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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens (ZGR), 9. Jg., Heft 17-18 / 2000, S. 331-336

 

 

Generationsspezifische Unterschiede in der deutschen Umgangssprache von Temeswar

 

Karin Dittrich

 

 

Deutsch wird in Temeswar seit dem 18. Jahrhundert gesprochen, als diese Sprache für eine Zeit dominierend wurde[1]. In Temeswar wird, wie auch in den anderen Banater Städten, bairisch-österreichisch gesprochen. Dabei gleicht die Temeswarer Stadt-sprache stark dem Alt-Wienerischen.

In Temeswar siedelten sich Beamte, Kaufleute und Handwerker an, die aus Österreich, besonders aus Wien, stammten[2]. Darum ist auch mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß die Grundlage des Temeswarer Stadtdeutsch die Wiener Stadtsprache ist. Das Wiener Beamtendeutsch wurde in Temeswar bis ins 19. Jahrhundert gesprochen. In jener Zeit fand ein Sprachausgleich statt, der vom mehrsprachigen Umfeld und den Mundartsprechern aus den umliegenden Ortschaften bedingt war.

Der zahlenmäßige Rückgang der Deutschsprechenden im 20. Jahrhundert führte zu einer Einengung des sprachlichen Repertoires. Das markierte den Beginn einer neuen Entwicklungsetappe im Temeswarer Deutsch.

Diese Etappe ist im besonderen durch den langsamen Abbau der bezirksspezifischen Unterschiede in der Umgangssprache von Temeswar gekennzeichnet. Das Deutsch verschwand aus vielen Domänen, es starben auch die Fachsprachen der verschiedenen Berufe aus[3]. Wegen der massiven Aussiedlung der Deutschsprechenden in den letzten Jahrzehnten ist der Gebrauch der deutschen Umgangssprache in Temeswar immer mehr eingeschränkt worden.

Die wienerische Mundart Alt-Temeswars wird bis in unsere Zeit nur noch von wenigen alten Leuten in den ältesten Stadtteilen konsequent gesprochen. Viele der mundartlichen Besonderheiten verschwinden mit ihren letzten Sprechern und das Deutsch der deutschsprechenden Temeswarer, besonders der jüngeren Generationen (damit sind sowohl die mittlere, als auch die junge Generation gemeint), liegt der Standardsprache näher als noch vor einigen Jahrzehnten.

Man kann sagen, daß das richtige Alt-Temeswarer Deutsch nur noch von der älteren Generation gesprochen wird. Bei den Sprechern der jüngeren Generationen sind schon viele typische Besonderheiten der Temeswarer Stadtsprache verlorengegangen, sie haben sich, auch durch die Schulbildung bedingt, mehr der Standardsprache angepaßt. Diese Tatsache hat zur Folge, daß man heutzutage in Temeswar generationsbedingte Unterschiede bemerken kann.

Diese Unterschiede sind sowohl auf Wortschatzebene, als auch auf phonetischer und morphologischer Ebene ersichtlich. Diese Arbeit soll ein paar phonetische, aber im besonderen die morphologischen Unterschiede verdeutlichen.

Ein phonetisches Kennzeichen der Temeswarer Umgangssprache ist die Entrundung der Vokale ö und ü zu e, bzw. i, z.B. Fresch (Frösche), Leffl (Löffel), scheen (schön), Brickn (Brücke), Fligl (Flügel), Schlissl (Schlüssel), Fiess (Füße). Dieses phonetische Merkmal kann man besonders bei der älteren Generation hören, die jüngeren Generationen dagegen gebrauchen schon das ö und das ü. Auch der Diphthong eu wird von der älteren Generation zu einem ei entrundet, z.B. Heisa (Häuser), heit (heute), Leit (Leute), Freid (Freude).

Ein anderes phonetisches Merkmal, das man bei der jungen Generation nicht mehr hören kann und das somit verlorenzugehen scheint, ist die Verwendung eines langen a anstelle der Diphthonge au und ei, z.B. Baam (Baum), Saafn (Seife), klaan (klein).

Auch die Endung –en wird von der jungen Generation immer seltener zu einem Murmellaut abgeschwächt, z.B. ihna (ihnen), komma (kommen), Lehrerinna (Lehrerinnen).

