenen Teilbereichen Politik, Wirtschaft und Literatur unterschiedlich darstellt. Föls hält die Naturbilder für ein Korrelat der romantischen Naturphilosophie, bemüht sich aber weder um eine textnahe Interpretation, noch gelingt es ihr, die verschiedenen Vorstufen und anderen Ausprägungen der Naturbeschreibung im Text nachzuvollziehen.

[2] Vgl. besonders die Einleitung von Schipperges (1978), S. 215f., in der dargelegt wird, dass der Begriff „Natur“ zu einer abstrakten Leerformel ausgeweitet ist und jede Definition nur durch einen Gegensatz gegeben werden kann, z. B. Natur und Geist, Natur und Geschichte, Natur und Kultur, etc. Bei Die Fehler des Kopisten bestünde das Gegensatzpaar wohl aus Natur und Gesellschaft.

[3] Vgl. zum Wandel der ästhetischen Naturerfahrung am Beispiel der Aufwertung der Berge auch Groh/ Groh (1996), S. 108–114. Zur ersten These vgl. Grossklaus (1993), S. 7–9.

[4] Zur zweiten These vgl. Grossklaus (1993), S. 9–11.

[5] Zur dritten These vgl. ebd. S. 11f. Eine weitere Typologie der Beziehung Mensch und Natur findet sich bei Oldemeyer (1983), der in chronologischer Abfolge von Antike und Mittelalter bis in die Neuzeit zwischen magisch-mythischem, biomorph-ganzheitlichem Verhältnis und der Natur als Gegenstand und Gegenbegriff unterscheidet.

[6] Vgl. zu den Kategorien mittlere Reichweite auch Michel (1991), S. 23. dass die Vorstellungen von Natur dazu geeignet sind, ideologische Grabenkämpfe auszutragen, versteht sich; mit „Ideologie“ sind in diesem Zusammenhang die sozialistischen, psychoanalytischen, usw. Ansätze gemeint, deren teleologische Vorstellungen auf ein bestimmtes zu erreichendes Weltbild oder gesellschaftlichen Zustand für die unvoreingenommene oder gar fremdkulturelle Interpretation eines Textes eher hinderlich sind.

[7] Zu der Frage der Erzählerfigur und den autobiographischen Bezügen vgl. Willer (2000), S. 118, der von einem essayistisch, tagebuchartig reflektierendem Ich spricht, das sich „dem Autor Strauß in auffälliger Weise annähert“. Die Suggestion von Authentizität wird durch die häufige Nennung von Orts- und Flurnamen verstärkt. In dieser Arbeit wird im folgenden von der Figur des Erzähler ausgegangen; die Frage, ob der Autor mit dieser Figur identisch ist, kann vernachlässigt werden.

[8] Strauß (1997), S. 95. Alle weiteren Zitate werden, mit der Sigle FK gekennzeichnet und unter Angabe der Seitenzahl, direkt im Text nachgewiesen.

[9] Der Erzähler selbst gibt einen Hinweis auf die vom ihm intendierte Bruchstelle der Moderne, die das Ende des allwissenden Erzählers markiert: „Wieviel mehr die Alten wussten und vermochten! (Und die Alten sind für uns die Heroen des beginnenden Zwanzigsten Jahrhunderts.)“ (FK 97)

[10] Michel (2002), S. 88.

[11] Die Bezeichnung „Doppelt“ bezieht sich, neben der Abgeschlossenheit bzw. der Trennung von der BRD, auf die Schilderung der Windstille im vorangegangenen Satz, der beginnt mit den Worten: „Kein Hauch […]“ (FK 37).

[12] Vgl. dazu das Zitat: „Ich blieb bis morgens um sechs und debattierte mit einem ehemaligen NVA-Offizier über die angebliche Kriegsgefahr 1980/81, die man offenbar zur Zeit des NATO-Doppelbe-schlusses in der DDR-Armee und Teilen der Bevölkerung im Verzuge glaubte.“ (FK 162)

[13] Der Figur des Schäfers hat die Forschung ihre Aufmerksamkeit geschenkt, allerdings ohne die bukolische Tradition oder die deren Präsenz in modernen Naturbewegungen zu erwähnen. Thomas (2004), S. 207, bemerkt den Widerspruch zwischen mythischer und heutiger Figur des Schäfers und einen „Mangel an mythologischem Gefühl in der Welt“.

