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Gesellschaft der Germanisten Rumäniens (GGR) - www.ggr.ro

Zeitschrift der Germanisten Rumäniens, Jg. 9, Heft 17-18 / 2000, S. 377-401

 

 

"Wortreiche Landschaft"

 - wissenschaftliche Tagung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen,

Stuttgart, 18.-20.Oktober 2000

 Übersetzen als Brückenschlagen.

Vielvölkerland Bukowina und seine Mehrsprachigkeit

George Guþu

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In den folgenden Überlegungen soll in groben Zügen der - durch spätere, vertiefendere Untersuchungen und Forschungen zu ergänzende - Versuch unternommen werden, am konkreten Beispiel eines von der Bevölkerungszusammensetzung her heterogenen, historisch widersprüchlich geprägten und dokumentarisch bestimmbaren Gesellschaftsgebildes einige Teilmechanismen in ihrer genetischen Prozeßhaftigkeit, in ihrer ideen- und geistesgeschichtlichen, ja letzten Endes in ihrer mentalitätsgeschichtlichen Bedingtheit und Wirkung aufzuzeigen.[1] Das anvisierte Gesellschaftsgebilde, das auch im Ergebnis nachstehender Betrachtungen eventuell und bedingt gar als (allerdings bloß virtuelles) multinationales und mehrsprachiges Gesellschafts- und Kulturmuster mit all seinen Vor- und Nachteilen erkannt werden könnte, ist jene der in letzter Zeit - ganz intensiv seit Paul Celans berühmter Meridian-Rede -  so stark in den Vordergrund des Interesses gerückten, metaphorisch als "versunken" betrachteten geistigen und Kulturlandschaft einer Entität, die als solche bereits der "Geschichtslosigkeit anheimgefallen"[2] ist und in die Geschichte unter dem Begriff eines eher politischen Artefakts als der eigentlichen Region[3], genannt Bukowina - zu Deutsch Buchenland, eingegangen ist.

Ausgehend von den bisher umfang- und kenntnisreichsten Abhandlungen und Darstellungen dieses europäischen Teilgebietes, die Forschern wie Teophil Bendella, Dimitrie Onciul, Raimund Friedrich Kaindl, Erich Beck, Franz Lang, Johannes Hampel und Ortfried Kotzian, Ion Nistor, Emanuel Turczynski oder Mihai Iacobescu zu verdanken sind[4], reicht die Palette der in diesen Schriften erkennbaren Diskurse grundsätzlich von der traditionellen Geschichtsschreibung bis zur landeskundlichen oder sozial- und kulturgeschichtlichen Darstellung. Dabei wird jeweils versucht, geschichtliche sowie sozial-politische Momente in ihrer Faktizität und Progressivität festzuhalten, sie auf Konsequenzen, auf Vorzüge und Defizite hin zu untersuchen, komplexe Mechanismen sichtbar zu machen und sie nicht selten mit Blick auf die gegenwärtige Lage dieser Region sowie auf die darin enthaltenen virtuellen theoretischen Impulse künftiger regionaler sowie europaweiter Entwicklungen auszulegen.  Denn "im Grunde (genommen) versucht die Geschichtsforschung die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft logisch miteinander zu verbinden" - wie Radu Grigorovici unter Berufung auf Dimitrie Onciul behauptet.[5] Wo jedoch die Logik aufhört, setzt berechtigtes Staunen ein. Angesichts der Grußbotschaft Otto von Habsburgs, immerhin eines Mitglieds des Europaparlamentes, an Rudolf Wagner aus Anlaß seines 80. Geburtstages, in der die zu erwartende "Befreiung" der Bukowina Erwähnung fand, warnte der rumänische Physiker, Akademiemitglied und ausgezeichneter Bukowina-Kenner Radu Grigorovici eindringlich vor sterilen Illusionen und anachronistischen Nostalgien:

Während die ehrlichen alten Österreicher, Ukrainer und Rumänen ihre entgegengesetzten Meinungen mehr oder weniger offen äußern und in schriftlichen oder mündlichen Streit treten, bedienen sich die Epigonen der ersteren einer gefährlichen Schutzwand: Scheinbar stehen sie im Dienste der Integration der osteuropäischen Staaten und der gegenseitigen Verständigung ihrer Völker, doch verschreiben sie ein bloß oberflächlich wirksames Rezept, jenes der multinationalen deutsch-österreichischen Habsburgermonarchie. Doch die E(uropäische) U(nion) müßte einer neuen Zukunft entgegensehen und sich davor hüten, für das Model einer bankrotten Vergangenheit einzutreten.[6]

Heterogen und kompliziert wie der geschichtlich-geistige Werdegang dieses Gebietes sind auch die sich darauf beziehenden Untersuchungen, wobei deutlich unterschiedliche, weil meist zum Großteil teleologisch angelegte Standpunkte erkennbar werden, die von unterschiedlichen, von der Geschichte her mehr oder weniger oder gar überhaupt nicht legitimierten Interessen abhängig sind. Auch in ihrer zeitlichen Entstehung weisen sie unverkennbar leitmotivische Merkmale sei es der Volkszugehörigkeit des Verfassers, sei es der jeweiligen machtpolitischen Konstellation einer Epoche auf. Versuche ahistorischer Kulturalisation oder gar nationalistischer oder geopolitischer Vorherrschaftsansprüche gehen in manchen Betrachtungen - ob bewußt oder unbewußt - einher, sei es mit Mythisierungsbestrebungen, sei es mit Mystifizierungen, Auslassungen, nicht selten auch mit der Verdrehung von geschichtlich unabweisbarem faktischem Material.

Mihai Iacobescu aus Suceava führt im ersten Band seiner dokumentarisch festen Untersuchung Din istoria Bucovinei (Aus der Geschichte der Bukowina) die verschiedenen Strömungen in der Bukowina-Forschung an, die Geschichtsschreibung im Sinne eigener Interessen betreiben. Mit der geschichtlichen Faktizität können jedoch nicht alle korrelieren. Das Beste sei, die Sprache der Dokumente und der geschichtlichen Fakten zu vernehmen.[7] Dennoch muß auch er gestehen, selber unter einem bestimmten Zwang gestanden zu sein: seine Untersuchung drücke "auch den Geist der Vorgänger" aus;

sie konnte sich nicht gegen den natürlichen Verlauf der Geschichte richten; sie konnte nicht bedenkenlos all das loben, was durch Gewalt, Tränen, durch Unterwerfung und Ausbeutung errichtet wurde, also durch all das, was die Geschichte selbst verurteilt hat.[8]

In jüngster Zeit macht sich immer mehr der Trend bemerkbar, im Zuge des Kompensationsgesetzes jene Aspekte bevorzugt und recht eingegrenzt, d.h. weitgehend isoliert zu untersuchen und hervorzuheben, die bislang aufgrund historisch-machtpolitischer sowie ideologischer Konjunkturen meist ins Abseits gedrängt oder gar verschwiegen worden waren. Diese Aspekte werden nun, verstärkt und programmatisch jedoch nach 1990 - zum Teil, aber auch nur zum Teil verständlicherweise - hypertrophiert, ins Absolute und Selbstgenügende transferiert. So etwa im Hinblick auf die Rolle und Bedeutung des deutschsprachigen Schrifttums der genannten Region Bukowina, die fast ausnahmslos weitgehnd losgelöst von dem es umgebenden, zutiefst bestimmenden, sich in vielerlei Hinsicht interferierenden Umfeld ethnischer oder geistig-kultureller Provenienz. Denn selbst einer doch recht ausführlichen, vielleicht informativsten Bukowina-Untersuchung wie jener von Emanuel Turczynski wurde eine derartige Eingrenzung vorgehalten: Nach Ansicht von Erich Beck erfasse diese nicht das ganze gesellschaftliche Spektrum der Region, sondern beschränke sich nur auf die gehobene, gebildete Schicht der bukowinischen Bevölkerung und vermittle dadurch kein global aussagekräftiges Bild davon. Beck meint konkret und völlig richtig, daß

zur Toleranz einer Bevölkerung untereinander … nicht nur das Bildungsbürgertum, das faßbare Spuren hinterließ, sondern eben auch der andere Teil des Volkes, aus dem sich sehr oft dieses Bildungsbürgertum rekrutiert, /gehöre/ [9].