Noch deutlicher spiegeln sich die generationsbedingten Unterschiede im morphologischen Bereich wider. Bei der mittleren Generation kann man bemerken, daß sie einige morphologischen Besonderheiten nicht mehr so konsequent wie die ältere Generation verwendet. Ein bestimmtes morphologisches Merkmal kann von ihr nur in einigen Fällen gebraucht werden, bei anderen Wörtern hingegen verwendet sie schon die standardsprachliche Form.

Diese Tendenz ist bei der jungen Generation noch deutlicher ersichtlich. Es haben sich bei ihr nur noch einige morphologische Merkmale der Alt-Temeswarer Stadtsprache erhalten. Die folgenden Beispiele sollen diese Tatsache illustrieren.

Feminine Substantive verlieren in der Temeswarer Umgangssprache die Endung -e, z.B. Ratz, Katz, Schul, Wäsch, Scher. Manche Substantive erhalten zusätzlich ein -n, wie Deckn, Kerzn, Lindn, Straßn[4]. Die jüngeren Generationen verwenden diese Substantive auch schon mit auslautendem -e, wie in der Standardsprache. Dabei herrscht aber Regellosigkeit, denn ein Sprecher kann sowohl Affe, Katze, Geige, Nase, als auch Ratz, Scher, Seitn und Kerzn sagen[5].

Die ältere Generation bildet den Plural meistens ohne die standardsprachliche Endung –e. Bei der jungen Generation kann man aber bemerken, daß sie den Plural dieser Substantive teilweise mit -e bildet. Es heißt bei ihr Tänze, Fische, Zähne, Haare, Säcke, aber auch Hund, Gäst, Bänk, Gäns[6]. Substantive, die auf  -l enden, erhalten in Temeswar im Plural die Endung -n[7], z.B. Schlissln, Spiegln, Stiefln, Katzln, Gänsln. Die jüngeren Generationen aber bilden den Plural dieser Substantive wie in der Standardsprache, ohne diese Endung.

Ein typisches morphologisches Merkmal der Temeswarer Stadtsprache ist die abweichende Pluralbildung mancher Substantive mit der Endung -a, die eigentlich die vokalisierte Endung -er ist[8]. Diese Pluralform wird aber heutzutage in Temeswar nur noch von der älteren Generation gebraucht, z.B. Beicha, Ästa, Beima, Steina, Betta, Hemda, Pferda. Die jüngeren Generationen verwenden für diese Substantive folgende Pluralformen: Beich, Äst, Bäum, Stein oder Steine, Bettn, Hemdn, Pferd oder Pferde.

Auch bei der Diminutivbildung kann man in Temeswar generationsbedingte Unterschiede bemerken. Die ältere Generation bildet den Diminutiv der Substantive meistens mit der Endung -l, z.B. Kastl, Radl, Glasl, Katzl, oder sie gebraucht bei Substantiven, bei denen die Diminutivform mit -l nicht üblich ist, die analytische Verkleinerungsform mit dem Adjektiv klein: kleina Vogl, kleina Stuhl, kleina Ball, kleine Maua, kleina Baum. Die jüngeren Generationen dagegen verwenden meistens schon das standardsprachliche Diminutiv-suffix –chen: Vöglchen, Stühlchen, Bällchen, Kätzchen, Gläschen[9].

Beim Adjektiv treten sowohl in der Deklination, als auch in der Komparation generationsbedingte Unterschiede auf. Den Dativ Feminin Singular der schwachen Deklination bildet die ältere Generation ohne die standardsprachliche Endung -n. Das Adjektiv behält dieselbe Endung -e wie im Nominativ. Die Kasusdifferenzierung geschieht dabei durch die Artikelmarkierung, z.B. Ich gib ta kleine Katz a Knochn. (Ich gebe der kleinen Katze einen Knochen.). Die jüngeren Generationen hingegen verwenden schon die standardsprachliche Endung -n: ta kleinen Katz[10].

Bei den Adjektiven, die die Komparationsformen mit Umlaut bilden, schwankt man in Temeswar zwischen zwei Formen, mit und ohne Umlaut. Bei den jüngeren Generationen kann man aber die Tendenz bemerken, diese Komparationsformen eher mit Umlaut zu bilden[11].

