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ANALELE UNIVERSITATII BUCURESTI

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ANALELE UNIVERSITATII BUCURESTI
 
 

LIMBI ªI LITERATURI STRÃINE

2 0 0 4

  

HERMANN HESSE UND DAS LACHEN DER UNSTERBLICHEN

MIHAELA ZAHARIA

 

 

Nur der Mensch lacht. Für Aristoteles war dieser nichts anderes als ein “lachendes Tier”[1]. Das Lachen ist höchstwahrscheinlich der erste Schritt in unserem Streben nach Glück.

 

Es gibt homerisches Gelächter, schwarzen Humor, “Spaßgesellschaften”. Von der jüdisch-christlichen Verachtung des Lachens[2] bis zum abendländischen Nachdenken über das Lachen und zu dessen (endlich!) positiver Betrachtung war der Weg sehr lang.

 

“Im Lachen steckt beides: die Distanzierung des Anderen, und die Distanzierung des Eigenen, sogar des eigenen Selbst. Dieses kritische und selbstkritische Moment des Lachens ist ein Kennzeichen der westlichen Zivilisation geworden”[3]. Das ist auch die implizite Lehre des Hesseschen Romans Der Steppenwolf, denn für Hermann Hesse zählt der Humor zu den Kardinaltugenden, und das <Lachen der Unsterblichen> zu einer Rettungs –, bzw. Erlösungsmöglichkeit der Menschheit.

 

Für das Lachen interessierten sich schon Cicero, Quintilian, gelacht hat Demokrit (im Vergleich zu Heraklit, der immer melancholisch war), immer lachend sagte Horaz die Wahrheit. Aristoteles gab eine Definition des Lächerlichen: ein “mit Häßlichkeit verbundener Fehler, der indes keinen Schmerz und kein Verderben verursacht”[4]. Für Augustinus gehörte das Lachen dem niedrigsten Teil des Menschen an, und für Rabelais ist das Lachen “le propre de l′homme” gewesen. Welthistorischen Humorismus zeigen Boccaccios Decamerone, Rabelais′ Gargantua et Pantagruel, Shakespeares Komödien oder Cervantes′ Don Quijote. Lachen wird zum Verlachen, und die soziale Funktion des Lachens scheint am allerwichtigsten zu sein[5]. Komisches, Lächerliches und Humor sind der Ausgangspunkt für zahllose Theorien gewesen, angefangen mit der Lessings oder Hegels und bis zu den Friedrich Theodor Vischers und Hans Blumenbergs[6].

 

“Genuß an der Überlegenheit”, “Spiel an der Grenze einer jeden Lebensordnung”[7], mit einer unendlichen Fülle und Tiefe oder “das Andere der Vernunft”[8] repräsentierend, ist das Lachen ebenso faszinierend geblieben – für “ganze Kohorten von Philosophen, Ästhetikern, Theologen, Literaten, Weltleuten”, die “über das Lachen nachgedacht” haben[9] und Begriffsoppositionen wie Groß und Klein, Endlich-Unendlich, Macht-Ohnmacht, Lebendig-Mechanisch, Gott-Mensch-Tier in Kauf genommen haben. Psychoanalytische und verhaltensbiologische Konzepte des Lachens (siehe Simund Freuds Theorie) gehören dazu. “So wird das Lachen zum greifbarsten Beispiel für die Überschneidung von Gefühlen, Gedanken und Empfindungen auf der einen Seite und der menschlichen Physis auf der anderen”[10]. So gibt es eine Ethik, eine Poetik und eine Rhetorik des Lachens.

 

Bei Hesse ist das Lachen eine Form des Distanziertseins, der Objektivierung. Geht Hesse in dieselbe Richtung wie Nietzsche? “Bei keinem Philosophen wird das Lachen als rhetorische Geste so häufig bemüht wie bei Nietzsche: Es soll ein Lachen der Stärke, der abgeschüttelten Angst, des aufgehobenen Gewissensdrucks, ein <goldenes> Lachen sein, ein <olympisches Laster> – die Stellen sind bekannt”[11]. Andererseits ist Hesses <Lachen der Unsterblichen> etwas Besonderes und ähnelt nicht so sehr den schon existierenden Gedanken in Bezug a. auf das vielgerühmte olympische, “homerische” Gelächter der Götter, das laut Rudolf Helmstetter “erkennbar anthropophon” ist und “oft allzumenschliche Anlässe” hat[12] oder b. die idealisierende Meinung Friedrich Nietzsches, die einmal gesagt hatte: “Götter sind spottlustig: es scheint, sie können selbst bei heiligen Handlungen das Lachen nicht lassen”[13]. Es ist vielmehr eine Lebenseinstellung, ein zur Rettung führendes Verhalten, das in gleichem Maße hilfsbereite Götter und hilfsbedürftige Menschen betrifft. Hesses “Götter” heißen aber: Mozart, Haydn, Bach, Wagner, Goethe und dergleichen. Daß er diese implizite mit den allbekannten Göttern der Mythologie vergleicht, ist schon eine andere Geschichte.