Denn selbst im Jahre 1900 wurde durch Vladimir Trebici dokumentarisch festgestellt, daß nur 22% der einheimischen Bevölkerung der Bukowina Deutsch als Umgangs- oder Verkehrssprache benutzten, was Schwierigkeiten im Umgang der Behörden mit dieser des Deutschen unkundigen Bevölkerung nach sich zog.[10] Außerdem wies Radu Grigorovici auf die deutliche "Unterschätzung der Kulturgeschichte der Rumänen"[11] in der Untersuchung von Turczynski hin. Wir müssen dem hinzufügen, daß der Verfasser dieser Untersuchung einerseits den europäischen Geist und die geschichtliche Harmonie in der Bukowina hervorhebt, will jedoch Forscher, die eine andere Meinung vertreten, am liebsten aus der Diskussion ausschalten, indem er sie ohne jegliche Berechtigung dazu "alter nationalistischer Klischees" bezichtigt und "Angst und Minderwertigkeitskomplexe"[12] vorwirft.  

Im Sinne einer möglichst differenzierteren und plurisichtigen Herangehensweise an den Gegenstand traten die Jassyer Germanisten noch 1990 ein, als die ideologischen Bevormundungen entfielen, als die echte Chance bestand, an die Bukowiner Problematik unvoreingenommen und möglichst nationalindifferent heranzugehen. Auf diese Chance wies Andrei Corbea mit den Worten hin:

Über die deutschsprachige Kultur der Bukowina zu sprechen stellt nunmehr kein Wagnis mehr dar, das unzähliger Vorsichtsmaßnahmen innen- und außenpolitischer Natur abverlangt; verschiedene Standpunkte, auch gegensätzliche, sind uns willkommen…

Er betonte die Bemühungen der Jassyer Germanistik um "das geistige Erbe deutscher Sprache", "das aufgearbeitet und -gewertet werden will, ungeachtet oder gar trotz der gegenwärtigen (in der rum. Fassung: "vremelnice", d.h. zeitweiligen; G.G.) Grenzen, die das Territorium der Bukowina heute zerteilen", und äußerte den

Glauben an die kulturelle Einheit des gesamten Europas ..., an die Reife einer Solidaritätsgemeinschaft des BUCHES, die die alten isolationistischen und nationalistischen Vorurteile zu verdrängen imstande ist, um dem großzügigen Vorhaben der Verschmelzung unseres Kontinents zu einer einzigen pluralistischen Entität Platz zu machen.[13]

Ein begrüßenswerter Ansatz, der inzwischen auch mehrere Früchte der Zusammenarbeit rumänischer und ausländischer Mitarbeiter zeitigte. Es ist allerdings auch hier zu wünschen, daß die deutschsprachige Kultur nicht nur aufgrund ihrer österreichisch-habsburgischen langfristig-machtpolitischen, alten oder neuen Intentionen aufgearbeitet wird, sondern verstärkt eben jene interethnischen, interkulturellen, also auch zwischensprachlich geprägten Mentalitätsmechanismen beleuchtet werden, die eine weitgehend friedliche Zusammenarbeit trotz nationaler Gegensätze, trotz einzelethnisch nicht immer willkommen zu heißender Maßnahmen der zentralen Wiener Behörden möglich machten. Sonst bestünde langfristig die Gefahr, theoretisch zwar gegensätzliche Standpunkte gutzuheißen, andererseits konjunkturbedingt sie als nationalistisch abzutun. Was an und für sich äußerst einfach geschehen könnte, jedoch an den geschichtlichen Urkonstellationen nicht das Geringste zu ändern vermöge.

Im Sinne dieser Überlegungen entfaltete sich die Erforschung der Bukowina-Problematik vor allem nach der Wende: Die drei bestehenden Bukowina-Institute in Augsburg (1988), Czernowitz (1992) und Rãdãuþi (1992) sind sich darin einig, ihre Bemühungen auf die "Herausarbeitung des spezifischen Charakters der multiethnischen und multikonfessionellen europäischen Region Bukowina" zu richten - wie Ortfried Kotzian, der Leiter des Augsburger Bukowina-Instituts, 1997 vor der Rumänischen Akademie bekundete. Die Tagung der Rumänischen Akademie im Jahre 1997 selbst habe gezeigt, meinte derselbe,

daß die Zusammenarbeit zwischen rumänischen, ukrainischen und deutschen Wissenschaftlern nicht nur möglich, sondern dringend notwendig ist.

Dabei führte er programmatisch die wichtigsten Aufgaben der gegenwärtigen Bukowina-Forschung an, wobei den gegenseitigen Begegnungen, dem Informationsaustausch und den konzertierten Forschungen größte Bedeutung beigemessen werden soll.[14]

Ungeachtet solcher Bemühungen erscheinen auch Untersuchungen, die -  zumindest in ihren Ansätzen -  wenig davon halten. Unter Berufung allein auf die "positiven Aspekte der habsbürgischen Verwaltung … ohne deren (auch) negativen Folgen" zu erwähnen, versucht man oft,

die objektive Wirklichkeit der Vergangenheit subjektiv zu rekonstruieren, den wissenschaftlichen Charakter der Geschichte zu annullieren und unsere gegenwärtigen Wunschvorstellungen und Zukunftssehnsüchte in die Vergangenheit zurückzuprojizieren.[15]

Dabei kommt es immer öfter vor, daß  einseitige, isolationistisch angelegte Untersuchungen verfaßt werden. Das krasseste Beispiel eines limitierten, weil eng eingebeteten, Bildes bukowinischer geistiger Wirklichkeit liefert Hartmut Merkt mit seinem Beitrag Poesie in der Isolation. Deutschsprachige jüdische Dichter in Enklave und Exil am Beispiel von Bukowiner Autoren seit dem 19. Jahrhundert. Zu Gedichten von Rose Ausländer, Paul Celan und Immanuel Weißglas[16]: in dieser unübersehbar thesenhaft angelegten Abhandlung, die sich in großem Maße auf Ergebnissen anderer Untersuchungen (vor allem Kurt Reins) stützt, werden zum Teil Äußerungen gemacht, die die isolationalistische Betrachtungsweise geradezu larmoyant erscheinen läßt, wenn es beispielsweise beihnahe leitmotivisch heißt, daß die jüdischen Bewohner der Bukowina im Zuge der unheilvollen geschichtlichen Entwicklungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts "politisch und sozial zu Fremden in der eigenen geographischen wie auch kulturellen Heimat" geworden seien, "die täglich von Ausweisung und Verlust ihrer Lebensgrundlagen bedroht waren."[17] Dabei ist erstens festzustellen, daß eine solche Behauptung den Schlußfolgerungen anderer Bukowina-Forscher geradezu widerspricht, die in bezug auf dieselbe Zeitspanne von einer doch weitgehenden "politischen und philosophischen Toleranz"[18] in Rumänien der 30er und 40er Jahre sprachen. Zweitens mögen schon viele Teilaspekte stimmen -  gemeint sind unbestreitbare, allgemein anerkannte und bis ins Detail dargestellte unheilvolle Entwicklungen, antisemitische Tendenzen und Bewegungen, Schmerz und sogar Tod. Darüber herrscht im allgemeinen völlige Klarheit und Einigkeit in der Verurteilung dieser Ereignisse, so daß wir an dieser Stelle nicht mehr darauf einzugehen brauchen.

Die Frage, die sich angesichts solcher pauschalen Äußerungen wie jener von Merkt jedoch unaufhaltsam aufdrängt, könnte berechtigterweise lauten: War dieses Gebiet die "eigene" Heimat etwa allein der dortigen jüdischen Bevölkerung, von denen allein in seinem Buch die Rede ist? Hat es in dieser Gegend nicht etwa auch ruthenische, rumänische und andere Völkerschaften gegeben, die hier ihre Heimat gefunden hatten und im Laufe der Geschichte nicht nur glückliche Momente erleben durften, sondern auch Leid und Tod auf sich ergehen lassen mußten? Hatten nicht auch Millionen von Angehörigen dieser Völkerschaften vor allem im Zuge der Kolonisierungen durch die starken, radikalen, oft nur scheinbar Rücksicht nehmenden, klare eigenpolitische Ziele verfolgenden Austriazisierungs- bzw. Germanisierungsbestrebungen[19] in der Zeit zwischen 1774 und 1918 nicht auch ihre "eigene" soziale, politische und kulturelle Heimat weitestgehend verloren? Merkt selbst spricht ­ in einem anderen Aufsatz -  wahrheitsgemäß von der "ursprünglich rumänische(n), zeitweise auch polnische(n) und russische(n) Bukowina"[20].  Wie beiläufig werden manchmal in Beiträgen anderer Forscher -  in historischer Rückschau -  geradezu erschütternde, zum Nachdenken anregende Äußerungen gemacht wie etwa:

Mit der vollzogenen Haskala war der Weg geebnet für jenen zivilisatorischen Prozeß, der die übrigen Nationalitäten aus dem öffentlichen Leben von Czernowitz abdrängen sollte. Ein freigesetzter Unternehmergeist verlagerte sich vom Ham, der ehemaligen Wasserstelle, um die sich das selbstgewählte Judenviertel gruppiert, ins Zentrum zum Ringplatz, wo die christlichen, zumeist polnischen Firmen der ihnen erwachsenen Konkurrenz nicht mehr standhielten. Traditionelle Berufszweige wie das Geldgeschäft und der Kleinhandel erweiterten sich; fast die gesamte Export- und Konsumgüterindustrie ging bis zur Jahrhundertwende in jüdische Hand über.[21]

So Heinrich Stiehler in einem sachlich feststellenden Ton. Was das Ziel der Assimmilationsbestrebungen und der Austriazisierung war? Ein österreichisches:

Die Wiener Regierung war in diesem bislang rückständigsten (!) Teil der Donaumonarchie darauf bedacht, mittels jüdischer Integration eine Mauer gegen den erstarkenden Irredentismus der Slawen und Rumänen zu bilden. Niemals hatten die moldauischen Städte ein wirkliches Getto gekannt.[22]

Dafür kannte das moldauische Gebiet zur Genüge den sogenannten "zivilisatorischen Prozeß" der Abdrängung einzelkultureller Betätigungsfelder (Stiehler), der geschichtlich zu dem geführt hat, was die "Faszination" vieler Beobachter abverlangte. Die eigene Heimat haben also auch andere Völkerschaften -  so auch die Moldauer[23] -  verloren. Denn selbst deutlich recht wenig rumänenfreundlich eingestellte Forscher machen Äußerungen wie: die Bukowina sei "überwiegend von Moldauern bewohnt" (S. 115) gewesen, die die "vielleicht älteste Sprach- und Glaubensgemeinschaft der Bukowina" (S.143) ausgemacht habe, in der die "Rumänen die homogenste Volksgruppe" (S. 162) gewesen sei etc. Von eigener (wessen eigentlich?) Heimat zu sprechen in der Weise, wie Merkt es tut, ist also eine recht heikle Sache! Allein die Einsicht, daß die Bukowina die Heimat aller dort lebenden Völkerschaften darstellte, entspricht der historischen Wahrheit.

Ein historisches Memento bedeutet bekanntlich Er-Innerung, Reflexion, Schritte zum vertiefteren Verständnis historischer Mechanismen: Das Recht auf die Erlangung eines Vorrechtes des einen zum Schaden des anderen, dem dabei nichtwiedergutzumachendes Unrecht angetan wird, ist genauso wenig gutzuheißen wie das Recht des anderen, den einen zum Sündenbock eigenen erlittenen Schicksals abzustempeln. Die Zirkularität des Unrechts fängt an mit und endet im Unrecht.

Aus dieser grundsätzlichen Überlegung heraus ist unter anderem auch die überhitzte Reaktion eines Mihai Eminescu zu erklären (wohlgemerkt: zu erklären, keinesfalls zu rechtfertigen!), die ihn -  allerdings in einer zeit- und umstandsbedingten, von einer eigenen Positionsbestimmung geprägten Auffassung von Geschichte und Politik -  zu bedauernswerten, konjunkturbedingten Äußerungen verleitete wie jene über die Juden oder über die russischen Herrscher. Aber dies alles entsprang einer schmerzhaft-genauen Beobachtung der tatsächlichen Entwicklung in der Bukowina: genau das, was sich gegen die etablierten und ökonomisch und kulturell erstarkten Juden während des Romanisierungsprozesses nach 1918 richtete, mußten vor allem Rumänen und Ruthenen -  um nur die stärkeren Volksgruppen dieses Gebietes zu nennen -  in der Zeit der Germansierung in noch höherem Maße über sich ergehen lassen. Kein Wunder also, wenn Eminescu den von den Rumänen erlittenen Verlust ihrer Rechte und ihrer Identität beklagte:

Nachdem man uns das Stück Land genommen hat, wo die Gebeine unserer Fürsten, von Fürst Dragoº bis Petru Rareº, ruhen, nachdem uns unsere urväterliche Herde, die Anfänge des Fürstenhauses und des moldauischen Geschlechts genommen wurde, wo die Asche Alexander des Guten, des Gesetzgebers und Landesvaters, und des Fürsten ªtefan, der Schutzwall der gesamten Christenheit, ruhen, nachdem wir die uns teuerste Erde verloren haben, wurde durch den moralischen Einfluß Österreichs der Fürst ermordet, der es gewagt hatte, gegen den unverschämten Raub zu protestieren! Rumänisches Volk, dieser Vorfall soll dir eine große Lehre sein![24]

Gemeint ist die Ermordung des Fürsten Grigore Ghica in Jassy, der die Anexionsmaßnahmen der Habsburger nicht anerkennen wollte, gemeint ist der dadurch eingeleitete, allmähliche, aber umso schmerzhafter empfundene Heimatverlust.

Wie hatte jedoch die österreichische Herrschaft in dem Gebiet begonnen, das die offizielle Bezeichnung Bukowina erhielt? Hören wir noch einmal die Stimme des Bukowiners Mihai Eminescu, die gerade laut wurde, als die Österreicher und ihre Verbündeten in der Bukowina 1875 ein Poetisches Gedenkbuch. Festgeschenk zur Feier des hundertjährigen Jubiläums der Vereinigung des Herzogtums Bukowina mit dem österreichischen Kaiserstaate…[25] feierlich begingen:

Im Jahre 1774 drangen die österreichischen Heere, unter Mißachtung jeglicher Rechte der hiesigen Geschlechter, in einer Zeit, da zwischen diesem Land, der Pforte und der Moldau Frieden herrschte, in das älteste und schönste Teil unseres Landes ein; im Jahre 1777 schloß dieser Raub[26] ohne gleichen durch das Vergießen des Bluts des Fürsten Grigore Ghica ab. Als unerhörte Verletzung aller Gesetze, als heimtückische Verschwörung, als Geschäft eines lüsternen Weibes mit den Paschas vom Byzanz wird der Verkauf der Bukowina für das benachbarte Kaiserreich ein ewiger Schandfleck, für uns ein ewiger Schmerz sein. Diese Wunde werden wir jedoch niemals schließen lassen![27]

Maßnahmen wie das Reichspatent vom 13. April 1817, das nach der Anerkennung der Rechte der Rumänen durch den kaiserlichen Erlaß vom 29. September 1790 erfolgte und als die rumänischen Bojaren dem polnischen Adel zugewiesen wurden, waren darauf bedacht, die einheimische Bevölkerungssubstanz zugunsten österreichischer Interessen zu verändern. Aufmerksame Forscher schlußfolgern:

Was die Autonomietätigkeit und -handlungen der Rumänen in der Bukowina, ihren Kampf für eine eigene parlamentarische Vertretung anbetrifft, muß angemerkt werden, daß diese nicht gegen die hier ansäßigen nationalen Minderheiten gerichtet waren, daß sie nur die Erhaltung der historischen Identität des Landes und die Bewahrung seines einheitlichen nationalen und konfessionellen Charakters anstrebten. Obwohl bodenständig, haben die Rumänen niemals beabsichtigt, die Minderheiten daran zu hindern, ihren nationalen Charakter zu bewahren und zu entwickeln.[28]

Im Laufe der österreichischen Ära sind es -  nach Eminescu -  nicht nur die Eingewanderten an manchen unheilvollen Entwicklungen im Lande schuld, sondern auch die eigenen, sich korrumpieren lassenden Landsleute: Im Laufe der österreichischen Herrschaft

spürt das rumänische Volk instinktiv, daß es von Menschen beherrscht wird, die angeblich Rumänen sind, ohne es zu sein, und ihm gegenüber kein Mitleid haben und kein Verständnis für sein Genie.[29]

 Trotz dieses schmerzhaften Verlustes, der durch den späteren Verlust sämtlicher Besitztümer und bürgerlichen Rechte bis zum Unerträglichen gesteigert wurde, während meist Eingewanderte, zum "Staatsvolk" geworden, ihre eigene Identität, sprich: soziale und wirtschaftliche Stärke zielstrebig aufbauten, blieb der Geist der Toleranz erhalten. Unter diesen dramatischen, höchst tragischen Umständen fordert Eminescu seine Landsleute auf, ihrer Geschichte in Toleranz eingedenk zu bleiben:

Geh zu dem Grabe deiner Fürsten nicht mit dem Samen des Zwistes im Herzen, sondern ebenso wie du das Meßbrot mit dem Blut des Heilands zu dir nimmst, nimm auch die Erinnerung an die Vergangenheit in deine Seele wieder auf; ohne Leidenschaften und ohne Haß zwischen den Söhnen desselben Bodens.[30]

Eminescu hat aus seinem Verständnis der Geschichte im Sinne seiner in Österreich und in Deutschland besuchten Lehrveranstaltungen heraus eine Position bezogen, die damals ihre Richtigkeit, zumindest ihre Berechtigung hatte, heute auf dem Hintergrund der gesamtgeschichtlichen Erfahrung und der geopolitischen Entwicklungen der Gegenwart freilich in gewissem Maße unzeitgemäß, also unhaltbar geworden ist, weil sie zu radikal, zu leidenschaftlich artikuliert wurde. Die rumänische Geschichtsschreibung korrigierte bereits weitgehend das idyllische Bild vom rumänischen Nationaldichter und zeigte die wunden Punkte seiner publizistischen Stellungnahmen offen auf. Eminescu jedoch zu verdammen, weil er sein Land und seine Landsleute über alles geliebt hat, genauso wie vielleicht die heutigen, isolationistisch eingestellten Stimmen die Angehörigen ihrer jeweiligen Gemeinschaft lieben und achten, das wäre ein grober Irrtum. Es wäre genauso verfehlt, wie wenn man etwa Martin Luther für alle Ewigkeit verdammen würde, weil er neben seiner reformatorischen Gedanken, neben der epochemachenden Übersetzung der Bibel ins Deutsche auch verabscheuungswürdige Äußerungen gemacht haben soll wie: "Verbrennt die Talmuds! Verbrennt sie samt den Juden, denn sie sind lebende Talmuds!"[31] Eminescu hat stets nur die Einhaltung mindestens der natürlichen Rechte seines Volkes im Sinn gehabt und gefordert:

Die rumänische Nation muß in den Genuß der Rechte gelangen, die alle anderen Nationen Österreichs genießen, nicht mehr und nicht das Geringste weniger.[32]

Trotz heftiger Auseinandersetzungen stellte Eminescu das moralische Limit solcher Auseinandersetzungen fest:

Trotz der Heftigkeit und trotz des Fanatismus, mit denen der Kampf zwischen den Nationalitäten ausgetragen wird, degeneriert dieser jedoch weder zu Attentaten noch zum Nihilismus. Warum? Weil die Beziehungen zwischen den menschlichen Gruppierungen moralischer Natur sind, weil jeder in seinem Gegner bis zu einem Grade gerade jene Gefühle der nationalen Zugehörigkeit und des Patriotismus respektiert, die er auch für sich selbst respektiert sehen will.[33]

Die moderne Forschung spricht in einem solchen Fall unter Zuhilfenahme der intrinsischen Fremdheit des Textes von alteritärer Kognitivität.[34]

Die Zeit heilt alle Wunden -  vorausgesetzt, weder der Verwundete selbst, noch andere bohren in dieselbe hinein. Wer es in diesen Jahren, in unserer Gegenwart noch tut, ist verantwortungs- und gewissenlos und widerspricht grob der gesamten bisherigen menschlichen Erfahrung. Der panoramahafte Blick des Pluriethnischen und der tatsächlichen Toleranz ist die Chance der Zukunft.

Daraus ergibt sich die Feststellung, daß so gut wie immer, mit mathematischer Genauigkeit auf fanatische, verabscheuungswürdige Handlungen und Einstellungen, wie sie in den enddreißiger Jahren auch in Rumänien geschahen, nicht durch ebenfalls fanatische Äußerungen und vorgefertigte Thesen reagiert werde dürfte, wie dies bei einigen Forschern der Fall ist. Denn eine intolerant-isolationistische Haltung steht in deutlichem Widerspruch zu moderateren Einschätzungen wie jenen von Barbara Wiedemann-Wolf[35] und Andrei Corbea[36], die nicht zuletzt durch ihren unmittelbaren Kontakt zu den Realitäten dieses Landstriches zu einer ausgewogenen und daher kompetenteren Positionsbestimmung gelangen, die den regelrecht heiligen Zorn anderer Beobachter der bukowinischen Szenerie[37] hervorruft: Wiedemann-Wolfs Behauptung beispielsweise, es habe in der Bukowina in den 30er Jahren doch einen regen Kulturaustausch gegeben, nennt Merkt schlichtweg "unsinnig". Was hätte er denn dann gesagt, wenn er auch Corbeas Feststellung zur Kenntnis genommen hätte -  vorausgesetzt, er hätte auch Rumänisch gekonnt. Corbea hatte nämlich in einer pertinenten Analyse der politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen, durch welche er sich besonders hervorgetan hat, folgende Feststellung gemacht:

In Rumänien der 30er - 40er Jahre gab es -  in einem Kontext, der vielleicht nur jenem in der Schweiz und, in einem anderem Maße, auch jenem in den USA ähnlich war -  eine Kategorie von Lesern, die sich ausschließlich für die deutsche Originalliteratur interessierten, doch noch wichtiger war es, daß sich diese hier vollkommen jener politischen und philosophischen Toleranz erfreute, die eine ausgewogene und repräsentative Rezeption aller Strömungen und Gruppen des deutschen Exils erlaubte.[38]

Oder wenn Merkt die Feststellung von Radu Grigorovici gekannt hätte über die Einwanderung der Juden in die Bukowina des 18. Jahrhunderts,

die sich einer unerwarteten Toleranz erfreuten, in den Städten als Handwerker und vor allem als Händler fast vollkommen den Handel in ihre Hände nahmen, wobei sie von der Anerkennung ihrer jiddischen Sprache als deutsche Sprache begünstigt wurden. Auf dem Lande jedoch verursachten sie als Pächter, Schankbesitzer oder als Geldwucherer großes Unglück."[39]

Solche Feststellungen korrelieren durchaus mit älteren Bekundungen wie etwa auch jenen Eminescus:

Uns scheint, daß kein Geschlecht auf der Erde mehr Recht hat, Anspruch auf Respekt zu erheben, als eben der Rumäne, denn niemand ist toleranter als er.[40]

Tendentiös-einseitige Stellungnahmen gehören gleichermaßen zu jenen einseitigen Betrachtungen, die in nationalistischer Verblendung und Übertreibung auch in Rumänien der Nachkriegszeit laut geworden sind, und reihen sich in die Falanx der von Erich Beck -  allerdings etwas pauschal -  wie folgt apostrophierten, in den letzten Jahren erschienenen Untersuchungen zur Bukowina: "Leider ist festzustellen, daß diese" Werke "tendenziös im Sinne nationaler Auseinandersetzungen und ohne jegliche Ausgewogenheit der Wertung verfaßt wurden…"[41] Zur gleichen Kategorie teleologisch und tendenziös verfaßter Schriften gehörte übrigens - unter sehr vielen anderen - auch Alfred Klugs zeitgeprägte, in doppelter Richtung unterwürfige Aussage aus dem Jahre 1938 im Zusammenhang mit der Herausgabe seines Bukowiner Deutschen Dichterbuchs:

Dem Dichterbuch möge als schönster Preis beschieden sein, laut und freudig zu verkünden, daß auch hier im Osten Europas ein Volkssplitter lebt, der trotz mancher Unzulänglichkeit eines nie vergißt und nie vergessen will, daß er sich bei korrektester Haltung gegenüber dem rumänischen Staate für immer an deutsche Sprache und Kultur gebunden fühlt, daß er mit klopfendem Herzen alles verfolgt, was im Reiche vorgeht, daß er mit den deutschen Brüdern in ganzer Seele mitgelitten hat und jetzt aus tiefstem Herzen mit ihnen mitjubelt![42]

Vom Rande her ein Bekenntnis zu den zwei Zentren der damaligen Macht -  Bukarest und Berlin! Und dies alles im Namen der "deutschen Sprache und Kultur". Dies bestätigt zugleich um ein übriges Mal folgende Sentenz des Grazer Professors Ernst Joseph Görlich:

Die Sprache allein mag wohl starke Bindungen erzeugen, das geschichtliche gemeinsame Schicksal bedeutet /aber/ eine mindestens ebenso starke, wenn nicht noch stärkere Bindung.[43]