z.B. warm – wärma/warma – am wärmsten/warmsten

 schmal – schmäla/schmala – am schmälsten/schmalsten

 hart – härta/harta – am härtsten/hart-sten

Auch das Pronomen weist in Temeswar generationsunterschiedliche Formen auf. Die ältere Generation verwendet für die 2. Person Plural Genitiv, Dativ und Akkusativ des Personalpronomens die Formen mit ei: eicha, eira oder eia im Genitiv und eich im Dativ und Akkusativ, die Formen mit eu werden nur von den jüngeren Generationen gebraucht: eua im Genitiv und euch im Dativ und Akkusativ. Die 3. Person Plural Dativ des Personalpronomens lautet bei der älteren Generation ihna, die junge Generation verwendet schon die standardsprachliche Endung und sagt ihnen[12]. Für die 3. Person Singular Maskulin wird in Temeswar von der älteren Generation und meistens auch von der mittleren Generation statt der Akkusativform ihn die Dativform ihm verwendet, z.B. Ich hab ihm gsehen. (Ich habe ihn gesehen.) Die junge Generation verwendet aber die Akkusativform ihn unregelmäßig, denn sie gebraucht auch die Dativform ihm[13]. Aber auch in diesem Fall kann man schon die Tendenz bemerken, sich der Standardsprache anzugleichen.

 

Die Alt-Temeswarer Form ees der 2. Person Plural des Personalpronomens tritt auch als enklitische Endung bei der konjugierten Verbform des Präsens Indikativ und Imperativ auf[14], z.B. ihr machts, habts, kommts. Man kann aber bemerken, daß die jüngeren Generationen diese Endung nicht mehr regelmäßig verwenden. Diese Verbform erscheint auch in allen Fragesätzen, wobei aber das Pronomen wegfällt[15], z.B. Was wollts? Wohin gehts? Was machts? Wann kommts? Die mittlere Generation, im Unterschied zur älteren, verwendet aber mittlerweile das enklitische -s in Fragesätzen unregelmäßig. Ein Sprecher dieser Generation kann sagen: Was machts?, aber auch Wann kommt ihr? Bei der jungen Generation ist es noch deutlicher ersichtlich, daß diese Besonderheit der Temeswarer Stadtsprache verlorenzugehen scheint, denn sie verwendet das enklitische -s meistens nicht mehr[16].

Ein anderes typisches Merkmal für die Temeswarer Stadtsprache ist der Verlust der Endungen des Possessivpronomens in adnominalem Gebrauch. Das hat zur Folge, daß die Possessivpronomen meistens keine genusdifferenzierende Form in Bezug zum besitztumanzeigenden Substantiv aufweisen. Auch wird meistens kein Unterschied hinsichtlich des Kasus gemacht.

 

Bei der älteren und meistens auch noch bei der mittleren Generation sind z.B. die Formen des Possessivpronomens der 1. und 2. Person Singular, sowie der 3. Person Maskulin Singular für alle Kasus und Genera gleichlautend: mei, tei und sei[17].

z.B. Mei Buch is ta. (Mein Buch ist hier.)

 Hast tu mei Onkl gsegn? (Hast du meinen Onkel gesehen?)

 Hast tu mei Bleistifte gsegn? (Hast du meine Bleistifte gesehen?)

Die junge Generation hingegen verwendet auch schon die standardsprachlichen Formen:

z.B. Er gibt seinem Hund zu fressn.

 Hast tu teina Freindin schon gschriebm?

 Teine Briefe hab ich aufn Tisch glegt.

Ein anderes morphologisches Merkmal der Temeswarer Umgangssprache, das bei den jüngeren Generationen verlorenzugehen scheint, ist die Begleitung von Relativpronomen in Nebensätzen durch ein was oder ein wo[18]:

z.B. Ter wo neba mei Vatta steht, is sei Freind.

 (Der neben meinem Vater steht, ist sein Freund.)

 Tes Gschenk, tes was ich von tir krigt hab, hat mich sehr ibarascht.

 (Das Geschenk, das ich von dir bekommen habe, hat mich sehr überrascht.)

Die meisten Indefinitpronomen werden in Temeswar von der älteren Generation nicht wie in der Standardsprache gebraucht[19]. Für etwas, z.B., verwendet sie die Abkürzung was, z.B. Er hat was gebracht. Die jüngeren Generationen verwenden dagegen mittlerweile schon die standardsprachliche Form etwas. Dasselbe kann man auch beim Indefinitpronomen irgendeiner bemerken, das in dieser Form nur von der jungen Generation gebraucht wird. Die ältere Generation, aber auch noch die mittlere, verwenden dafür in adnominalem Gebrauch irgendjemand oder irgendwer, in adnominalem Gebrauch irgend a:

z.B. Irgendwer hat tes gsagt.