 

Hesses <Lachen der Unsterblichen> kuriert die Gesellschaft und die Menschen von ihren Erstarrungen und rettet ihre Lebendigkeit. So ist dieses eher als Heilverfahren von Hesse konzipiert worden. In Frage kommt die viel diskutierte (ästhetische) Katharsisfunktion des Lachens.

 

Wer war der <Steppenwolf>? Ein fünfzigjähriger, raffinierter Intellektueller, namens Harry Haller, ein anderer Hermann Hesse, der die erschütterndste Krise seines Lebens erlebt, der den Ausweg im Rausch der Sinne (mittels Liebe und Drogen) zu finden glaubt, oder der vom <Lachen der Unsterblichen> Gerettete tout court? Hesse selber weiß die Antwort nicht. Hauptsache: er versucht, uns zu zeigen, wie es sein könnte oder sogar hätte sein können.

 

Für Hesses Helden ist das Streben nach dem Absoluten wie eine Suche nach der Heimat. Interessant  ist aber, wie er diese Heimat mit dem <Lachen der Unsterblichen> assimiliert. Dieses Lachen kann für Hesses Werk als Paradigma für dessen <Heimat>-Begriff verstanden werden.  Hesse spricht über die Heiligen, die das <Lachen der Unsterblichen> verkörpern:

 

Die Heiligen, das sind die echten Menschen, die jüngeren Brüder des Heilands. Zu ihnen unterwegs sind wir unser Leben lang, /…/. Die Gemeinschaft der Heiligen /…/ sie ist nichts andres als das, was ich vorher die <Ewigkeit> genannt habe. Es ist das Reich jenseits der Zeit und des Scheins. Dorthin gehören wir, dort ist unsere Heimat[14].

 

Was ihm dises Lachen bedeutet, erfahren wir aus dem Steppenwolf-Roman:

 

Nun erst verstand ich Goethes Lachen, das Lachen der Unsterblichen. Es war ohne Gegenstand dies Lachen, es war nur Licht, nur Helligkeit, es war das, was übrigbleibt, wenn ein echter Mensch durch die Leiden, Laster, Irrtümer, Leidenschaften und Mißverständnisse der Menschen hindurchgegangen und ins Ewige, in den Weltraum durchgestoßen ist (S. 345).

 

Dieses Lachen ist nicht wohltuend, und wenige Menschen sind imstande, es zu hören und dann noch wenigere, es richtig zu verstehen:

 

O wie lachte da der unheimliche Mann, wie lachte er kalt und geisterhaft, lautlos und doch alles durch sein Lachen zertrümmernd! (S. 407).

 

Dieses Lachen ist ein kaltes, distanziertes, dem Jenseits gehörendes Lachen, so wie wir aus folgenden Zitaten festlegen können:

 

Goethe lachte laut (S. 284);

 

/…/ lachte Mozart furchtbar spöttisch (S. 399);

 

Mozart begann laut zu lachen, als er mein langes Gesicht sah. Vor Lachen überschlug er sich in der Luft und schlug Triller mit den Beinen (S. 401);

 

Unerträglich spöttisch sah mich Mozart an. “Wie pathetisch Sie immer sind! Aber Sie werden schon noch Humor lernen, Harry. Humor ist immer Galgenhumor, /…/ (S. 409);

 

Und auf drei stimmten sämtliche Anwesende mit tadellosem Einsatz ein Gelächter an, ein Gelächter im höhern Chor, ein furchtbares, für Menschen kaum erträgliches Gelächter des Jenseits (S. 410).