Den zwei vorher erwähnten Forschern entgegengesetzt ist die sehr informative, wenn auch von gewissen Sympathien und Antipathien nicht immer ganz freie, bereits erwähnte Untersuchung Geschichte der Bukowina in der Neuzeit. Zur Sozial- und Kulturgeschichte einer mitteleuropäisch geprägten Landschaft[44] von Emanuel Turczynski, die Erich Beck wie folgt charakterisierte:

Geradezu beispielhaft wird versucht, den unterschiedlichen nationalen und religiösen Gruppen in der Bukowina in vollem Umfang gerecht zu werden, deren Entwicklung und Wirken für das Wohl der Gemeinsamkeit im Lande unvoreingenommen darzustellen.[45]

Nun, so unvoreingenommen ist Turczynski -  wie bereits angemerkt -  auch nicht, da sein Blick vorrangig auf die deutsche Einfluß- und Entfaltungssphäre gerichtet ist und genauso leitmotivisch ein -  trotz zahlreicher von ihm selbst angeführter, dokumentarisch belegter Tatsachen -  verklärtes Bild österreichisch-deutscher Kultursendung zu vermitteln bemüht ist, wenn er an -  nicht weniger als -  vier Stellen aus dem klischeehaften Bekenntnis des Rumänen Theophil Bandella zitiert:

Dieses Land wird von den verschiedenartigsten Völkerschaften bewohnt, die nicht wie in anderen Ländern unmerklich ineinander verschmolzen, sondern die durch Religion, Sprache, Sitten und Charakter scharf gesondert sind; und kaum dürfte es ein zweites Ländchen von so kleinem Flächeninhalte geben, das so viele Völker und Religionen nebeneinander in geübter Eintracht leben sieht.[46]

Die geübte Eintracht sah allerdings im Sinne der historischen Wahrheit doch recht widersprüchlich aus. Das war doch eher ein Neben- als ein Miteinander! Wieso muß man sich scheuen, Tatsachen beim Namen zu nennen, wie dies Radu Grigorovici in Bezug auf die Untersuchung Turczynskis tat: sie sei

eine für die Kenner der Realitäten ungenügend kaschierte nostalgische Lobhymne auf die untergegangene österreichische Monarchie, … keinesfalls eine Geschichte der Bukowina.[47]

Es sei an dieser Stelle auch der Fall Ion Nistors, des gründlichen Kenners der Bukowinischen Problematik, angeführt, den wahrscheinlich Erich Beck in seiner vorher angeführten Stellungnahme auch mitgemeint haben mag als Vetreter einer nationalistischen Forschungsrichtung. Die Forschungs- sowie die politische Tätigkeit Nistors zeigt in der Tat, daß Parteiischkeit auf der einen Seite und objektives Herangehen auf großen Strecken durchaus vereinbar sind -  wie seiner zunächst 1934, neulich 1997 erschienenen Untersuchung zur ukrainischen Frage im Lichte der Geschichte zu entnehmen ist. Geschichtliches wurde dabei stets auf streng dokumentarische Grundlage gestellt und globalgeschichtlich beleuchtet und -  soweit seine inneren Überzeugungen es erlaubten -  offen zur Debatte gestellt.[48] Generell kann gesagt werden, daß Ion Nistor unabhängig von der politischen Großwetterlage in diesem Landstrich Europas in seiner Forschungstätigkeit mit kenntnisreichem Fleiß die komplexen Aspekte des Zusammenlebens der dortigen Völkerschaften in ihrem alltäglichen Zusammenleben und in ihrer gegenseitigen Bedingtheit zu untersuchen bemüht war: "Das rumänische Mittelalter im allgemeinen, die Geschichte der rumänischen Kirche, die Geschichte der Moldau und ihre politischen, kulturellen und Handelsbeziehungen mit den Nachbarn, der nationale Kampf der Rumänen in Bessarabien und der Bukowina bis 1918 sowie die Lage der dortigen" Einwohner aller Ethnien und Glaubensbekentnisse -  das waren Zentralfragen seiner publizistischen und Forschungstätigkeit im Sinne der historischen Wahrheit, wodurch er zur vergleichenden osteuropäischen Geschichte und Mentalitätsgeschichte wesentlich beitrug.[49] Er selbst warnte vor jeglichem übertriebenem Eifer, als er -  durchaus auch selbstkritisch -  meinte:

In nationalen Kämpfen wurden leidenschaftliche Äußerungen gemacht, wurde zu ungerechten Übertreibungen zurückgegriffen und wurden nicht zu rechtfertigende Forderungen erhoben.[50]

Auch ihm ist vorgehalten worden, er habe -  so Adolf Armbruster -  keine Geschichte der Bukowina, sondern der Rumänen in der Bukowina geschrieben, was z.T. auch stimmt und sich in dieselbe eher isolationistische Tendenz einreiht. Der Vorwurf gilt gleichermaßen auch für die Abhandlung von Turczynski.[51]

Was hat dies alles -  wird man sich fragen -  mit Übersetzung und Mehrsprachigkeit zu tun? Die Frage ist berechtigt. Ja, das hat damit zu tun. Denn all diese Stellungnahmen sind Sprachen, Stimmen der Wissenschaft, Diskurse aus unterschiedlichem Blickwinkel entstanden. Auch sie müssen verstanden werden, also im passenden Kontext in eine verständliche Aussage übersetzt werden. Auch das ist Ausdruck der sprachlichen und ethnischen Vielfalt der Bukowina.

Daß über all diese Aspekte offen und leidenschaftslos, vernünftig und historisch gerecht diskutiert werden muß und diskutiert werden kann, haben die großen Debatten unserer -  immer noch widersprüchlichen -  Gegenwart deutlich unter Beweis gestellt. Zur anregenden und angeregten Walser-Bubis-Debatte hatte der Bundespräsident Roman Herzog eine deutliche Mahnung zur Toleranz und Diskussionsbereitschaft ausgesprochen:

Wir leben in einer Zeit des Generationenwechsels, in einer Zeit des Übergangs von der Erinnerung an Erlebtes zur Erinnerung an Mitgeteiltes, und in einer solchen Zeit ist es unerläßlich, daß man sich der Formen des Erinnerns noch einmal in allem Ernst vergewissert. Und deshalb war es gut, daß die Debatte stattgefunden hat, die sich mit den Namen Walser und Bubis verbindet.[52]

Dabei müsse auch über "die richtige Dosierung" sowie über die Gefahr einer "Abstumpfung"[53] geredet werden. Als Jacques Derrida nämlich merkte, daß seine Leser ihn für "unlesbar" halten, begrüßte er die um seine Werke ausgelöste kritische Debatte, denn:

Wenn man darüber redet, wenn es ungehalten macht, dann heißt das, daß man beginnt, schon etwas zu verstehen.[54]

Deshalb registrieren wir als nackte Tatsachen, daß man in heutigen Untersuchungen, die zwar für Globalität und Integration plädieren, stellenweise soweit geht, daß die Geschichte zur idyllisch anmutenden Zukunftsvision extrapoliert wird, die sei es mitteleuropäisch, nach einem verklärten, seiner krass widersprüchlichen Erscheinungen sorgfältig entsorgten habsburgisch-österreichischen Muster, sei es sogar gesamteuropäisch hochstilisiert wird. Bukowina als Modell für die Harmonisierung interethnischer Konflikte[55] oder als Integrationsmuster im gemeinsamen Haus Europa[56]. Eine historisch identifizierbare U-Topie wird in eine u-topische Zukunft herübergeholt -  auch wenn sie in jener Form nicht nur unzeitgemäß, sondern schlichtweg unmöglich geworden ist. Identifiziert wird diese Tendenz mit dem ehemaligen "wesentlichen Ideal der sich emanzipierenden Bukowiner Juden: de(m) Traum von der Aufhebung aller konfessionellen, sozialen und nationalen Gegensätze" -  so Hartmut Merkt[57]. Fürwahr ein lobenswertes, aber eben auch nur ein Ideal, eine U-Topie. Allerdings wurde ein solches Ideal -  das angesichts der totalitaristischen Bestrebungen im Riesenreich Sowjetunion, die eben ein solches "Ideal" mit brutaler Gewalt nicht nur in ihrem eigenen Staate, sondern auch in den im Herrschaftsbereich der SU ihrem Schicksal überlassenen und deshalb sozialistisch gewordenenen Ländern durchzusetzen versuchte -  im Zeichen übernationaler, überkonfessioneller und sozial nivellierender, also kommunistischer Maßnahmen zu einem ungeheuerlichen Weltexperiment degradiert, dem Dutzende von Millionen Menschen zum Opfer gefallen sind… Dann stellt sich zwingend die Frage, ob sich hinter manchem noch so schönen Ideal nicht mehr -  unbewußte -  Menschenverachtung verbirgt als in einer als menschenverachtend offen und brutal deklarierten Haltung. Das neue gemeinsame Europa nimmt sich keinefalls vor, die mannigfaltige Vielfalt dieses als gemeinsam angestrebten Hauses aufzuheben -  was ihm sonst zum Verhängnis werden würde. Einheit ja -  aber in der Vielfalt!