 Irgend a Frau hat tich gsegn.

A bissl wird in Temeswar für ein bißchen oder ein wenig verwendet. Diese beiden Indefinitpronomen werden in ihrer standardsprachlichen Form nur von der jungen Generation gebraucht. Die ältere Generation sagt z.B. Tes is a bissl viel valangt. (Das ist ein bißchen viel verlangt.)

 

An Stelle des Indefinitpronomens welch wird von der älteren Generation gewöhnlich ein Substantiv gesetzt, z.B. Gestan is er schon mit Blumen kommen und jetzt kommt er wieda mit Blumen. (Gestern ist er schon mit Blumen gekommen und jetzt kommt er wieder mit welchen.). Die jüngeren Generationen verwenden dagegen auch schon welch: Sie hat ka Äpfl mehr ghabt, tarum hat sie welche kaufn müssn.

 

Auch in der Konjugation des Verbs kann man in Temeswar generationsbedingte Unterschiede bemerken.

In der Konjugation mancher Verben findet der grammatische Wechsel g-h nicht statt (ebd., S. 57). Deshalb konjugiert die ältere Generation die Verben sehen und ziehen folgendermaßen:

ich sig, tu sigst, er sigt, mir segn, ihr sigts, sie segn

ich zig, tu zigst, er zigt, mir ziegn, ihr zigts, sie ziegn

Die jüngeren Generationen hingegen verwenden auch schon die standardsprachlichen oder ähnliche Formen. Im Unterschied zur älteren Generation werden diese Verben von der mittleren Generation unregelmäßig konjugiert. Ein Sprecher dieser Generation sagt z.B. tu zigst, mir ziegn, ihr zigts, ich sig, tu sigst, aber auch schon ich zieh, ihr seht. Bei der jungen Generation ist die Tendenz, sich der Standardsprache anzupassen, noch deutlicher ersichtlich. Ein Sprecher dieser Generation sagt auch schon ich seh, tu siehst, ihr seht, ich zieh, mir ziehn und ihr zieht.

Die Tonerhöhung in der 2. und 3. Person Singular Präsens Indikativ und in der 2. Person Singular Imperativ der starken Verben bleibt in Temeswar bei den meisten Verben aus[20].

z.B. ich ess – tu esst – er esst – ess!

 ich nehm – tu nehmst – er nehmt – nehm!

 ich les – tu lest – er lest – les!

Die jüngeren Generationen verwenden gelegentlich auch die standardsprachlichen Formen, z.B. tu nimmst, tu hilfst, daneben aber auch er helft, tu lest, er lest.

Verben, deren Stammsilbe auf  -d oder –t auslautet, verlieren in der Temeswarer Umgangssprache in der 3. Person Singular und 2. Person Plural Präsens Indikativ, sowie in der 2. Person Plural Imperativ die Endung –et[21], z.B. er red – ihr reds – reds!, er arbeit – ihr arbeits – arbeits! Die jüngeren Generationen aber verwenden schon vereinzelt standard-sprachliche Formen, z.B. ihr ladet ein, er arbeitet, aber auch er lad ein, er red, ihr arbeits.

Die ältere Generation verwendet bei manchen Verben andere Perfektpartizipformen als die junge Generation, z.B. gegiesst (neben gegossn), gloffn (gelaufen), gekennt (gekannt), grennt (gerannt), gebrennt (gebrannt), gnennt (genannt), gwunschn (gewünscht)[22].

z.B. Sie is schnella gloffn.

 (Sie ist schneller gelaufen.)

 Sie habm ihm alles Gute zum Geburtstag gwunschn.

 (Sie haben ihm alles Gute zum Geburtstag gewünscht.)

Auch was den Gebrauch der Adverbien betrifft, kann man bei den jüngeren Generationen die Tendenz bemerken, sich immer mehr der Standardsprache anzupassen.

Für die Lokaladverbien aufwärts und abwärts verwendet die ältere Generation die Formen: nauf, rauf oder raufzus und runta (ebd., S. 68), z.B. Ta Weg fiert rauf. (Der Weg führt aufwärts.). Obwohl die jüngeren Generationen diese Formen auch noch verwenden, gebrauchen sie auch schon gelegentlich die standard-sprachlichen Formen.

Die Temporaladverbien frühestens und spätestens werden nur von der jungen Generation gebraucht, sonst verwendet man in Temeswar die Formen nit friha als oder am frihesten und nit späta als oder am spätesten (ebd., S. 71), z.B. Sie kommt nit friha als acht Uhr. (Sie kommt frühestens um acht Uhr.)