[14] Zur literarischen Umsetzung der Idylle im deutschen Kulturraum vgl. Kaiser (1977), S. 14f. Die Idyllendichtung des 18. Jh. sah das ländliche Leben mit den Augen eines Städters, aus dem Blickwinkel einer kulturell verfeinerten und politisch beunruhigten Gesellschaft. Während einerseits, in der Tradition Theokrits, mit distanziertem Blick auf einfache Landleute geblickt wurde, wurde andererseits, in der nachfolge Vergils, ein ideales Arkadien dem Wirrsal der politischen und gesellschaftlichen Welt gegenübergestellt. Vergil versetzt sich als Einwohner in diese geistige Landschaft, die Bauern und Landleute werden zu Trägern seiner Denk- und Erlebniswelt. Die Paradoxie dieser Betrachtung liegt im fehlenden Bewußtsein des Bauern, der nicht um sein Glück weiß und der, wenn er wüßte, wie glücklich er wäre, ein Städter wäre, der wiederum sein Glück nur imaginieren kann. Die Idealisierung Arkadiens geht also einher mit einer Kulturkritik an der Trennung des Städters von der Natur und seinem daraus resultierenden unglücklichen Bewußtsein. Der Schäfer des Straußschen Textes hat jede Form des Bewußtseins verloren, während der Stadtbewohner sich seines Glückes in der Natur sehr wohl bewußt ist.

[15] In Gottfried Kellers 1874 veröffentlichter Erzählung Das verlorene Lachen, aus dem Novellenzyklus Die Leute von Seldwyla, ist es eine „wohl tausendjährige Eiche“, die, nachdem der sie umgebende Wald abgeholzt ist, „ein Monument dar[stellt], wie kein Fürst der Erde und kein Volk es mit allen Schätzen hätte errichten oder auch nur versetzen können.“ Das „Baumdenkmal“ wird zum separaten Fällen und Verkauf angeboten, doch der Held der Erzählung, Jukundus, hält es für verwerflich, „solche Zeugen der Vergangenheit“ zu schlagen und möchte ihn „als Landesschmuck bestehen […] lassen“, er kauft ihn und errichtet am Fuße der Eiche eine Bank, um im Schatten des Wipfels die „schöne Fernsicht“ zu genießen. Die Eiche wird vom Kellerschen Erzähler als Konstante dargestellt, sie legitimiert das Dorf zu ihren Füßen, wird „in älteren Urkunden […] als Merk- und Wahrzeichen“ aufgeführt und ist so alt, dass „einst ihr junger Wipfel noch in germanischen Morgenlüften gebadet hatte“; sie verbindet die Vorfahren mit den Nachgeborenen. Alle Zitate dieser Anmerkung aus Keller (2000), S. 274f.

[16] „Der Apfel verführt nur im Oktober. In Eden war ewig Oktober. Tage, deren Schleier nichts verbergen, sondern die nackte Schönheit selber sind.“ (FK 132) Da der Garten des Erzählers von den Jahreszeiten heimgesucht wird, wird der ewige Herbst wohl nicht aus der Anschauung gewonnen.

[17] Vgl. zur Interpretation des Neubaus und zur Raumwahrnehmung das nächste Kapitel.

[18] Willer (2000), S. 120, liest diese Textstelle als „Rückbezug des Wohnens auf die Landschaft“, dieser führe zu der „zirkulären Formulierung“ und sei schließlich Ausdruck eines Lebens „als ferngesteuertes Konstrukt“, eine „Wiedererkennungs-Katastrophe“.

[19] Die Formulierung bewegt sich zudem auf einer wirkungsgeschichtlichen Linie von Metaphern und Formeln der Hermeneutik. Das Bild vom männlichen Herrschaftsblick – der Blick von der Burg, aristokratisch und hoheitsvoll, über einen Besitz soweit das Auge reicht –, erinnert an den Historiographen, der den Ablauf der Geschichte monoperspektivisch schildert, wie ein Schlachtenlenker auf dem Feldherrenhügel und entspricht dem „Sehe-Punckt“ bei J. M. Chladenius um 1742. Es handelt sich um eine Vorstufe des Gipfelblicks, wie er von J. G. Herder 1795 in bürgerlicher Dynamisierung zum „Gesichtskreis“ wurde, so seiner Standortgebundenheit enthoben, doch in sich geschlossen und zeitlich gebunden. Erst der „oszillierende Gesichts- oder Blickpunkt“ Friedrich Schlegels, um 1800, ermöglicht einen Perspektivenwechsel, eine mehrere Zeitstufen umfassende Orientierung und, in seiner Wechselseitigkeit, eine Ausreizung der Perspektiven. Angaben zu Quellen und weitere Literatur bei Michel (1991), S. 14, Anm. 3–5 und Wassmer/ Michel (2002), S. 240, Anm. 105.

 

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