Jeglicher Diskussionsbeitrag ist willkommen und darf nicht gleich abgestempelt werden. Aber die Diskussion ist absolut notwendig -  Universalrezepte gibt es glücklicherweise nicht. Es hat schon seine tiefe Richtigkeit, wenn Derrida meinte:

Wenn man darüber redet, wenn es ungehalten macht, dann heißt das, daß man beginnt, schon etwas zu verstehen.

*

Die deutsche Sprache und die deutsche Kultur haben in ihrem Wirkungsbereich außerhalb des Binnenraumes, darunter auch in der Bukowina, eine große, allgemein anerkannte Rolle für die Herausbildung und Festigung des Selbstverständnisses der gehobenen Schicht nicht nur der Juden, sondern auch der Rumänen und Ruthenen gespielt -  vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als -  wie Kurt Rein feststellte -

mit Joseph George Fedkowicz (1834-1888) und Mihai Eminescu (1850-1889) auch die größten Begabungen unter den anderen im Lande vertretenen Nationalitäten der Ukrainer und Rumänen gerade die ersten Kontakte mit der für sie ausschlaggebenden deutschen Geistesgeschichte knüpfen und -  z.T. unter diesem Einfluß ihre ersten Dichtungen anfertigen.[58]

Eminescu war -  als einer, der die Grundlagen seiner Bildung in Österreich und Deutschland gelegt hatte -  der größte Verfechter der echten, allerdings behutsam eingeführten westlichen Zivilisation, die er vehement verteidigte: Denn nach dem deutschen und französischen Muster und durch die eigene jahrhundertealte Kulturtradition

haben wir auch unsere Schulen organisiert und dadurch uns der Kulturgemeinschaft Westeuropas angeschlossen. Diese Kulturgemeinschaft im zivilisierten Europa ist für die Rumänen von absoluter Notwendigkeit…[59]

Die Zunahme des Bewußtseins einer europäischen Zugehörigkeit geht mit dem Übergang von der postbyzantinischen Kulturform zur nationalen Identität einher. Auch auf diesen Breitengraden wird die Haltung eines John of Salisbury abgelehnt, der es einmal voller Empörung fragte: "Wer hat den Deutschen (Hohenstaufen) das Recht erteilt, über alle Geschlechter zu richten?" Die Schlußfolgerung des Mentalitätenforschers Alexandru Duþu schließt die Entwicklungen in den rumänischen Fürstentümern in die gesamteuropäische mit ein:

Unter den Bedingungen einer noch prekären intellektuellen Kommunikation gelingt es den europäischen Kulturen nicht, sich gegenseitig gründlich kenenzulernen in diesen Jahrhunderten, in denen wir Zeuge eines Übergangs von der auf konfessionellen Kriterien fußenden Gemeinschaft zu jener, die sich auf Kultur und Zivilisation stützt, sind.[60]

Von dieser ersten empirischen Schlußfolgerung bis zur vertiefteren Einsicht in den "katalytischen Einfluß" der deutschen Literatur und Kultur, wie sie von Lucian Blaga kulturphilosophisch begründet wurde[61], sollten einige Jahrzehnte vergehen.

***

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[1] Allgemeine Bemerkung: In den nachstehenden Zitaten unterstrichene Stellen sind von uns hervorgehoben.

[2] Paul Celan: Ansprache anläßlich der Entgegennahme des Literaturpreises der Freien Hansestadt Bremen. In: P.C., Ausgewählte Gedichte. Zwei Reden, Nachw. v. Beda Allemann, Frankfurt am Main: suhrkamp, 1980, S. 127. Dem ausgezeichneten Kenner der Bukowina-Problematik Kurt Rein unterläuft merkwürdigerweise in einem Zitat gleich zu Beginn eines Aufsatzes ein Fehler, wenn er zitatmäßig vom Wort Celans "von jener 'nun in der Geschichtslosigkeit versunkenen Provinz'" spricht, was ein deutliches Beispiel dafür ist, wie stark sich Stereotype selbst bei soliden und sonst exzellent informierten Wissenschaftlern durchzusetzen vermögen. Siehe Kurt Rein: Politische und kulturgeschichtliche Grund-lagen der "deutschsprachigen Literatur der Bukowina". In: Dietmar Goltschnigg / Anton Schwob (Hgg.): Die Bukowina. Studien zu einer versunkenen Literaturlandschaft, francke verlag, Tübingen 1990, S. 27. Die literaturwissenschaftliche Rezeptionsgeschichte hat allerdings auch festzustellen und festzuhalten, daß Reins ungenaues Zitat auch von Emanuel Turczynski (Geschichte der Bukowina in der Neuzeit. Zur Sozial- und Kulturgeschichte einer mitteleuropäisch geprägten Landschaft, Wiesbaden: Harrassowitz 1993) übernommen wurde, bei dem es heißt: "Diese Akzente hat schon der frühverstorbene Lyriker Paul Celan gesetzt, als er, von der Vision bedrückt, die Bukowina könnte eine 'in der Geschichtslosigkeit versunkene Provinz' werden…" (S. 2) Der Titel des im francke-verlag erschienenen Bandes von Golt-schnigg/Schwob beruht offensichtlich auf diesem Schönheitsfehler im angeführten multiplizierten Zitatabschnitt oder ist unabhängig davon entstanden - als allerdings glückliche Formulierung, die sich mental leicht durchzusetzen vermochte. Bei Celan heißt es richtig: "…in dieser nun der Geschichtslosigkeit anheimgefallenen ehemaligen Provinz der Habsburgermonarchie…" (a.a.O.)

[3] Regionen als "theoretische Konstruktionen" werden definiert in Karl Möckl: Der Regionalismus und seine geschichtlichen Grundlagen. Eine Skizze. In: Fried Esterbauer: Regionalismus. Phänomen - Planungsmittel - Herausforderung für Europa. Eine Einführung, München 1978, S. 17. Siehe auch Roland Sturm: Regionen/Regionalismus. In: Dieter Nohlen (Hg.): Wörterbuch Staat und Politik, Bonn 1993, S. 584.

[4] Theophil Bendella: Landeskunde der Bukowina, mit 6 Lithographien, Wien, 1845; Dimitrie Onciul: Zur Geschichte der Bukowina, 1877; Raimund Friedrich Kaindl: Zur Geschichte der Stadt Czernowitz und ihrer Umgebung, 1888; Raimund Friedrich Kaindl: Geschichte der Bukowina von den ältesten Zeiten bis zur Gegenwart, 1888-1903; Die Bukowina, eine allgemeine Heimatkunde, hrsg. v. Landesgendarmeriekommando in Czernowitz; H. Gold: Geschichte der Juden in der Bukowina. Hrsg. v. der Bukowiner Landsmannschaft, 2 Bde., 1958-1962; Franz Lang (Hg.): Buchenland. Hundertfünfzig Jahre Deutschtum in der Bukowina, 1961; Erich Beck: Bukowina – Land zwischen Orient und Okzident, 1963; Erich Prokopowitsch: Die rumänische Nationalbewegung in der Bukowina und der Dako-Romanismus. Studien zur Geschichte der österreichisch-ungarischen Monarchie, Bd. 3, 1965; Johannes Hampel, Ortfried Kotzian: Spurensuche in die Zukunft. Europas vergessene Region Bukowina. Ausstellungskatalog und Reisedokumentation. Augsburg, 1991; Ion Nistor: Istoria Bucovinei, Bucureºti, 1991; Emanuel Turczinski: Geschichte der Bukowina in der Neuzeit. Zur Sozial- und Kulturgeschichte einer mitteleuropäisch geprägten Landschaft, Wiesbaden, 1993; German Emigration from Bukovina to the Americas. Resulta of Initial Investigations as a Guide to Further Research. Edited by William Keel and Kurt Rein, Kansas: Lawrence 1996

Weiterführende Bibliographie dazu in: Erich Beck, 1. Bibliographie zur Kultur und Landeskunde der Bukowina. Literatur aus den Jahren 1965-1975, Dortmund, 1985; 2. Bibliographie zur Landeskunde der Bukowina. Literatur bis zum Jahre 1965, Südostdeutsches Kulturwerk, München, 1966; 3. Deutsche Sprache und Literatur in der Bukowina. Eine Bibliographie. In: Andrei Corbea / Octavian Nicolae (Hgg.): Interferenþe culturale româno-germane, Universitatea Alexandru Ioan Cuza, Iaºi 1986, S. 189-220; 4. Deutsche Sprache und Literatur in der Bukowina. Eine Bibliographie der Sekundärliteratur. Teil 2: 1981-1985 (mit Nachträgen), in: Andrei Corbea / Michael Astner (Hgg.): Kulturlandschaft Bukowina. Studien zur deutschsprachigen Literatur des Buchenlandes nach 1918, Editura Universitãþii "Al. I. Cuza", Iaºi 1990, S. 243-269.