 

Zu den Modaladverbien, die in der Temeswarer Umgangssprache nur von der jungen Generation gebraucht werden, gehören ausgerechnet, gewiß und teilweise (ebd., S. 72).

Die ältere Generation sagt stattdessen:

Grad ihm hat tes passiern missn.

(Ausgerechnet ihm mußte das passieren.)

Tu hast bestimmt recht.

(Du hast gewiß recht.)

Ti Arbeit is ihm zum Teil glungen.

(Die Arbeit ist ihm teilweise gelungen.)

Die Pronominaladverbien mit wo werden in Temeswar nur von der jungen Generation benützt (ebd., S. 73). Die ältere Generation verwendet dafür die entsprechende Präposition, verbunden mit dem Pronomen was.

 z.B. Vor was hast Angst? (Wovor hast du Angst?)

 Fir was brauchst tes? (Wofür brauchst du das?)

Die ältere Generation gebraucht auch nicht alle standardsprachlichen Präpositionen (ebd., S. 76). Für samt und mitsamt verwendet sie mit oder zusammen mit.

z.B. Sie sein mitm Hund in ten Urlaub gfahrn.

(Sie sind mitsamt dem Hund in den Urlaub gefahren.)

Tes Haus is zusammen mitm ganzn Inventar vakauft wordn.

(Das Haus mitsamt allem Inventar wurde verkauft.)

Die junge Generation aber benützt inzwischen schon die Präposition samt, z.B. Tes Haus is samt tem ganzn Inventar vakauft wordn.

 

Auch die Präposition gegenüber wird in Temeswar nur von der jungen Generation gebraucht. Die ältere und mittlere Generation benützt dafür wisawi oder auf ta anderen Seitn.

z.B. Wisawi/auf ta anderen Seitn vom Haus is a Gschäft.

 (Gegenüber dem Haus ist ein Geschäft.)

Die Präpositionen, die sowohl den Dativ, als auch den Akkusativ regieren, werden von der älteren Generation nur mit dem Dativ gebraucht. Bei den jüngeren Generationen hingegen wird schon die Kasusdifferenzierung vorgenommen (ebd., S. 76f).

Die ältere Generation verwendet sowohl für auf dem, als auch für auf den, die zusammengezogene Form am:

Tes Buch hat am Tisch glegn. (Das Buch lag auf dem Tisch.)

Er hat tes Buch am Tisch glegt. (Er legte das Buch auf den Tisch.)

Die meisten Präpositionen, die den Genitiv regieren, werden in Temeswar gar nicht gebraucht, da dieser Kasus umschrieben wird (ebd., S. 77f). Die Präpositionen statt und während werden entweder mit dem Dativ benützt oder man gebraucht andere Präpositionen dafür. Nur die junge Generation verwendet gelegentlich den Genitiv.

z.B. Statt tem/anstelle vom erwarteten Gschenk hat sie nur Blumen krigt.

(Statt des erwarteten Geschenkes bekam sie bloß Blumen.)

Während tem/im Sommer war sie nit ta.

(Während des Sommers war sie nicht da.)

Die Präposition anläßlich wird in Temeswar nur von der jungen Generation gebraucht, aber auch diese verwendet sie nicht mit dem Genitiv, sondern mit dem Dativ. Die ältere Generation benützt statt ihr die Präposition zu:

Zu sei Geburtstag hat er a Gschenk krigt.

(Anläßlich des Geburtstages bekam er ein Geschenk.)

Genauso wie die Präpositionen, werden auch einige Konjunktionen in Temeswar nur von den jüngeren Generationen benützt.

 

Die koordinierenden kopulativen Konjunktionen sowie, sowohl...als auch und weder...noch sind in der Temeswarer Umgangssprache nur bei der jungen Generation bekannt, welche sie auch gelegentlich verwendet (ebd., S. 79). Die ältere Generation gebraucht dafür die Konjunktionen und, und auch, nit...und nit:

Ti Eltan und ti Kinda fahrn in Urlaub.

(Die Eltern sowie die Kinder fahren in Urlaub.)

Sie sprecht Englisch und (auch) Französisch.

(Sie spricht sowohl Englisch als auch Französisch.)

Er is nit scheen und nit intelligent.

(Er ist weder schön noch intelligent.)