 

Wer die Unsterblichen sind, erfahren wir aus dem Gedicht mit dem gleichnamigen Titel, das Harry Haller im Vorstadtkneipchen auf der Rückseite der Weinkarte notiert:

 

D i e  U n s t e r b l i c h e n

 

Immer wieder aus der Erde Tälern

Dampft zu uns empor des Lebens Drang,

Wilde Not, berauschter Überschwang,

Blutiger Rauch von tausend Henkersmählern,

Krampf der Lust, Begierde ohne Ende,

Mörderhände, Wuchererhände, Beterhände,

Angst- und lustgepeitschter Menschenschwarm

Dunstet schwül und faulig, roh und warm,

Atmet Seligkeit und wilde Brünste,

Frißt sich selbst und speit sich wieder aus,

Brütet Kriege aus und holde Künste,

Schmückt mit Wahn das brennende Freudenhaus,

Schlingt und zehrt und hurt sich durch die grellen

Jahrmarktsfreuden ihrer Kinderwelt,

Hebt für jeden neu sich aus den Wellen,

Wie sie jedem einst zu Kot zerfällt.

 

Wir dagegen haben uns gefunden

In des Äthers sterndurchglänztem Eis,

Kennen keine Tage, keine Stunden,

Sind nicht Mann noch Weib, nicht jung noch Greis.

Eure Sünden sind und eure Ängste,

Euer Mord und eure geilen Wonnen

Schauspiel uns gleichwie die kreisenden Sonnen,

Jeder einzige Tag ist uns der längste.

Still zu eurem zuckenden Leben nickend,

Still in die sich drehenden Sterne blickend

Atmen wir des Weltraums Winter ein,

Sind befreundet mit dem Himmelsdrachen,

Kühl und wandellos ist unser ewiges Sein,

Kühl und sternhell unser ewiges Lachen.  (S. 346/ 7)

 

Für Harry Haller ist es äußerst schwierig, das Lachen der Unsterblichen zu lernen. Bevor er das Lachen lernt, braucht er zuerst das Warten zu lernen:

 

Einmal würde ich das Lachen lernen. Pablo wartete auf mich. Mozart wartete auf mich   (S. 413).

 

 So endet Der Steppenwolf.

Die Schlußfolgerung? Hesse glaubt an eine Erlösung, die nur dank dem <Lachen der Unsterblichen>, der absoluten Heiterkeit des Geistes/ Geistigen möglich ist. Denn nur das Geistige kann uns retten. Alles andere ist Eitelkeit.


 

[1] Aristoteles nennt den Menschen das zoon gelastikon – “von den Lebewesen lacht allein der Mensch” – De partibus animalium. Siehe auch Merkur  Sept./ Okt. 2002, Sonderheft: Lachen. Über westliche Zivilisation, S. 764.

[2] In der Bibel ist das Lachen negativ konnotiert – siehe den biblischen Vers: “Ein Narr lacht überlaut; ein Weiser lächelt ein wenig” – Jesus Sirach, 21, 29. Mehr dazu in: Merkur Sept./ Okt. 2002, S. 766 f.

[3] Siehe die einleitenden Worte von Karl Heinz Bohrer/ Kurt Scheel für Merkur 641/ 642, Heft 9/ 10, 56. Jg., Sept./ Okt. 2002, Sonderheft: Lachen. Über westliche Zivilisation, S. 742.

[4] Zit. nach: Merkur Sept./ Okt. 2002, S. 753.

[5] Siehe HENRI BERGSONS Essay Le rire aus dem Jahre 1900.

[6] “Die Belege für die philosophische Spekulation zum Komischen und Lächerlichen lassen sich fast beliebig vermehren, vor allem, wenn man zu den Fachästhetikern, den Schlegel, Flögel, Sulzer, Solger, Vischer, Fischer und wie sie heißen, geht” – so Gustav Seibt: Der Einspruch des Körpers, in: Merkur Sept./ Okt. 2002, S. 758.

[7] Ebda., S. 759.

[8] Ebda., S. 760.

[9] Ebda.

[10] Ebda., S. 761.

[11] Ebda., S. 760.

[12] RUDOLF HELMSTETTER: Vom Lachen der Tiere, der Kinder, der Götter, der Menschen und der Engel, in: Merkur Sept./ Okt. 2002, S. 766.

[13] Zit. nach: HELMUT HELMSTETTER: a.a.O., S. 766.

[14] HERMANN HESSE: Der Steppenwolf, in: Ders.: Gesammelte Werke in zwölf Bänden, 7. Bd., Suhrkamp Taschenbuch 1600, S. 181-413, S. 343. Alle Zitate (die in unserem Text in Klammern stehen) stammen aus dieser Ausgabe.

 

   

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