Da in den bisherigen deutschsprachigen Publikationen aller Art die sonst absolut notwendigen Hinweise auf die rumänische Bibliographie recht spärlich ausfallen (eine erfreuliche Ausnahme stellt die Abhandlung von Emanuel Turczynski dar), sei hier mindestens auf die reichhaltige, auch viele deutschsprachige Beiträge umfassende Bibliographie in: Ion Nistor, Istoria Bucovinei. Ediþie ºi studiu bio-bibliografic de Stelian Neagoe. Humanitas, Bucureºti 1991, S. 423-436, sowie auf die ausführliche Bibliographie in einem gründlichen Werk: Mihai Iacobescu: Din istoria Bucovinei. Vol. I (1774-1862) - De la administraþia militarã la autonomia provincialã [Aus der Geschichte der Bukowina. Bd. I (1774-1862) - Von der Militärverwaltung bis zur Provinzautonomie], Editura Academiei Române, Bucureºti 1993, S. 477-490, hingewiesen. Dazu siehe auch: Otto Freiherr von Dungern: Rumänien, Gotha: Verlag Fr. Andrea Perthes 1917; Nicolae Iorga: Geschichte des rumänischen Volkes, 2 Bde., Gotha, Verlag fr. Andrea Perthes 1905.

Bibliographie ukrainischer Forschung bietet z.T. der Band von Kvitkovskyj / Brendzan / ®ukovskyj (Hgg.): Bukowina ii mynule i suèasne, Paris / Philadelphia / Detroit.

[5] Radu Grigorovici: Comentariu la 'Descrierea Bucovinei' a Generalului Splény. In: Analele Bucovinei, an IV, 3,1997, S. 554 bzw. 560.

[6] Radu Grigorovici: Modelul Bucovinei. In: Analele Bucovinei, an IV, 3, 1997, S. 815f.

[7] Mihai Iacobescu: Din istoria Bucovinei…, a.a.O., S. 12.

[8] Ebd., S. 21.

[9] Erich Beck, Ein Standardwerk der Bukowina-Forschung. In: Südostdeutsche Vierteljahresblätter, 3, 1995, S. 257.

[10] Vladimir Trebici: Demografie. Excerpta et selecta. Editura Enciclopedicã: Bucureºti, 1996, S. 107-145.

[11] Radu Grigorovici, ebd., S. 812.

[12] Emanuel Turczynski, a.a.O., S. 4.

[13] A.(ndrei) C.(orbea): Cuvânt înainte. In: Andrei Corbea / Michael Astner (Hgg.): Kulturlandschaft Bukowina, a.a.O., S. 6.

[14] Ortfried Kotzian: Ansprache des Leiters des Bukowina-Instituts Augsburg … vor der Rumänischen Akademie in Bukarest. In: Analele Bucovinei, an IV, 3, 1997, S. 539.

[15] Mihai Iacobescu: Elita românilor din Bucovina anilor 1775-1862 (Die Elite der Rumänen in der Bukowina der Jahre 1775-1862). In: Analele Bucovinei, an IV, 3, 1997, S. 606.

[16] Wiesbaden: Harrassowitz Verlag 1999.

[17] Ebd., S. 23, 25 etc.

[18] Andrei Corbea: Din nou despre exilul bucureºtean al lui Franz Th. Csokor. In: Interferenþe culturale româno-germane. Rumänisch-deutsche Kulturinterferenzen. Hg. v. Andrei Corbea u. Octavian Nicolae, Iaºi: Universitatea "Alexandru Ioan Cuza" 1986, S. 179 f.

[19] Turczynski bezichtigt undifferenziert alle rumäni-schen Historiographen "großrumänischer Ambitionen", wenn diese von Germanisierung sprechen, und hält ihnen "Angst und Minderwertigkeitskomplexe" sowie "nationalistische Klischees" vor (a.a.O., S. 4). Dabei stellt der Umstand, daß von den alten Chronisten über Eminescu bis Iorga und Blaga und bis zur Gegenwart das Bild des Deutschen (und der von ihm vertretenen Kultur und Zivilisation) bei den Rumänen stets ein hochpositives war, in der rumänischen Mentalitätengeschichte eine recht banale Tatsache dar. Befragt und hervorgehoben wurde jedoch verständlicherweise die übertriebene und forcierte Vernachlässigung und Verdrängung der eigenen rumänischen Sprache (und der von ihr tradierten Kultur und Zivilisation) sowie ihrer sozial-geschichtlichen Rolle. Was man durchaus begreift, wenn die streckenweise forcierte Romanisierung in den 20er Jahren bei den Betroffenen Unbehagen auslöste und für das rumänische Vorgehen eine unrühmliche historische Tatsache darstellt. Daß der Verfasser aber in der eigenen Untersuchung so oft die Magyarisierung in Siebenbürgen und im Banat belegt und damit entlarvt, scheint bei ihm keine Bedenken über etwaige Klichees hervorzurufen. (s. vor allem S. 179.)

[20] Hartmut Merkt: Poesie als inneres Exil. In: Goltschnigg / Schwob (Hgg.), a.a.O., S. 356.

[21] Heinrich Stiehler: Czernowitz. Zur kulturgeschichtlichen Physiognomie einer Stadt. In: Dietmar Goltschnigg / Anton Schwob: Die Bukowina…, a.a.O., S. 17f.

[22] Ebd.

[23] "In der Bukowina und sogar in ihrem nördlichen Teil waren die ranghohen Leute waren fast alle Rumänen, d.h., wie man damals sagte und auch heute noch örtlich oder manchmal gesagt wird, Moldauer, obwohl sie keine Bürger eines Moldau genannten Landes sind, sondern Einwohner einer Gegend, die aus historischen Gründen diesen Namen trägt, so wie ein Deutscher, der in Bayern geboren wurde und dort lebt "Bayer" heißt." (Radu Grigorovici, Comentariu la 'Descrierea Bucovinei'…, a.a.O., S. 553f.)

[24] Mihai Eminescu: ["Periodul al doilea…"]. In: M.E.: Opere. Bd. III Publicisticã. Corespondenþã. Fragmentarium. Ediþie îngrijitã de D. Vatamaniuc. Prefaþã de Eugen Simion, Bucureºti: univers enciclopedic 1999, S. 125f.

[25] Poetisches Gedenkbuch. Festgeschenk zur Feier des hundertjährigen Jubiläums der Vereinigung des Herzogtums Bukowina mit dem österreichischen Kaiserstaate und der Inauguration der Universität Czernowitz, Czernowitz: Eckhardt'sche Verlagsbuchhandlung 1875.

[26] Auch in dieser geschichtlich unabweisbaren Tatsache wird die Realität vertuscht und kaschiert. S. Ortfried Kotzian: Zwischen Föderalismus und Zentralismus: Die Entwicklung und Bedeutung des Regionalbewußtseins in der Bukowina. In: Analele Bucovinei, anul IV, 3, 1997, S. 636 ff. Hier wird versucht, die Einverleibung der Bukowina als selbstverständliche Folge des kaiserlichen Absolutismus sowie der Interessen der "Mächtigen" jener Zeit jeglicher Ethik zu entziehen. Dabei ist selbst der Ausgang seiner Ausführungen von Grund auf falsch: die Moldau war nie osmanisches Reichsgebiet, sondern eben nur Vasallenstatt. (S. auch: Octavian Lupu: Bemerkungen zur Lage der Rumänen in der Bukowina während der Habsburgischen Herrschaft, Roma 1980, S. 6, insbesondere aber Mihail Kogãlniceanu: Rãpirea Bucovinei, Vãlenii de Munte 1911.