Auch die koordinierende kausale Konjunktion denn wird nur von der jungen Generation benützt (ebd., S. 79f). Die ältere Generation gebraucht an Stelle von ihr die subordinierende Konjunktion weil als koordinierende Konjunktion:

Mir sein ins Haus gangen, weil es war traußn sehr kalt wordn.

(Wir gingen ins Haus, denn es war draußen sehr kühl geworden.)

All diese Beispiele beweisen, daß man in Temeswar von einer generationsdifferenzierten Umgangssprache sprechen kann und daß die junge Generation heutzutage in Temeswar eine Umgangssprache gebraucht, die sich immer mehr der Standardsprache nähert. Auch sind diese generationsspezifischen Unterschiede ein Beweis dafür, daß sich die Temeswarer Umgangssprache in den letzten Jahrzehnten verändert hat und daß die Alt-Temeswarer Stadtsprache von immer weniger Menschen gesprochen wird.

 

Literatur:

1.        Dittrich, Karin: Zur Morphologie der deutschen Stadtsprache in Temeswar. 2000 (Diplomarbeit).

2.        Fink, Hans: Besonderheiten der Temeswarer deutschen Umgangssprache. 1965 (Diplomarbeit).

3.        Gãdeanu, Sorin: Sprache auf der Suche. Zur Identitätsfrage des Deutschen in Rumänien am Beispiel der Temeswarer Stadtsprache. Roderer Verlag, Regensburg 1998.

4.        Gehl, Hans: Deutsche Stadtsprachen in Provinzstädten Südosteuropas. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1997 (ZDL Beihefte 15).

5.        Hollinger, Rudolf: Das Stadtdeutsch von Temeswar. in drei Teilen In: Neue Banater Zeitung, Nr. 2293, 2.04.1970; Nr. 2294, 3.04.1970; Nr. 2295, 4.04.1970.

6.        Hollinger, Rudolf: Temeswar und sein Deutsch. In: Banatica. Beiträge zur deutschen Kultur, Heft 4, 6. Jahrgang, Freiburg 1989, S. 24 – 31.

7.        Hollinger, Rudolf: Die deutsche Umgangssprache von Alt-Temeswar. In: Germanistische Linguistik in Rumänien 1958 – 1983. Eine Textauswahl. Kriterion Verlag, Bukarest 1993, S. 242 – 250, aus: Omagiu Iorgu Iordan, Bukarest 1958, S. 381 – 387.

8.        Wolf, Johann: Banater deutsche Mundartenkunde. Kriterion Verlag, Bukarest 1987.


 

 

[1] Vgl. Gãdeanu (1998), S. 133.

[2] Vgl. Gehl (1997), S. 16f.

[3] S. Gãdeanu (1998), S. 163.

[4] Vgl. Wolf (1987), S. 124; Fink (1965), S. 34f.; Hollinger (1970), 3. Teil; Gehl (1997), S. 38f.

[5] S. Dittrich (2000), S. 20.

[6] Ebd., S. 24.

[7] S. Gãdeanu (1998), S. 183f.

[8] Vgl. Wolf (1987), S. 124; Gehl (1997), S. 39; Hollinger (1970), 3. Teil; Hollinger (1989), S. 28.

[9] Vgl. Dittrich (2000), S. 27f.

[10] Ebd., S. 36.

[11] Ebd., S. 38f.

[12] Ebd., S. 40.

[13] Vgl. Gehl (1997), S. 40; Wolf (1987), S. 123; Hollinger (1989), S. 28; Dittrich (2000), S. 42.

[14] Vgl. Gehl (1997), S. 40; Wolf (1987), S. 123; Hollinger (1989), S. 28; Hollinger (1958), S. 249.

[15] S. Gãdeanu (1998), S. 189.

[16] S. Dittrich (2000), S. 41f.

[17] Ebd., S. 43.

[18] Vgl. Gãdeanu (1998), S. 187; Dittrich (2000), S. 47f.

[19] Vgl. Dittrich (2000), S. 49ff.

[20] Vgl. Fink (1965), S. 37f.; Gehl (1997), S. 41; Gãdeanu (1998), S. 190f.; Hollinger (1989), S. 28f.; Dittrich (2000), S. 58.

[21] Vgl. Fink (1965), S. 38; Gehl (1997), S. 41; Gãdeanu (1998), S. 191; Dittrich (2000), S. 59.

[22] S. Dittrich (2000), S. 66f.

 

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