[27] Mihai Eminescu: ["La anul 1774…"], a.a.O., S. 227.

[28] Ioan V. Cocuz: Începuturile vieþii parlamentare în Bucovina [Die Anfänge des parlamentarischen Lebens in der Bukowina]. In: Suceava. Anuarul Muzeului Judeþean, XI-XII, 1984-1985, S. 227.

[29] Mihai Eminescu: ["'Românul' a contractat nãra-vul…"], a.a.O., S. 510.

[30] Mihai Eminescu: ["Periodul al doilea…"], a.a.O., S. 126.

[31] Apud: Bernard-Henry Lévy: Ein paar Versuche, in Deutschland spazieren zu gehen. In: Die Walser-Bubis-Debatte, a.a.O., S. 631.

[32] Mihai Eminescu: Sã facem un Congres, a.a.O., S. 71. Daß es auch den anderen Völkerschaften in der Habsburgischen Monarchie um die Wiedererlangung ihrer früheren Rechte, deren sie durch die neue Herrschaft beraubt wurden, ging, beweist auch die Haltung tschechischer Publikationen, auf die Eminescu aufmerksam macht. In einem Artikel der Zeitung "Politik" hieß es: "In der jetzigen Übergangszeit müssen wir uns alle vereinen, damit wir nicht mehr erneut den Fehler der Vergangenheit begehen. Der Pole, der Slowene, der Tiroler und Triester wünschen sich ebenso stark wie der Böhme und Mähre einen Zustand herbei, der die alten Rechte und modernen Bedürfnisse eines jeden dieser Völker achtet." (M.E.: În unire e tãria, a.a.O., S. 75.)

[33] Mihai Eminescu: ["În seara de 30 martie…"], a.a.O., S. 371.

[34] Siehe dazu nicht H.R. Jauss (Alterität und Modernität der mittelalterlichen Literatur. Gesammelte Aufsätze 1956-1976, München: Fink, 1977, S. 9-47), sondern Fred Lönker: Aspekte des Fremdverstehens in der literarischen Übersetzung. In F.L. (Hg.): Die literarische Übersetzung als Medium der Fremderfah-rung, Berlin: Schmidt, 1992, S. 41-62.

[35] Barbara Wiedemann-Wolf, Antschel Paul -  Paul Celan. Studien zum Frühwerk, Tübingen: Niemeyer 1985.

[36] Andrei Corbea, a.a.O.

[37] Hartmut Merkt, a.a.O., S. 22: Die Behauptung von Wiedemann-Wolf, es habe in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen in der Bukowina einen "lebendigen Kulturaustausch" gegeben, sei "unsinnig".

[38] Andrei Corbea, ebd.

[39] Radu Grigorovici: Modelul Bucovinei…, a.a.O., S. 802.

[40] Mihai Eminescu: ["Se vorbeºte cã în consiliul…"], a.a.O., S. 141. Weiter heißt es: "Man wird kein Land finden, in dem man nicht versucht hätte, die Mit-wohnenden anderer Nationalität und anderer Zunge zu eigenen Anhängern zu überreden; die Hugenotten in Frankreich, die Mauren in Spanien, die Polen gegenüber den Ruthenen, die Ungarn gegenüber den Rumänen -  alle haben versucht, die mitwohnenden Völkerschaften für ihren Ideenkreis zu gewinnen, und zwar mit Hilfe von Druck und Zwang; der Rumäne betrachtet mit unverwandeltem Stoizismus die katholische Kirche, die in der Moldau so alt ist, und es fiel ihm nie ein, die Katholiken zu zwingen, orientalisch zu werden; die Lipowaner flüchten sich aus Rußland und leben ungestört in ihrem Glauben auf rumänischem Boden, dann sind es noch die Armenier, Kalvinisten, Protestanten, Juden -  die alle zugegen sind und sagen können, ob die rumänischen Regierungen irgendeine Kirche oder irgendeine Schule der Armenier, Protestanten oder Juden geschlossen hätten. Nicht eine einzige."

[41] Erich Beck: Ein Standardwerk der Bukowina-Forschung, a.a.O., S. 256.

[42] Alfred Klug: Vorwort zu: Bukowiner Deutsches Dichterbuch, hg. u. eingeleitet von A. K., Stuttgart: Verlag Alfred Wahl 1939, S. 7.

[43] Ernst Joseph Görlich: Einleitung zu Karl Emil Franzos: Halb-Asien. Graz und Wien: Stiazny Verlag 1958, S. 8.

[44] Von Emanuel Turczynski; s. Anm. 2! Seine durch-gehende Sympathie verrät der Verfasser expressis verbi in einer Fußnote, in der er den "Willen" der heutigen Czernowitzer Universität hervorhebt, "im Geist 'altbukowiner Multikulturalität' diese Region zu einem Modell für ein friedliches und harmonisch vereintes Europa zu gestalten." (S. 10)

[45] Erich Beck: Ein Standardwerk der Bukowina-Forschung, ebd.

[46] Apud: Emanuel Turczynski, a.a.O., S. 84 (aber auch 92, 114, 159!).

[47] Radu Grigorovici: Modelul Bucovinei, a.a.O., S. 815.

[48] Ion I. Nistor, Problema ucrainianã în lumina istoriei, Rãdãuþi: Editura Septentrion 1997. Zum Verhältnis zwischen Rumänien und der Ukraine wurde eine Studie des französischen Historikers Alain Ruzé im französisch-kanadischen Verlag L'Harmattan angekündigt.

[49] Gh. Buzatu, Argument. In: Ion I. Nistor, Problema ucrainianã în lumina istoriei, Rãdãuþi: Editura Septentrion 1997, S. 7f.

[50] Ion I. Nistor, Cuvânt înainte. In: ebd., S. 12.

[51] Radu Grigorovici, ebd.

[52] Roman Herzog: Text auf dem Rückumschlag. In: Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation. Hg. v. Frank Schirrmacher, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1999.

[53] Roman Herzog: Rede bei der Gedenkveranstaltung aus Anlaß des 60. Jahrestages der Synagogenzerstörung am 9./10. November 1938 ("Reichskristallnacht"). In: Walser-Bubis-Debatte, a.a.O., S. 115.

[54] Jacques Derrida: Positionen: Gespräche mit Henri Ronse, Julia Kristeva, Jean-Louis Houdebine, Guy Scarpetta. Graz / Wien: Böhlau 1986, S. 22f. Apud: Eva-Maria Fahmüller, Postmoderne Veränderungen. Zur deutschen Erzählkunst um 1900, München: iudicium verlag, S. 110.

[55] Der Südostdeutsche, München, vom 15.02.1992.

[56] Otto von Habsburg; Vorwort zu: Alma Mater Francisco-Josephine, München 1975, S. 7.

[57] Hartmut Merkt, a.a.O., S. 34.

[58] Kurt Rein, Deutsche Sprache und Literatur in der Bukowina, a.a.O., S. 26f.

[59] Mihai Eminescu: Proiectul d-lui Conta asupra instrucþiunii [1], a.a.O., S. 464. Vor hundert Jahren also betonte Eminescu, daß "diese Verflechtung der Verbindungen von uns zum westlichen Europa hin und von dem westlichen Europa zu uns her möglich war und mächtig dazu beitrug, daß wir das geworden sind, was wir heute sind: ein starkes Volk lateinischer Herkunft, das sich seiner Sendung als Kulturträger an den Toren des Orients bewußt ist und mit dem lebhaften Willen lebt, sich die Ergebnisse der Erfahrungen Westeuropas einzuverleiben, ohne den harten Gefahren ausgesetzt zu werden, die ihr oft gedroht haben, als es gezwungen war, voreilige und übertriebene Wandlungen durchzumachen." (ebd., S. 465.)

[60] Alexandru Duþu: Conºtiinþã europeanã în scrierile române din secolele XVI-XVII [Europäisches Be-wußtsein im rumänischen Schrifttum des 16. Und 17. Jahrhunderts]. In: Suceava. Anuarul Muzeului Jude-þean, XI-XII, 1984-1985, S. 197 bzw. 198.

[61] Lucian Blaga: Trilogia culturii, Editura de Stat pen-tru Literaturã ºi Artã (ESPLA), Bucureºti 1969.

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